Henkersmahlzeiten in den USA Das letzte Gericht

Wer zum Tode verurteilt ist, muss nicht vor Hunger sterben: Der Staat Texas veröffentlicht den Speiseplan der Delinquenten

Von ANDREAS BERNARD

Seit einiger Zeit zirkuliert eine Liste im Internet, die beim Leser einen merkwürdigen Schauder auslöst. Ursprünglich Teil jener Website, die das Texas Department of Criminal Justice repräsentieren soll (www.tdcj.state.tx.us), hat sie durch die Verbreitung via Mailinglists in den letzten Wochen größere Bekanntheit erlangt. Die Liste führt die Henkersmahlzeiten aller seit der Einführung der Giftspritze in Texas hingerichteten Delinquenten auf (vom 7. Dezember 1982 bis zum 12. Juli 2000 waren das 224 Personen). Eine Aneinanderreihung von Lieblingsgerichten, deren Lektüre sich in dem Bewusstsein vollzieht, eine Übertretung zu begehen, einen verbotenen Blick hinter die Kulissen zu werfen. Man kennt die Frage nach dem Lieblingsgericht: während einer Essenseinladung unter Bekannten, wenn der Gesprächsstoff auszugehen droht, oder im Magazinteil der Zeitungen, in denen Prominente verraten, von welchem Gericht sie sich notfalls ausschließlich ernähren würden. Von den Eigenheiten des Geschmackssinns erhofft man sich Auskünfte über die Identität des Menschen.

Auszug mit den jüngsten Lieferungen texanischer Henkersmahlzeiten aus der im Internet veröffentlichen Liste

(Foto: http://www.tdcj.state.tx.us/stat/finalmeals.htm)

Auf der Liste des TDCJ jedoch bekommt diese Frage existenzielle Bedeutung. Tatsächlich wird hier die Auswahl eines bestimmten Gerichts zu einer Art Vermächtnis. In einem Interview sagte der Gefängniskoch von Huntsville, der vermutlich die meisten der auf dieser Liste aufgeführten Gerichte zubereitete: "Ich glaube, das sind Speisen, mit denen die Verurteilten schöne Erinnerungen aus ihrer Jugend verbinden. " Die Henkersmahlzeit gibt den Gefangenen noch einmal Gelegenheit, ihr Leben Revue passieren zu lassen, aus dem Geschmack des vertrauten Gerichts die Summe der eigenen, von einem bestimmten Punkt an missglückten Existenz zu ziehen. Feuerbachs berühmter Satz "Der Mensch ist, was er isst": Im Zusammenhang mit dem Ritual der Henkersmahlzeit entfaltet er seine volle Wahrheit.

Welche Besonderheiten sind auf dieser Liste zu erkennen? Zunächst die unerwartete Gleichförmigkeit der Menüs. Burger, Steak oder Chicken: diese drei Gerichte machen weit mehr als die Hälfte aller Bestellungen aus. Dass sich die Delinquenten noch einmal eine der typischen amerikanischen Mahlzeiten wünschen, weist vermutlich auf jene frühen Erinnerungen hin, die sie mit diesem Essen verbinden (genauso wie die Todeskandidaten südamerikanischer Herkunft fast ausnahmslos Speisen wie Tacos, Enchiladas oder Fajitas bestellen). Dennoch hat die Wahl des Nationalgerichts als Henkersmahlzeit den verstörenden Effekt einer bedeutungslos gewordenen Integration: Mit ihrem Geschmack nähern sich die Delinquenten noch einmal für einen Augenblick jener Gesellschaft an, deren Ordnung sie so massiv beschädigt haben, dass sie von ihr ein paar Stunden später getötet werden.

Das überraschend schmale Spektrum der Henkersmahlzeiten hat aber auch einen verwaltungstechnischen Grund. Im Laufe des 20. Jahrhunderts schränkten die amerikanischen Gefängnisse nach und nach die freie Wahl der Speisen ein. Um 1900 machten sich die Delinquenten noch eine Art Sport daraus, möglichst Abseitiges und Luxuriöses in Auftrag zu geben, um die Gefängnisverwaltung ein letztes Mal herauszufordern. In Huntsville dagegen gibt es nur das, was in der Küche verfügbar ist. Sogar eine Bestellung wie "Shrimps mit Salat" (Pedro Muniz, hingerichtet am 19. 5. 1998), wird zurückgewiesen, weil keine Meeresfrüchte vorrätig sind. Die Henkersmahlzeit, als der unreglementierte Ausbruch aus der Ordnung der Gefängniskost, ist mittlerweile selbst reglementiert. Alkoholische Getränke und Zigaretten sind seit der Wiedereinführung der Todesstrafe im Jahr 1976 ohnehin verboten. Der Todeskandidat soll in vollem Bewusstsein seinem Schicksal entgegengeführt werden, ungetrübt von den beruhigenden Wirkungen des Alkohols oder des Nikotins. Selbst der traditionelle Wunsch nach einer letzten Zigarette, jahrhundertelang Sinnbild für die ablaufende Lebenszeit des Delinquenten, wird mit dem Hinweis auf die "TDCJ-Policy" verwehrt.

Doch es sind nicht in erster Linie die Einschränkungen, die den Leser berühren; es ist eher die Genauigkeit der Bestellungen. Denn die Akribie, mit der die Delinquenten Menge und Zubereitungsart ihrer Wünsche beschreiben, steht in merkwürdigem Gegensatz zu der Unausweichlichkeit ihres Schicksals. "Vier bis fünf Spiegeleier" (Noble Mays, hingerichtet am 6. 4. 1995), "Pepperoni-Pizza, mittelgroß" (Richard Brimage, Jr. , 12. 3. 1997), "gebratenes Huhn, nur weißes Fleisch" (Richard Foster, 24.5. 2000), "zehn Quesadillas, fünf gefüllt mit Mozzarella, fünf gefüllt mit Cheddar" (Jessy San Migule, 29.6. 2000): Dass die Gefangenen in der Verzweiflung über den bevorstehenden Tod noch die Kraft zu diesen Graden an Differenzierung aufbringen, hat auf den ersten Blick etwas Unverhältnismäßiges. Als wäre es noch von Belang, dass das Steak unbedingt "rare" zubereitet wird (Robert Drew, Sr. , 2. 8. 1994). Doch vielleicht liegt in dieser letzten Erlaubnis zur exakten Differenzierung auch etwas Beruhigendes: so kurz vor dem Tod noch einmal die Möglichkeit zu bekommen, eine Eigenheit, eine besondere Vorliebe herauszustreichen. Manche Bestellungen geben deshalb sogar die Anordnung der Mahlzeit auf dem Teller vor: das Dressing zum Salat soll separat serviert werden (James Clayton, 24. 5. 2000), die geschmolzene Butter zu den Honigsemmeln nicht auf dem Gebäck, sondern daneben (Orien Joyner, 12. 7. 2000).

Irritierend auch die Bestellungen jener Delinquenten, die am Vorabend des Todes noch Maß halten und auf ihren Körper achten. Ronald O'Bryan etwa, hingerichtet am 31. 3. 1984, verlangt Süßstoff statt Zucker zu seinem Tee, Kenneth Dunn (10. 8. 1999) ein "Diet Cream Soda", und Cornelius Goss (23. 2. 2000) möchte sogar nichts weiter als "einen Apfel, eine Orange, eine Banane, eine Kokusnuss und Pfirsiche". Noch die unwiderruflich letzte Mahlzeit scheint auf ihren zukünftigen Nutzen hin ausgerichtet zu sein, auf Fitness und Gesundheit. Keine letzte Feier der Lüste, sondern die Wahrung eines diätetischen Programms. So als käme es auf den möglichst ökonomischen Umgang mit dem eigenen Körper zu diesem Zeitpunkt noch an.

Der Erwartung gemäßer dagegen die Menüs der Ausschweifung, die "zwei Dutzend Rühreier" von Robert Streetman (7. 1. 1988), die "zwölf Stücke gebratenes Huhn" von Domingu Cantu, Jr. (28. 10. 1999) oder die Bestellung von David Castillo (23. 8. 1998): "24 Soft-Shell-Tacos, sechs Enchiladas, sechs Tostados, zwei ganze Zwiebeln, fünf Jalapenos, zwei Cheeseburger, ein Schokoladen-Milchshake, eine Packung Milch". So stellen wir uns eine richtige Henkersmahlzeit vor: Unmittelbar vor seiner Hinrichtung wird dem Delinquenten noch einmal jeder kulinarische Wunsch im Übermaß gewährt; ein letztes Aufflackern der Lebenslust, kurz bevor sie endgültig verlischt. Auffällig ist jedoch, wie sehr dieses Ritual gegen die gewohnte Ordnung des Gefängnislebens verstößt, gegen jene Regulierung des Alltags, der Arbeit und der Mahlzeiten, der auch die Todeskandidaten jahrelang ausgesetzt waren. Die Strafe des Gefängnisses besteht ja, wie Foucault es analysiert hat, weniger in einem passiven Akt der Freiheitsberaubung als vielmehr in einem aktiven der Erziehung und Umformung. "Unaufhörliche Disziplin" ist das Prinzip dieser Institution; ihr "Einwirken auf das Individuum duldet keine Unterbrechung". Zu einem Teil vollzieht sich diese Disziplinierung über das Essen. Ein karger und unabhängig vom Willen der Insassen zusammengestellter Speiseplan, das sprichwörtliche "Wasser und Brot", soll zur Mäßigung beitragen, soll aus den Gesetzesübertretern wieder brauchbare Staatsbürger machen.

Was bedeutet vor diesem Hintergrund die letzte Ausschweifung der Henkersmahlzeit? Alles an ihr - die Üppigkeit, die individuelle Zusammenstellung - spricht der Gefängnisordnung Hohn. Offenbar gilt diese Ordnung für den Todeskandidaten schon nicht mehr; die Institution fühlt sich mit ihren Disziplinierungsmaßnahmen nicht mehr zuständig. Es wäre daher ein Missverständnis zu glauben, man gäbe dem Delinquenten im Augenblick der Henkersmahlzeit noch einmal ein wenig Würde und Selbstbestimmung zurück. Eher ist das Gegenteil der Fall: Mit der Erlaubnis zur Maßlosigkeit gibt man ihm zu verstehen, endgültig aus der Ökonomie des Rechtssystems herausgefallen zu sein. Diesen Körper, der am nächsten Morgen ohnehin ausgelöscht sein wird, muss man nicht mehr durch vorgegebene Regeln formen. In seiner Zelle darf der Gefangene über jene Stränge schlagen, die man ein paar Räume weiter für ihn geknüpft hat.

Wenn die Henkersmahlzeit nicht mehr dem lebendigen Menschen gilt, dem man noch eine letzte Freude bereiten will - an wen ist sie dann adressiert? Der Jurist Hans von Hentig ist dieser Frage in seinem Buch "Über den Ursprung der Henkersmahlzeit" von 1958 nachgegangen. Seine ethnologische Untersuchung über dieses Jahrtausende alte Ritual äußert schon in den ersten Zeilen den Verdacht, dass das Wohl des Hingerichteten die geringste Rolle spielen könnte: "Unverbrüchlich halten die Völker an einer Maßnahme fest, die kein Gesetz vorschreibt, als ob sie ihnen mehr nütze als dem Delinquenten. " Hentig trägt Materialien aus den unterschiedlichsten Kulturen zusammen, die ihn in seiner These bestätigen, dass die Henkersmahlzeit zu keiner Zeit ein Akt der Humanität war, sondern eher eine Art Besänftigungsritual. Der gewaltsam zu Tode Gebrachte soll, ähnlich wie die umsorgten Menschenopfer in archaischen Gesellschaften, vor der Exekution milde gestimmt werden, damit er nicht als Rachegeist wiederkehre. So ließe sich "der alte, rätselhafte Widerspruch zwischen kalter Grausamkeit und zarter letzter Gunsterweisung" erklären.

In dem Ritual der Henkersmahlzeit, wie es in den US-Gefängnissen noch praktiziert wird, überlebt diese Furcht vor der Wiederkehr einer zürnenden Seele. Der Weg zur Pforte des Todes führt deshalb noch für eine kurze Zeit durchs Schlaraffenland, um jenen "seelischen Zustand herzustellen, den der arme Sünder in die Geisterwelt mitnehmen" soll. Nicht umsonst errichten amerikanische Gefängnisse in der Zeit vor der Hinrichtung eine Art Übergangsraum zwischen Leben und Tod, der mit der Kargheit des Gefängnisalltags nicht mehr viel zu tun hat. Der so genannte Todestrakt, in den die Häftlinge verlegt werden, ist nämlich nicht, wie man vielleicht denken könnte, noch schmuckloser als die gewöhnlichen Zellen, sondern ein Ort der Entspannung: bessere Bettwäsche, gepflegtere Kleidung und eben auch eine letzte luxuriöse Mahlzeit. Schmeicheln will man mit diesen Vorzügen aber nicht mehr dem lebendigen Körper des Delinquenten, sondern schon seiner unsterblichen Seele. Die Henkersmahlzeit: eine zu Lebzeiten verabreichte Grabbeigabe.

Hentig erzählt von einem Fall, in dem der Gefängnisdirektor einen trotzigen Todeskandidaten anfleht, doch bitte sein Essen anzurühren. In solchen Momenten wird deutlich, dass das Ritual der Henkersmahlzeit keineswegs ein kurzes, großmütiges Ausscheren auf dem Weg zur Hinrichtung ist, sondern elementare Bedingung ihres reibungslosen Ablaufs. Denn durch Bestellung und Verzehr seiner Lieblingsspeise signalisiert der Delinquent sein Einverständnis mit dem Kommenden; er spielt gewissermaßen mit und autorisiert seinen bevorstehenden Tod. Was geschieht dagegen, wenn die Henkersmahlzeit verweigert wird, wenn sich ein "Missklang in die Erbaulichkeit der Prozedur" mischt, wie Hentig sagt? Offensichtlich geht vom leeren Magen des Gefangenen etwas Beunruhigendes und Unversöhnliches aus. Dass ausgezehrte Körper dem Strafsystem Schwierigkeiten bereiten, weiß man seit den großen Hungerstreik-Aktionen der IRA oder der RAF. So gefährlich schienen sie für die Ordnung des Gefängnisses zu sein, dass man in vielen Fällen zu Zwangsernährungs-Maßnahmen greifen musste (im Spektrum der Gefängniskost der absolute Gegenpol zur Henkersmahlzeit). Doch was macht den hungernden Körper des Delinquenten so bedrohlich? Er schließt keinen Frieden mit seinen Richtern, verweigert die Unterzeichnung des eigenen Urteils. Von den Hungerstreikenden weiß man, dass sie immer wieder zu Märtyrern wurden, sich von Tätern in Opfer zu verwandeln drohten. Eine solche Entwicklung muss das Gefängnis mit aller Macht unterbinden. Die Henkersmahlzeit gehört zu den wirksamen Instrumenten, um ein letztes Auflehnen des Delinquenten abzufedern. Auch wenn Alkohol als Beigabe nicht mehr erlaubt ist, soll sie ihn auf dem Weg in den Tod ein wenig anästhesieren.

Die 224 Hingerichteten von Huntsville haben diese Anästhesierung zum Großteil in Kauf genommen. Nur knapp ein Zehntel verweigerte die Bestellung einer Henkersmahlzeit und ließ sich nüchtern auf die Pritsche im Injektionsraum führen. 224: Diese Zahl wird, wenn man das Dokument in naher Zukunft anklickt, schon nicht mehr stimmen. Durchschnittlich drei bis vier Menschen sind in letzter Zeit pro Monat hingerichtet worden. Auf der Liste des TDCJ gibt der bekannte Hinweis "Last Updated on . . ." darüber Auskunft, ob sich die Zahl der aufgeführten Henkersmahlzeiten schon wieder erhöht hat. Es ist überflüssig zu sagen, dass dieses Datum und der Tag der jüngsten Hinrichtung stets übereinstimmen. Selten wurde das Aktualitätsbestreben der Internet-Websites von ähnlichem Zynismus umweht.