Helmut Schmidt im Interview Harte Kritik an der Nato

Auch für das Verteidigungsbündnis, in dem Deutschland während des Kalten Krieges Sicherheit fand, das aber nun mit den neuen Konflikten überfordert scheint, hat Schmidt harsche Kritik übrig. Die Nato, so der 91-Jährige, bestehe aus Tausenden Generalstabsoffizieren und Diplomaten, die am laufenden Bande Planspiele machen, Konferenzen veranstalten, Schlagworte in die Welt setzen.

Schmidt: "Die Nato ist völlig ins Kraut geschossen. Sie hat einen riesenhaften Umfang angenommen, und sie folgt ihren eigenen, inneren Gesetzmäßigkeiten. Jede Bürokratie neigt dazu, sich zu vergrößern. Die Nato-Bürokratie ist heute viel größer als zu Zeiten des Kalten Krieges. Während sie im Kalten Krieg damit beschäftigt war, den Verteidigungsfall gegenüber der Sowjetunion zu planen, beschäftigt sie sich heute mit der Niederwerfung der Taliban in Afghanistan."

Die Probleme, gerade im Umgang mit der islamischen Welt, seien zu komplex, als dass sie ein militärisches Bündnis lösen könnte, sagt Schmidt - und urteilt hart über humanitäre Interventionen.

Schmidt: "Das Spannungsverhältnis mit der islamischen Welt schafft Sicherheitsprobleme, die kaum und jedenfalls nicht ausschließlich mit militärischen Mitteln zu behandeln sind. Wir sollten sie sehen, aber wir sollten uns nicht einbilden, dass alle Probleme irgendwo auf der Welt unsere Aufgaben sind. Wir haben uns, ohne dass die Öffentlichkeit mitgegangen ist, an allzu vielen humanitären Interventionen beteiligt. Übrigens auch an einigen völkerrechtswidrigen, wie Kosovo und Bosnien-Herzegowina. Ich neige dazu, jeden Einzelfall unter die Lupe zu nehmen und in vielen Fällen nein zu sagen. Wenn andere Leute sich gegenseitig umbringen wollen, dann ist das nicht notwendigerweise unsere Sache, das zu verhindern. Es ist auch nicht unsere Sache, dafür das Leben der eigenen Soldaten aufs Spiel zu setzen."

Trotz aller Gefahren durch Terrorismus und globale Konflikte. Wichtigste Aufgabe für Deutschland bleibt nach Ansicht von Schmidt, ein gutes Verhältnis zu seinen europäischen Nachbarn zu haben.

Schmidt: "Die Deutschen haben - mit der Ausnahme der Schweiz - mit all ihren Nachbarn Krieg geführt, nicht bloß einmal. Wenn die Deutschen schwach waren, weil es keinen deutschen Staat gab, dann sind die anderen von außen gekommen, haben zentripetal ihre Soldaten ins Zentrum Europas geschickt und haben hier gehaust wie die Botokuden. Wenn die Deutschen stark waren oder sich stark fühlten, dann haben sie zentrifugal nach draußen gestoßen, zum Beispiel zweimal nach Russland, dreimal nach Frankreich, noch öfter nach Polen! Die wichtigste Aufgabe der deutschen Sicherheitspolitik ist es, ein gutes Verhältnis zu den Nachbarn herzustellen. Übrigens auch unter dem Aspekt von Gefahren, die von weiter außen kommen könnten. Es ist sehr unwahrscheinlich, dass wir allein solcher Gefahren Herr werden können. Anders gesagt: Der Kern des deutschen strategischen Interesse ist die Europäische Union."

Das gesamte Interview mit Helmut Schmidt lesen Sie am Freitag in der Süddeutschen Zeitung.