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Helmut Schmidt:Aus Prinzip standhaft

RAF wollte auch Kanzler Schmidt entführen

Helmut Schmidt während einer Fernsehansprache im September 1977, in der er Stellung nimmt zur Entführung des Arbeitgeber-Präsidenten Hanns Martin Schleyer.

(Foto: picture-alliance/ dpa)

Helmut Schmidt hat Leben gerettet, aber auch schwere Entscheidungen getroffen. Seine Angst vor der Verantwortung hat ihn nie verzagen lassen. Was seine Nachfolger von ihm lernen können.

Er wollte das Amt nicht. Nicht unter diesen Umständen. Nicht zu diesem Zeitpunkt. Angeschrien hat er Willy Brandt, dass ein Bundeskanzler wegen solcher Lappalien nicht zurücktreten dürfe.

Es hat nichts geholfen. Schmidt musste Kanzler werden, nachdem Brandt im Frühjahr 1974 wegen der Guillaume-Affäre und den Gerüchten um seine Frauen-Bekanntschaften sein Amt niedergelegt hat. Schmidt entschuldigte sich später bei Brandt für den Ausfall. Angst habe er gehabt, schrieb er in seinen "Erinnerungen" Jahrzehnte später, "Angst vor der Verantwortung".

Das coole Orakel von Hamburg-Langenhorn

Nun ist Helmut Schmidt tot, gestorben als "uralter Mann", wie er über sich selbst sagte. Umstritten auf den höchsten Stufen der Macht war er. Umworben, verehrt, bejubelt am Ende seiner Tage. Zum Schluss war er das coole Orakel von Hamburg-Langenhorn.

Schmidt konnte sagen, wie sich die Großmächte der Welt entwickeln werden, welche Bedeutung China erlangen wird, wohin Putins politische Reise geht. Jede Frage zur Weltpolitik zermahlte die Abteilung Tiefenanalyse in seinem Kopf in kleinste Fragmente. Und setzte diese zu schlichten, unübertroffen klaren Hauptsätzen zusammen.

Die Angst, die er verspürte, als er die Kanzlerschaft übernahm, sie hat ihn nicht ängstlich werden lassen. Sondern überlegter, präziser und entschlossener.

Die Herausforderungen sind heute andere als in den Kanzlerjahren 1974 bis 1982. Die RAF ist Geschichte, der Wirtschafts- und Ölkrise von damals sind andere, viel schlimmere Krisen gefolgt. Aber seine Standhaftigkeit und seine Prinzipientreue sind immer geblieben.

Schmidt war überzeugter Realist. Und dann erst Demokrat. Als Innensenator von Hamburg hat er die Sturmflut von 1962 - wie es wohl heute heißen würde - "gemanagt". Er hat alle Kompetenzen kurzerhand an sich gerissen. Hat sogar die Bundeswehr eingesetzt - obwohl es dafür keine rechtliche Grundlage gab.

Flexibel innerhalb seiner Leitplanken

Der Spiegel schrieb damals: "Die Hansestadt Hamburg war führerlos und unfähig, einen Führer zu berufen, als die Sturmflut über sie kam. Der Führer berief sich selbst." Schmidt rettete so Hunderten das Leben.

Wie würde einer wie Schmidt heute wohl die Flüchtlingskrise angehen oder die Euro-Krise? Inhaltlich lässt sich das schwer sagen. Aber er hätte Führung übernommen. Ohne Kompromisse.

Seine Prinzipientreue war mehr als Maskerade für die Öffentlichkeit. Das stellte sich bald heraus. Eines seiner Prinzipien: Der Staat verhandelt nicht mit Terroristen. Es kostete dem 1977 von der RAF entführten Arbeitgeberpräsidenten Hanns Martin Schleyer das Leben. Er sei "mitschuldig" an dessen Tod, bekannte Schmidt, als er 2013 den Hanns-Martin-Schleyer-Preis entgegennehmen durfte.

Die Jury, in der auch Schleyers Sohn Hanns Eberhard saß, begründete die Verleihung des Preises an Schmidt damals so: "Eine besondere Herausforderung für unseren Rechtsstaat wie auch für Bundeskanzler Helmut Schmidt war das Jahr 1977. Die Unausweichlichkeit entscheiden zu müssen, forderte besonders von ihm persönlich in kaum vorstellbarem Maße Abwägung, Gewissensprüfung und Mut."

Helmut Schmidt war trotz seiner Prinzipien flexibel genug, innerhalb seiner Leitplanken Politik immer wieder neu zu beschreiben und in seinen politisch aktiven Jahren zu gestalten. Hätte er noch Zeit gehabt damals, Ende 1982, er hätte auch den Nato-Doppelbeschluss in seiner Partei sicher durchgesetzt. Schmidt galt als einer der Miterfinder.

Was man von Schmidt lernen kann

Die Sowjetunion hatte sich mit neuen Mittelstreckenraketen vom Typ SS-20 atomar hochgerüstet. Das Gleichgewicht der Mächte drohte aus den Angeln gehoben zu werden. Schmidts Idee war, das Gleichgewicht mit ähnlichen Raketen vom Typ Pershing II wiederherzustellen und die Mittelstreckenraketen zugleich in die Verhandlungen über eine gemeinsame Rüstungskontrolle mit den Sowjets aufzunehmen.

Schmidts sozial-liberale Regierung aber platzte Ende 1982 im Streit über den wirtschaftspolitischen Kurs; die FDP lief zu Helmut Kohls CDU über. Auf dem Kölner SPD-Parteitag 1983 stellte sich die Mehrheit der damaligen Delegierten dann plötzlich hart gegen den Nato-Doppelbeschluss. Darunter auch Willy Brandt.

Jahrelang hatte zuvor auch Brandt seinen Nachfolger öffentlich in seiner Haltung unterstützt. Schmidt war am Ende des Parteitages nur einer von 14 Delegierten, die den Nato-Doppelbeschluss weiter unterstützen. Am Ende lagen die anderen falsch. Kohl hat Schmidts Politik fortgeführt. Der Nato-Doppelbeschluss hat den Frieden tatsächlich sicherer gemacht.

Wenn man von diesem großen Staatsmann zwei Dinge lernen kann, dann diese: Standhaftigkeit und Prinzipientreue. Und vielleicht noch ein wenig "Angst vor der Verantwortung". Aber die wächst ja erst mit den Aufgaben.

© SZ.de/odg
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