Helmut Schmidt auf Tournee:"Ein alter Mann ohne Einfluss"

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Kompromisslos ist der schreibende Altkanzler auch, wenn es um das Völkerrecht geht. Für ihn ist es die Grundlage aller internationalen Beziehungen. Die Kriege in Bosnien und im Kosovo hält Schmidt für falsch, auch wenn dadurch die sogenannten ethnischen Säuberungen verhindert wurden. Es sei eben "viel einfacher, mit militärischer Macht" in ein souveränes Land "reinzugehen, als mit Anstand rauszukommen, ohne ein Chaos zu hinterlassen". Das gelte auch für Afghanistan.

Helmut Schmidt auf Tournee: Helmut Schmidt will nicht jede Frage von Moderator Claus Kleber beantworten.

Helmut Schmidt will nicht jede Frage von Moderator Claus Kleber beantworten.

(Foto: Foto: dpa)

Oskar Lafontaine würde es freuen, das zu hören. Aber auf den ehemaligen SPD-Chef und jetzigen Ober-Linken ist Schmidt nicht gut zu sprechen. Mit Hitler hat Schmidt ihn jüngst verglichen. Die Aufregung darüber hielt sich in Grenzen.

Kanzlerin Angela Merkel hat Georgien offen die Mitgliedschaft in der Nato versprochen. Doch die entsprechenden Klauseln im Atlantischen Vertrag, belehrt Schmidt, bezögen sich allein auf eine europäische Erweiterung der Nato.

Schon die Türkei gehöre nicht zu Europa. Und Georgien erst recht nicht. "Die Nato tummelt sich in Georgien, in Asien, in Afghanistan. Ist das alles unsere Aufgabe? Ich habe da erhebliche Besorgnisse und Zweifel, muss ich sagen."

Bis dahin hat Helmut Schmidt nicht eine Zigarette geraucht. Endlich macht Kleber darauf aufmerksam, dass zumindest auf der Bühne das Rauchen erlaubt sei. Schmidt greift umgehend in seine Innentasche, holt eine Packung Zigaretten hervor und zündet sich eine an.

"Und das sagen Sie mir erst jetzt?", pafft Schmidt. Kleber: "Ich dachte, das wüssten Sie oder würden sich im Zweifel nicht darum scheren." Schmidt schielt zu Kleber, als er den ersten tiefen Zug aus seinen Lungen entlässt. "Ich bin ein gesetzestreuer Bürger."

Ein halbe Stunde haben sie noch Zeit. Sie reden noch über die Gefahren der Atomwaffen, über Gott in der Politik und dass Schmidt ihn da nie gebraucht habe.

Am Ende dankt Claus Kleber seinem Gesprächspartner für das Gespräch. Beifall. Schmidt erhebt sich. Etwas zittrig in den Knien greift er nach seinen Zigaretten, Stock in der Rechten. Einmal dreht er sich noch zu seinem Publikum, bevor er endgültig geht. Er winkt ab, als die Menschen im Saal aufstehen, um ihm zu applaudieren.

Er ist ja auch nur ein "alter Mann ohne Einfluss".

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