bedeckt München 21°
vgwortpixel

Helmut Schmidt auf dem SPD-Parteitag:Europa schrumpft - und kann deshalb nur vereint überleben

Doch Schmidts Verweis auf die geschichtliche Verantwortung bildet nur das Fundament für die Begründung, dass Europa zusammenstehen muss. In seiner Rede macht er klar, dass auch der Blick in die Zukunft die europäische Integration zu einer "Lebensnotwendigkeit für die Nationalstaaten unseres alten Kontinentes" mache. Damit es auch jeder versteht, erklärt Schmidt, was mit Europa in den kommenden Jahren und Jahrzehnten passieren wird: "Es schrumpft und schrumpft und schrumpft".

Es schrumpft die Bevölkerung, nicht allein nominal - auch im Verhältnis zum Rest der Welt. Doch Europa schrumpft auch ökonomisch: Der Anteil an der weltweiten Wertschöpfung sinkt. Das heißt: "Wenn wir die Hoffnung haben wollen, das wir Europäer eine Bedeutung haben für die Welt, dann können wir das nur gemeinsam. Denn als einzelne Staaten kann man uns am Ende nur noch in Promillezahlen messen."

Im Handeln der gegenwärtig Regierenden erkennt Schmidt Fehlentwicklungen, die zu einer solchen Marginalisierung führen könnten. Da ist zunächst der aus seiner Sicht grundfalsche Ansatz bei der Griechenland-Rettung: Das hochverschuldete Land solle ausgerechnet in einer Phase wirtschaftlicher Stagnation sparen, dass es quietscht - die Wut über so viel ökonomischen Unverstand ist dem 92-Jährigen deutlich anzumerken.

Seit Jahren verletze Deutschland das Ideal außenwirtschaftlichen Gleichgewichtes. Schmidt warnt: "Diese unsere Überschüsse sind in Wirklichkeit die Defizite der anderen europäischen Staaten." Oder: "Ihre Schulden sind unsere Forderungen."

Verweis auf Brünings Deflationspolitik

Wer deshalb glaube, Griechenland könne durch Sparen geholfen werden, der "möge gefälligst die schicksalhafte Wirkung von Heinrich Brünings Deflationspolitik studieren." Die habe in der Weimarer Republik "die Depression und ein unerträgliches Ausmaß von Arbeitslosigkeit ausgelöst". Und letztlich zum Scheitern der ersten deutschen Demokratie geführt.

Diese Geschichtskenntnis, die Demut gegenüber der eigenen Geschichte und den künftigen Aufgaben einer Politik der europäischen Integration, vermisst Schmidt bei der schwarz-gelben Koalition. Stattdessen verortet der Altkanzler in der Bundesregierung einen Hort "schädlicher deutschnationaler Kraftmeierei". Da sei der eine, der sich gegen eine europäische Transferunion stemme. Und dort der andere, gemeint ist Unions-Fraktionschef Volker Kauder, der durch die Gegend poltere mit der Ankündigung, in Europa werde künftig deutsch gesprochen.

Ja, Schmidt kann es. Er hat geliefert, worin Merkel, Steinbrück aber auch Steinmeier und Gabriel seit Wochen versagen. Er hat die neue "europäische Erzählung" geliefert, die Steinbrück seit Monaten nur ankündigt.

Schmidt wird nicht Kanzlerkandidat werden. Aber seine Zigarette, die hat er sich verdient.

Thorsten Denkler twittert live vom SPD-Parteitag unter @thodenk.

© sueddeutsche.de/joku

Lesen Sie mehr zum Thema

Zur SZ-Startseite