Helen ZilleSüdafrikas „Eiserne Lady“ will es noch einmal wissen

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„Sie hat es schon einmal gemacht“: Helen Zille war als Bürgermeisterin von Kapstadt hoch erfolgreich. Nun will sie das in Johannesburg wiederholen.
„Sie hat es schon einmal gemacht“: Helen Zille war als Bürgermeisterin von Kapstadt hoch erfolgreich. Nun will sie das in Johannesburg wiederholen. (Foto: PHILL MAGAKOE/AFP)
  • Helen Zille, die 74-jährige frühere Bürgermeisterin von Kapstadt, will Bürgermeisterin von Johannesburg werden und kehrt damit auf die große politische Bühne zurück.
  • Johannesburg leidet nach Jahren des Missmanagements unter massiven Problemen wie häufigen Strom- und Wasserausfällen, Verfall der Innenstadt und grassierender Kriminalität.
  • Die Stadt hatte seit 2019 zehn Bürgermeister, darunter drei von Zilles Partei DA, was den Job zu einem der schwierigsten der Welt macht.
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Mit 74 Jahren will Helen Zille Bürgermeisterin von Johannesburg werden. Warum tut sie sich das noch an  – einen der schwierigsten Jobs der Welt?

Von Paul Munzinger, Kapstadt

Soll sie es wirklich machen? Soll sie mit 74 Jahren aus dem Fast-Ruhestand noch einmal auf die große politische Bühne zurückkehren? Helen Zille, die Grande Dame der südafrikanischen Politik, hat in den vergangenen Monaten immer wieder betont, dass ihr diese Entscheidung nicht leicht falle. Schließlich stehe nicht weniger als das wöchentliche „Adventure Date“ mit ihren Enkeln auf dem Spiel, die „größte Freude“ in ihrem Leben. Auch ihr Mann habe bereits klargestellt, dass er mit 82 keinen Umzug mehr mitmachen werde und in Kapstadt bleiben wolle, wo die Familie lebt.

Doch seit dem Wochenende weiß nun ganz Südafrika: Sie wird es trotzdem machen. Helen Zille – von ihren Fans als „Eiserne Lady Südafrikas“ verehrt, von ihren Gegnern als „Godzille“ geschmäht –will Bürgermeisterin von Johannesburg werden. Es ist das politische Comeback des Jahres in Südafrika. Und eine Bewerbung um einen der schwierigsten Jobs der Welt. Johannesburg, sagte Zille, als sie von ihrer Partei, der Democratic Alliance (DA), in Soweto offiziell als Kandidatin für die Wahl im kommenden Jahr präsentiert wurde, sei „Südafrikas erschütterndstes Beispiel dafür, was eine schlechte Regierung guten Menschen antun kann“.

Sie enthüllte einst den Mord am schwarzen Bürgerrechtler Steve Biko

Helen Zille wurde 1951 in Johannesburg geboren, als Tochter deutsch-jüdischer Eltern, die vor den Nazis nach Südafrika geflohen waren. Sie machte sich zunächst als Journalistin, die sich kritisch mit dem Apartheid-Regime auseinandersetzte, einen Namen. 1977 enthüllte sie, dass der schwarze Bürgerrechtler Steve Biko nicht an einem Hungerstreik, sondern unter Polizeifolter gestorben war. Nach dem Ende der Apartheid schloss sie sich der liberalen Democratic Party an, die im Ruf stand, die Partei der weißen Minderheit im Vielvölkerstaat Südafrika zu sein – genau wie heute ihre Nachfolgerin, die DA.

2006 gelang Zille, was viele für unmöglich hielten: Sie gewann die Wahl zur Bürgermeisterin der damals arg gebeutelten Stadt Kapstadt und fügte damit dem regierenden Afrikanischen Nationalkongress (ANC) die erste schwere Wahlniederlage nach dem Ende der Apartheid zu. Sie ging entschlossen gegen Kriminalität und Misswirtschaft in der Stadt am Kap vor und wurde 2008 als weltbeste Bürgermeisterin ausgezeichnet.

2009 wiederholte sie ihr Kunststück eine Etage höher, als die DA dem ANC unter Zilles Führung auch die gesamte Provinz entriss, das Westkap. Sie wurde Ministerpräsidentin und festigte endgültig ihren Ruf als personifizierter Albtraum des ANC. Ihre damals gewagt wirkende Ankündigung, dass die DA innerhalb von 20 Jahren in Südafrika mitregieren werde, ist seit den jüngsten Wahlen Realität: 2024 verlor der ANC erstmals seine absolute Mehrheit und musste eine Mehrparteienkoalition eingehen, der auch die DA angehört. Zille selbst hatte sich zu diesem Zeitpunkt schon in die zweite Reihe zurückgezogen, 2015 legte sie den Parteivorsitz nieder.

Dass die DA sie nun in Johannesburg wieder ins Rennen schickt, hat mindestens zwei Gründe. Erstens hatten der Partei laut südafrikanischen Medien mehrere andere Kandidaten zuvor abgesagt. Und zwar schwarze Kandidaten, auf die man in Südafrikas größter Stadt eigentlich setzen wollte, auch um dem eigenen Image zu entkommen. Zille ist insofern einerseits eine Notlösung.

Andererseits werden ihr, und das ist der zweite Grund, durchaus Erfolgschancen eingeräumt – aufgrund ihrer Popularität auch jenseits der klassischen DA-Klientel und ihrer Erfahrung als Bürgermeisterin in scheinbar aussichtsloser Lage. „Sie hat es schon einmal gemacht“, sagte DA-Chef John Steenhuisen bei Zilles Kür am Samstag in Anspielung auf ihre Zeit in Kapstadt.

Johannesburg hatte seit 2019 zehn Bürgermeister

Tatsächlich ist die Lage Johannesburgs heute sogar noch düsterer. Die Fünf-Millionen-Stadt, in der Ende November der G-20-Gipfel stattfinden wird, leidet nach Jahren des Missmanagements und der Korruption unter massiven Problemen. In vielen Stadtteilen gibt es häufig weder Strom noch fließendes Wasser, die Innenstadt verfällt, die Kriminalität grassiert. Der heutige Bürgermeister, der ANC-Politiker Dada Morero, ist der zehnte Bürgermeister seit 2019.

„Wir werden unsere Stadt von der kriminellen Mafia zurückerobern und sie denen zurückgeben, die sie lieben“, versprach Zille in ihrer Bewerbungsrede. Gewählte Volksvertreter, sagte sie, müssten von dem Wunsch getrieben sein, ihrer Gemeinde zu dienen, statt sie zu bestehlen. Was Zille freilich nicht erwähnte: dass die DA drei der zehn letzten Bürgermeister Johannesburgs stellte.

Nicht nur deshalb stößt ihre Kandidatur nun auch auf viel Gegenwind. Kritiker sehen es als Rückschritt, dass die DA zugunsten Zilles schwarze Kandidaten übergangen habe. Andere weisen darauf hin, dass Kapstadt und das Westkap zwar in wirtschaftlichen Fragen besser dastünden als der Rest des Landes, den Kampf gegen Armut, Arbeitslosigkeit und Kriminalität aber keineswegs gewonnen hätten. Vor allem aber sind es Zilles häufig kontroverse Aussagen, die ihr auch viele entschiedene Gegner eingebracht haben. 2017 etwa hatte sie parteiübergreifend Empörung verursacht, als sie auf die angeblich guten Seiten des Kolonialismus hinwies.

Einen überraschenden Fürsprecher aber hat Zille auch gefunden, zumindest indirekt. Südfrikas ANC-Präsident Cyril Ramaphosa hatte vor wenigen Tagen zum Entsetzen vieler Parteigenossen erklärt, dass man anerkennen müsse, dass die bestgeführten Gemeinden in Südafrika nicht vom ANC regiert werden. Es sei daher nicht falsch, einmal nach Kapstadt zu schauen, um von der Konkurrenz zu lernen. Dass Zille es sich nicht entgehen ließ, genüsslich aus dieser Rede zu zitieren, versteht sich von selbst.

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