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"Helden der Arbeit" in Russland:15,25 Gramm Ehre

Vladimir Putin hands out awards to Heroes of Labor

Wladimir Putin und der neue Held der Arbeit: Walery Gergiyev vom Mariinsky Theater, in Strelna nahe St. Petersburg am 1. Mai 2013

(Foto: dpa)

An diesem 1. Mai werden in Russland "Helden der Arbeit" ausgezeichnet - erstmals seit dem Zerfall der Sowjetunion. Präsident Putin hat den Orden wieder eingeführt. Der goldene Stern erinnert ganz bewusst an alte Zeiten.

Er hätte den Preis verdient, wer würde daran zweifeln. Leonid Roschal ist ein Mann der Heldentaten. Als im Dezember 1988 in Armenien die Erde bebte, brach er von einem Mediziner-Kongress direkt in den Kaukasus auf. "Wer kommt mit?", fragte der russische Kinderarzt noch seine Kollegen, dann flog er davon. Roschal half auch im Krieg um Berg-Karabach, pflegte Kinder in Afghanistan, im Gazastreifen, in Haiti, bei den russischen Terrordramen in Beslan und beim Musical "Nord-Ost". 80 Jahre alt ist er nun geworden, Russlands Zeitungen gratulieren. Keine Frage, Leonid Roschal wäre wohl ideal für die Auszeichnung, die so alt klingt und doch neu ist: "Held der Arbeit". Zum ersten Mal seit dem Zerfall der Sowjetunion wird sie nun vergeben.

Die von Präsident Wladimir Putin gegründete Allrussische Volksfront jedenfalls hat unter anderem Roschal vorgeschlagen, auch eine Frau aus Tula, die zu ihren beiden eigenen Kindern weitere 35 angenommen hat. An diesem 1.-Mai-Feiertag wird Russland die Namen der Geehrten erfahren. Roschal selber sagte der Zeitung Iswestija, "die Rückkehr dieser Auszeichnung ist richtig. In Russland gibt es viele Menschen, die sie bekommen können - ich bin ich das nicht unbedingt".

Fünfzackig ist der goldene Stern, 15,25 Gramm schwer, und wenn der Orden an die alten Sowjetzeiten erinnert, ist das durchaus gewollt. "Bei uns in der Sowjetunion gab es den Titel ,Held der sozialistischen Arbeit', und nach meiner Ansicht war er gerechtfertigt", sagte Präsident Putin bei einem Auftritt vor dem Allrussischen Volkskongress.

Die ersten "Helden der Arbeit" wurden 1928 ausgezeichnet, zehn Jahre später fügten die Sowjets das Adjektiv "sozialistisch" hinzu. Fast 20 000 Menschen, Werktätige, erhielten den Orden bis 1991. Manche verloren ihn auch wieder. Dem Dissidenten und Atomphysiker Andrej Sacharow etwa wurde der Status eines dreimaligen Helden der Arbeit vom Obersten Sowjet wieder aberkannt, wegen "antisowjetischer Tätigkeit". Als in der sterbenden Sowjetunion der Kapitalismus auflebte, wurde die Preisvergabe abgeschafft. Boris Jelzin wollte bewusst brechen mit der Heldenverehrung vergangener Zeiten. Erst Putin führt den Orden nun wieder ein. Manche loben, andere kritisieren dies.

Sergej Petrow, Vizepräsident des Regionalen Gesellschaftsfonds zur Unterstützung der Helden der Sowjetunion und Russlands, glaubt, dass die Auszeichnung die Menschen dazu ansporne, "berufliche Höhen zu erreichen". Das Online-Journal Börsenführer fragte spitzfindig, ob es denn im Kapitalismus "Helden der Arbeit" überhaupt gebe. Und wenn ja, nach welchen Kriterien? "Bergarbeiter oder Show-Künstler? Die Anführer befreundeter Staaten wie Weißrusslands Präsident Alexander Lukaschenko? Oder russische Oligarchen, die mehr Geld verdient haben als alle anderen?" "Julie0109" kommentierte im Blog des Radiosenders Echo Moskaus, "es wäre besser, wir schafften komfortablere Arbeitsbedingungen und höhere Löhne als mythische Auszeichnungen".

Kaum Stimmen sind vernehmbar, außer bei den Kommunisten, die Moskau gern auf dem Weg zurück in die Sowjetunion sähen. Punktuelle Anleihen aber gibt es, wenn sie praktisch erscheinen oder Identitäten stiften sollen; die Musik der Nationalhymne etwa, die Wiedereinführung des Militär-Unterrichts, den die Regierungspartei Einiges Russland in einem Gesetzentwurf beantragt hat. Nun also "Held der Arbeit". Mitarbeiter des Monats gibt es auch in russisch-amerikanischen Schnellrestaurants, aber eine offizielle Auszeichnung durch den Staat hält der Menschenrechtler Lew Ponomarjow nicht mehr für zeitgemäß. "In der UdSSR war der Staat der einzige Arbeitgeber. Er hat den Arbeitsmarkt vollkommen beherrscht. Im heutigen Russland arbeiten im Staat die Beamten, alle anderen sind im privaten Business beschäftigt", sagt er. "Es gibt Handwerker, Manager, Freiberufler, da gibt es keine Normen."

Verändert hat sich auch der 1. Mai, der Tag, an dem in St. Petersburg die "Helden der Arbeit" ausgezeichnet werden. Der Tag, der mit Umzügen und Ansprachen gefeiert wird. Laut dem Umfrage-Institut Lewada haben immer weniger Russen überhaupt noch Lust auf diese Tradition.