Heißzeit:Wenn Städte vor Ideen sprühen

Lesezeit: 2 min

Künstlicher Nebel soll helfen, die Sommerhitze abzumildern.

Von Claudia Henzler

Wenn, wie vor einigen Tagen, das Thermometer schon vormittags 36 Grad anzeigt und sich das halbe Dorf zum Festumzug auf dem heißen Asphalt aufstellt, ist es eigentlich nur eine Frage der Zeit, bis der erste Trachtenträger mit Kreislaufschwäche zu Boden sinkt. Es sei denn, die Freiwillige Feuerwehr rückt an und rettet die Dorfgemeinschaft mit einem Sprühregen aus dem Tankwagen - wie gerade im sächsischen Seifersbach geschehen.

Schon manches Stadtfest wurde nur durch einen solchen Einsatz zum Erfolg. Und nach dem heißen Sommer 2018 stellen sich nun viele Kommunen darauf ein, dass sie wegen des Klimawandels in Zukunft deutlich öfter für Abkühlung sorgen müssen, als sie der örtlichen Feuerwehr zumuten können. Deshalb werden auch hierzulande immer mehr Vorrichtungen aufgestellt, die man bisher vor allem aus südlicher gelegenen Gegenden kennt, aus Städten wie Las Vegas oder Dubai: Schmale Tore und Säulen, die einen feinen Wassernebel versprühen und die hitzegeplagten Passanten kurzzeitig aufatmen lassen - und das im Gegensatz zur Dusche aus dem Feuerwehrschlauch sogar, ohne sie nass zu machen. Denn die von Hochdruckdüsen erzeugten Tröpfchen verdunsten sofort. Weil sie der Luft dabei Wärme entziehen, entsteht der angenehme Kühleffekt.

Unter dem Eindruck der jüngsten Hitzewelle haben jetzt Stadträtinnen aus München, Nürnberg und Würzburg unabhängig voneinander beantragt, doch bitte solche Sprühnebelanlagen zu beschaffen. Düsseldorf hat schon im vergangenen Sommer für 2600 Euro einen mobilen Wasserzerstäuber angeschafft, der bei einem achtstündigen Einsatz auf Sportveranstaltungen etwa 960 Liter reines Leitungswasser verbraucht. Den Düsseldorfern ist das Gerät unter der etwas vornehmeren französischen Bezeichnung Brumisateur geläufig, weil man sich die Idee in Frankreich abgeschaut hat. Im Nachbarland können Spaziergänger bereits in mehreren Großstädten an Nebelspendern vorbeiflanieren.

Wenn die Stadt Wien demnächst eine Straße zu einer ersten "kühlen Meile" umgestaltet, wird sie vier Wasserzerstäuber fest auf den Gehwegen installieren. Die Verwaltung reagiert damit auf eine beunruhigende Beobachtung: In den vergangenen Jahren mussten in einem dicht bebauten Bezirk mehr und mehr Rettungswagen wegen Hitzebeschwerden ausrücken - vor allem älteren Menschen hat der Aufenthalt im Freien zu schaffen gemacht. In der geplanten Oase werden Wasserzerstäuber allerdings nur eine von mehreren Komponenten sein. Sie sollen durch einen neuen Bodenbelag, durch Trinkaufsätze auf den Hydranten und mindestens 20 zusätzliche Bäume mit ausladender Krone ergänzt werden.

Denn so angenehm die Nebelkühlung ist: Mit ihr allein werden Lokalpolitiker die Aufenthaltsqualität in den heißen Innenstädten nicht dauerhaft verbessern können. Fachleute empfehlen ein Gesamtkonzept mit Frischluftschneisen, hellem Pflaster und vor allem deutlich mehr schattenspendendem Grün. Solch ein Umbau ist natürlich nicht so billig zu haben, wie es wäre, ein paar Nebelduschen aufzustellen. So müssen die Wiener bereit sein, für ihre kühle Meile fast fünfzig Parkplätze zu opfern.

© SZ vom 08.07.2019 - Rechte am Artikel können Sie hier erwerben.
Zur SZ-Startseite
Jetzt entdecken

Gutscheine: