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Historiker Heinrich August Winkler:Stimme der Bundesrepublik

Heinrich August Winkler

Heinrich August Winkler, fleißiger Erforscher der deutschen Westanbindung

(Foto: dpa)

Heinrich August Winkler gilt als der Mann, der den Weg Deutschlands in die westliche Wertegemeinschaft nachgezeichnet hat. Der Historiker sprach im Bundestag zum 70. Jahrestag des Kriegsendes

Von Franziska Augstein

Staatstragende Historiker gibt es viele. Allein Heinrich August Winkler ist es gelungen, zur Stimme der Bundesrepublik zu werden. Er ist seit 1962 Mitglied der SPD, wird aber auch von der CDU hoch geschätzt. Deshalb hält er an diesem Freitag im Bundestag die Gedenkrede anlässlich des 70. Jahrestags des Kriegsendes. Wie kam er dazu?

Als der Schauspieler Heinz Rühmann einmal gefragt wurde, warum er so erfolgreich sei, antwortete er: "Arbeiten, arbeiten und arbeiten." So hält es auch Winkler. Bis heute hat er zwanzig Bücher verfasst, von seinen zahlreichen Aufsätzen und Editionen nicht zu reden. Wenn er angefangen hat zu schreiben, kommen im Nu mehrere Bände dabei heraus.

1944 zog seine verwitwete Mutter mit dem fünfjährigen Heinrich aus Ostpreußen weg. Das war Winklers erster langer Weg nach Westen. Der zweite erschien im Jahr 2000 in Gestalt einer zweibändigen Monografie. "Der lange Weg nach Westen" zeigt den historischen Werdegang der Deutschen als Entwicklungsgeschichte: hin zur Anerkennung universaler Werte und der repräsentativen Demokratie.

Einmal im Westen angekommen, fühlte Winkler sich dort so wohl, dass er in vier Bänden eine "Geschichte des Westens" von der Antike bis in die Gegenwart nachlegte. In diesem Mammutwerk schildert er den Westen als ein "normatives Projekt", das 1776 mit der Grundrechte-Erklärung im amerikanischen Virginia seinen Anfang genommen habe und mit der Erklärung der Menschenrechte in Paris 1789 vollends aufs Gleis gesetzt worden sei.

Steine in der Erfolgsgeschichte des Westens

Etliche Historiker haben ihm vorgehalten, das "normative Projekt des Westens" werde von der geschichtlichen Realität wenig gedeckt, die Idee des "Westens" gebe es erst seit dem 20. Jahrhundert, und der Westen, unter Führung der USA, habe sich bei der Verwirklichung der Menschenrechte nicht nur Meriten erworben.

Diese Kritik kratzte Winkler aber gar nicht. Mit der ihm eigenen Gewissenhaftigkeit hat er ja in seiner Ereignisgeschichte festgehalten, wo es bei der Realisierung des "normativen Projekts" noch haperte.

Vertrackter, ja problematisch, erschien ihm vielmehr, dass die westliche Erfolgsgeschichte sich nicht bis heute weitererzählen ließ. Zu viele Steine lagen im Weg: der auch in seinen Augen üble Irak-Krieg, regierungsamtlich angeordnete Folter, Drohnenschläge gegen Zivilisten, "Kollateralschäden" in Serie. Deshalb änderte Winkler seinen Begriff "normatives Projekt". Jetzt redet er von einem "normativen Prozess".

Projekt oder Prozess: Es spielt keine Rolle. Winkler, der Sozialdemokrat und kämpferische Gegner von allem, was nach Kommunismus riecht, hat das Selbstverständnis der offiziellen Bundesrepublik in seinen Büchern über den Westen auf 5900 Seiten auf den Punkt gebracht: Deutschland ist eine funktionierende Demokratie, ein loyaler Partner der USA, ein Gemeinwesen, das aus der Geschichte gelernt hat.

© SZ vom 08.05.2015/gal

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