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Heimunterricht:Studie zeigt große Probleme

Kinder und Jugendliche beschäftigten sich während der Schulschließungen viel weniger mit Lernen als zuvor - und mehr mit Fernsehen oder ihrem Smartphone.

Von Paul Munzinger

Kinder und Jugendliche haben während der coronabedingten Schulschließungen nur halb so viel Zeit mit Lernen verbracht wie vor der Pandemie. Das geht aus einer Umfrage unter Eltern hervor, die das Münchner Ifo-Institut für Wirtschaftsforschung am Mittwoch vorstellte.

Die Zeit, die Schüler sich täglich mit Unterricht oder Hausaufgaben beschäftigten, verringerte sich demnach im Schnitt von 7,4 auf 3,6 Stunden. Dafür saßen sie länger vor dem Fernseher oder dem Handy, die Dauer sogenannter passiver Tätigkeiten stieg um mehr als eine Stunde am Tag. "Der Ausfall des Schulbesuchs konnte nur in geringem Maße durch gesteigerte Lernaktivitäten zu Hause aufgefangen werden", schreiben die Forscher um den Bildungsökonomen Ludger Wößmann.

Ein schlechtes Zeugnis stellten die mehr als 1000 befragten Eltern den Schulen aus, 38 Prozent von ihnen waren mit deren Krisenmanagement sehr oder eher unzufrieden. Dies sei ein "ungewöhnlich hoher Wert", so Forscher Wößmann. Besonders die Lehrer stehen in der Kritik. Fast die Hälfte der Eltern gab an, ihr Kind habe nie Online-Unterricht mit der Klasse gehabt und nie ein persönliches Gespräch mit einer Lehrkraft. 17 Prozent der Eltern erklärten, ihre Kinder hätten für erledigte Aufgaben von den Lehrern nie eine Rückmeldung erhalten. Die große Mehrheit würde sich einen täglichen Kontakt wünschen.

Katja Suding, Vorsitzende der FDP-Fraktion im Bundestag, sagte, "das System Schule" sei "vor unseren Augen zeitweise fast völlig zum Erliegen gekommen". Im neuen Schuljahr dürfe es "kein zweites Unterrichtsdesaster geben".

Heinz-Peter Meidinger, Präsident des Deutschen Lehrerverbands, warf der Ifo-Studie "methodische Unschärfen" vor. So sage allein die Zeit, wie auch die Forscher selbst einräumen, nichts über Intensität und Qualität des Lernens aus. Für Lehrer in Vollzeit, so Meidinger, sei es "nicht zu leisten" gewesen, mit allen Schülern in Kontakt zu treten, auch aufgrund der mangelnden technischen Ausstattung der Schulen. Bei manchen Schülern sei dies auch nicht nötig gewesen. Meidinger räumte aber ein, dass die Studie Defizite aufzeige. "Es gibt Lehrkräfte, die weniger gemacht haben, als die Schulen geschlossen waren - aber es gibt auch viele, die mehr gemacht haben."

Ebenfalls am Mittwoch legte die nationale Wissenschaftsakademie Leopoldina ihre Empfehlungen für das neue Schuljahr vor. "Die Schließung ganzer Bildungseinrichtungen sollte so weit wie möglich verhindert werden", heißt es dort. Schüler sollten in Gruppen unterrichtet werden, die zueinander möglichst wenig Berührungspunkte haben. Das planen auch die Bundesländer, im Gegenzug sollen keine Abstandsregeln gelten. Die Leopoldina spricht sich zudem für eine Maskenpflicht auch in Klassenzimmern aus. Eine solche Regelung sieht bislang nur Nordrhein-Westfalen vor. Lehrergewerkschaften hatten sich zuletzt kritisch zu dem geplanten Regelbetrieb im neuen Schuljahr geäußert, auch SPD-Chefin Saskia Esken sprach von einer "Illusion".

© SZ vom 06.08.2020
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