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Heidemarie Wieczorek-Zeul:Von Herz bis Haar rot

Seit zehn Jahren sitzt Heidemarie Wieczorek-Zeul als Entwicklungsministerin in der Bundesregierung. Sie ist pragmatisch, liebt den Zoff - und blieb stets bekennende Sozialdemokratin.

Eine Revolutionärin war Heidemarie Wieczorek-Zeul nie, sie redete nur so. Gehandelt hat sie immer pragmatisch, und das erklärt vielleicht auch, weshalb sie sich seit zehn Jahren als Entwicklungshilfeministerin im Bundeskabinett hält - länger als jeder ihrer zehn Vorgänger.

Heidemarie Wieczorek-Zeul; dpa

Seit zehn Jahrern Entwicklungshilfeministerin: Die "rote Heidi" ist unerschrockene Karrierefrau und liebt den Zoff.

(Foto: Foto: dpa)

In die Regierung geholt hat sie 1998 Gerhard Schröder, auch wenn er sie zu Beginn der rot-grünen Koalitionsregierung öfter spüren ließ, dass er von ihr als Person wie auch von ihrem Ressort nie sonderlich begeistert war. Erst kürzte er ihr den Etat, was sie über Rücktritt nachdenken ließ. Dann aber folgte er ihr, förderte die Entwicklungshilfe, unterstützte die Milleniumsziele der Vereinten Nationen und beschloss mit den Regierungschefs der G-8-Staaten einen Schuldenerlass für die ärmsten Länder.

Kanzler Schröder hatte entdeckt, dass er mit Entwicklungshilfe Sympathien einheimsen und traditionelle SPD-Wähler an die Partei binden konnte - genau so wie er es später beim Irak-Krieg mit seiner störrischen Haltung gegenüber dem US-Präsidenten George W. Bush gemacht hat. Als Heidemarie Wieczorek-Zeul als erste deutsche Ministerin im Bundestag eine Regierungserklärung zur Entwicklungshilfe-Politik vortragen durfte, saß der Kanzler als einziger Regierungsvertreter im schwach besetzen Plenum und hörte geduldig zu.

Die "rote Heidi", wie sie seit den siebziger Jahren, als sie Juso-Vorsitzende war, teils liebevoll und teils geringschätzig genannt wird, dankte es Schröder. Sie diente ihm loyal und mit großem Einsatz, ärgerte den Grünen-Außenminister Joschka Fischer (weil sie früher als er bei Fidel Castro in Kuba war), hielt die SPD-Linken in Schach, indem sie politische Kurskorrekturen - sei es in der Sozialpolitik oder beim Einsatz von Bundeswehr-Soldaten im Ausland - stets tapfer verteidigte.

Die gebürtige Frankfurterin, die ihr breites Hessisch nie abgelegt hat, ging mit 23 Jahren zur SPD, kämpfte gegen die Notstandsgesetze und festigte ihr politisches Bewusstsein beim Frankfurter Häuserkampf unter den Wasserwerfern der hessischen Polizei. Sie war auch eine unerschrockene Karrierefrau, die als Lehrerin begann, wurde Stadträtin in Rüsselsheim, prägte den aufrührerischen SPD-Bezirk Hessen-Süd, ging ins Europa-Parlament, in den Deutschen Bundestag und saß in Präsidium und Vorstand der SPD.

"Vom Herzen bis zu den Haaren rot", wie sie selber sagt, hat Wieczorek-Zeul, 65, bei aller Kompromissbereitschaft ihre linke Grundhaltung nie verleugnet. Von jeher liebt sie den Zoff, wollte vom kleinen Lebensmittel- und Gemüseladen der Eltern "nach oben, in die großbürgerlichen Schichten", empfahl klassenkämpferisch, Gehälter auf 5000 Mark zu begrenzen, verlangte von Franzosen und Briten, auf eigene Atomwaffen zu verzichten und konnte sich ein wiedervereinigtes Deutschland in der Nato nicht vorstellen.

Einer Mitkämpferin aus Hessen gilt ihre volle Solidarität: Andrea Ypsilanti soll Ministerpräsidentin werden - auch mit den Stimmen der Linken. Wortbruch gegenüber den Wählern, sagt die rote Heidi, sei es, Roland Koch weiterregieren zu lassen.

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