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Hedgefonds-Manager Robert Mercer:Bannon ist so etwas wie der politische Coach der Mercers

Diese Aussage ist auch deshalb bemerkenswert, weil die Mercers durchblicken lassen, welche konkreten politischen Ziele sie verfolgen. Seit der Supreme Court 2010 entschieden hat, dass private Parteispenden vom ersten Verfassungszusatz geschützt werden - und damit de facto die Begrenzung von Spenden aufgehoben hat -, gehören die Mercers zu den spendabelsten Geldgebern in der US-Politik. Doch hinter ihrer Finanzhilfe eine politische Linie zu erkennen, fällt schwer. Zehn Millionen Dollar haben Vater und Tochter dem Vernehmen nach in Breitbart.com investiert. Die Nachrichtenseite ist das Portal der Alt-Right-Bewegung, auf der sich rechte Provokateure wie Milo Yiannopoulos austoben konnten (der mittlerweile nicht mehr zum Stab gehört) - und der Steve Bannon als Chef zum Erfolg verholfen hat.

Seit mindestens 2012 ist Bannon so etwas wie der politische Coach der Mercers. Manche Beobachter befürchten, der geschickte Manipulator Bannon profitiere gleichermaßen von der Naivität und dem Vermögen der Familie. Dagegen spricht, dass sich vor allem Rebekah Mercer einmischt. Sie soll regelmäßig in der Breitbart-Redaktion anrufen, wenn sie in Artikeln Rechtschreib- oder Grammatikfehler entdeckt. Und nach der Wahlniederlage von Mitt Romney 2012 hielt die Mutter von vier Kindern anderen Großspendern der Republikanischen Partei eine Standpauke, die diese nachhaltig beeindruckte.

Seitdem ziehen die Mercers - durchaus mit einer gewissen Gnadenlosigkeit - ihr eigenes Ding durch. "Ich weiß nicht, was ihre Prinzipien sind. Ich weiß nicht, wie man so schnell von Ted Cruz zu Donald Trump wechselt", wunderte sich ein Breitbart-Mitarbeiter im Atlantic. Die Antwort muss wohl lauten: Das einzige Prinzip, das die Mercer interessiert, ist Erfolg.

In Meetings soll Robert Mercer häufig leise vor sich hinpfeifen

Vater und Tochter selbst haben sich noch nie öffentlich zu ihrer Agenda geäußert, Interviews geben die beiden grundsätzlich nicht. Robert Mercer, so berichten jene, die geschäftlich mit ihm zu tun haben, scheue nicht nur die Öffentlichkeit, er sei auch im sozialen Umgang unbeholfen. In Meetings soll er häufig leise vor sich hinpfeifen. Auf einen Artikel im Wall Street Journal reagierte Mercer einst mit einem kurzen Statement: "Ich bin glücklich, durchs Leben zu gehen, ohne irgendetwas zu irgendjemandem zu sagen."

Damit passt der heute 70-Jährige ins Klischee des Computergenies, das sich umgeben von Maschinen am wohlsten fühlt. Tatsächlich soll ein ehemaliger Chef bei IBM Mercer einmal als "Automat" bezeichnet haben. Viel häufiger fällt im Zusammenhang mit Mercer aber der Begriff "brillant".

Er studierte Physik und Mathematik und machte seinen Doktor in Informatik. Nach der Uni ging Mercer zu IBM und wurde dort Teil eines Teams, das Computern beibringen sollte, menschliche Sprache zu verstehen und zu verarbeiten. Die Programmierer um Mercer entschieden sich, den zu der Zeit populären, linguistischen Ansatz zu vernachlässigen, und sich auf das zu konzentrieren, was sie am besten konnten: Statistik. Sie fütterten die Computer mit riesigen Datenmengen - Mercer selbst soll sich sechs Monate freigenommen haben, um ein Wörterbuch "Englisch - Spanisch" einzutippen. Das Mercer-Team gewann schließlich den internen Pitch: Noch heute arbeiten Übersetzungssoftwares wie Google Translate nach dem Prinzip, das Mercer einst mitentwickelte.

Die Geschichte des Abweichlers vom Meinungsmainstream gefällt Mercer - nicht erst seit Trump. In den vergangenen Jahren hat die Mercer Family Foundation 1,6 Millionen Dollar an einen Mann gezahlt, der auf einer Schaf-Ranch in Oregon lebt und in riesigen Kühltruhen Tausende Urin-Proben sammelt. Arthur Robinson ist der Überzeugung, irgendwann die medizinische Diagnostik zu revolutionieren und menschliches Leben verlängern zu können. Der 75-Jährige hat sich in der Vergangenheit viermal als Abgeordneter seines Distrikts für das Repräsentantenhaus beworben, und viermal verloren. Weder Robinson noch seine Förderer ficht das an - sie eint die feste Überzeugung, am Ende Recht zu behalten.

2014 verlieh die Association of Computational Linguistics Mercer einen Preis für sein Lebenswerk. In seiner Dankesrede - einer seiner seltenen öffentlichen Auftritte - erinnerte er sich an eine Begebenheit während seiner College-Zeit, als er im Computerlabor auf einer Militärbasis in New Mexiko jobbte: Er habe seinen Vorgesetzten einen Weg gezeigt, wie sich die Geschwindigkeit bestimmter Computerprogramme um das Hundertfache steigern ließe. Doch anstatt so Zeit und Geld zu sparen, ließen seine Chefs die Computer hundertmal so viele Berechnungen durchführen. Mercers Fazit: Regierungsmitarbeitern gehe es "nicht um Antworten, sondern darum, das Budget auszuschöpfen".

Seine politischen Ziele mögen mysteriös sein, seine Motivation ist klar - da sind sich alle, die Mercer ein bisschen kennen, einig. Patrick Caddell, ein erfolgreicher wie umstrittener Meinungsforscher (er half unter anderem Jimmy Carter, Präsident zu werden), beschrieb Mercer im Magazin New Yorker als Libertären: "Er verachtet das republikanische Establishment. Er glaubt, dass die Parteispitze aus korrupten Betrügern besteht, die das Land ruiniert haben."

Damit ist Mercer auf einer Linie mit Trump, der sich nun jedoch qua Amt mit den Mitgliedern seiner Partei arrangieren muss, wenn er ein Desaster wie jüngst bei der Abstimmung über die Abschaffung von Obamacare verhindern will. Mercer selbst dürfte es in der Sache mit den konservativen Hardlinern gehalten haben, zumindest wenn man David Magerman glaubt. Magerman arbeitet seit 20 Jahren für Renaissance Technologies und hat seinen Chef offen kritisiert. Ihm zufolge ist Mercer der Überzeugung, dass sich der Wert eines Menschen danach bemisst, wie viel er Geld er erwirtschaftet. Wer Sozialleistungen in Anspruch nimmt - also das Geld ausgibt, das andere verdient haben - hat einen negativen Wert. Die Philosophie dahinter geht auf den Objektivismus-Ansatz der Autorin Ayn Rand zurück. Mercer hat in der Vergangenheit eine Dokumentation über Rand mitfinanziert.

Magerman wäre bereit, sich selbst - und seinem Chef - den Geldhahn zuzudrehen

Magerman hält Mercers politisches Engagement für gefährlich. Dieser habe sich de facto "Anteile an einem Kandidaten" gekauft, sagte er dem Inquirer. "Robert Mercer besitzt heute einen beträchtlichen Anteil an der Präsidentschaft." Solche Aussagen haben Magerman bereits eine 30-tägige Suspendierung eingebracht. Doch er ist sogar bereit, noch einen Schritt weiterzugehen: Magerman erwägt, gemeinsam mit der demokratischen Senatorin Elizabeth Warren eine Initiative voranzutreiben, die genau die Art von Finanzgeschäften einschränken würde, die das Geschäftsmodell von Renaissance Technology sind. Er würde damit sich selbst den Geldhahn zudrehen - aber eben auch seinem Chef.

Die Unterstützung mancher Kollegen hätte Magerman womöglich. Ein anderer Mitarbeiter von Renaissance Technologies sagte dem New Yorker unter der Bedingung der Anonymität: "Bob (Robert Mercer, Anm. d. Red.) findet, je weniger Regierung, desto besser. Es freut ihn, wenn die Leute der Regierung misstrauen. Und wenn der Präsident ein Dummkopf ist? Damit hat er kein Problem. Er will, dass alles zusammenbricht."

© SZ.de/mcs
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