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Geburtshilfe:Hebammen in die Politik!

Midwife and mother giving newborn baby a belly massage to help with digestion model released Symbolf

Nachsorgebesuch einer Hebamme

(Foto: Mareen Fischinger/imago)

Die Überlastung der Geburtshilfe verschärft sich in der Corona-Krise unter dem Radar. Menschen nicht immer bestmöglich versorgen zu können, ist für Hebammen schon lang Alltag. Damit sich ihre Arbeitsbedingungen verbessern, muss die Politik dafür sorgen, dass sie mehr zu sagen haben.

Gastbeitrag von Andrea Villmar

In diesen Tagen erhalten Mitarbeiter des Gesundheitswesens aus der Politik viel Applaus, sie erfahren Solidarität. Der Stress, dem sie ausgesetzt sind, besorgt die Gesellschaft. Die Angst, dass Patienten nicht richtig versorgt werden könnten, ebenso. Doch unter extrem verknappten Bedingungen zu arbeiten, Menschen nicht immer gut versorgen zu können, das ist in der Geburtshilfe seit Jahren tatsächlich Alltag. Die Situation verschärft sich in der aktuellen Krise unter dem Radar, denn Kinder kommen weiter zur Welt. Es ist in gewisser Weise tragisch ironisch, eine derartige Kapazitätenkrise in einem Jahr zu erleben, das von der Weltgesundheitsorganisation als Jahr der Hebammen und Pflegenden ausgerufen wurde.

Als letztes Land in Europa hat Deutschland mit dem Hebammenreformgesetz die grundständige Ausbildung von Hebammen vollständig an Hochschulen überführt. Die Hinzuziehungspflicht, also die Anwesenheit einer Hebamme bei jeder Geburt, bleibt erhalten, ebenso Tätigkeiten wie Geburtshilfe und Wochenbettbetreuung. Die Zuständigkeiten in der geburtshilflichen Versorgung scheinen geklärt zu sein. Das Gesetz unterstützt den Professionalisierungsprozess des Berufs. Es verbessert jedoch nicht die finanzielle und personelle Ausstattung der Geburtshilfe.

Obwohl freiberufliche Hebammen durch den Sicherstellungszuschlag für die Berufshaftpflichtversicherung entlastet wurden, ist in den vergangenen Jahren ein akuter Hebammenmangel spürbar geworden. Dieser konnte allerdings bisher nicht eindeutig mit Zahlen belegt werden, denn es gab bisher keine Meldestelle für aktive Hebammen. Verschiedene Bestandsaufnahmen auf Bundes- und Länderebene zeigen: Das Hauptproblem, das es zu lösen gilt, ist die angespannte Situation in der klinischen Geburtshilfe. Hier geht es um Zuständigkeiten, Arbeitsabläufe und die wirtschaftliche Ausrichtung im Gesundheitssystem. In den letzten Jahren wurden zahlreiche geburtshilfliche Abteilungen in Kliniken geschlossen. Zusätzliche Geburten mussten von anderen, umliegenden Kliniken bei gleichbleibender Anzahl von Kreißsälen und Personal betreut werden. Die Geburtenzahlen sind seit 2018 auf einem relativ hohen Niveau konstant.

Also verdichtet sich die Arbeit, in jedem Dienst. In einer Befragung für eine Studie in Nordrhein-Westfalen berichten Hebammen von vielen Überstunden und Zusatzdiensten, auch von vorübergehenden Kreißsaalschließungen. Die Unzufriedenheit ist groß: Hebammen fehlen Gestaltungsmöglichkeiten in der klinischen Arbeit, sie müssen sich in Hierarchien fügen und aufgrund von Zeitmangel eine Geburtshilfe praktizieren, die dem Berufsverständnis eigentlich widerspricht. Die Qualität der Betreuung gerät in den Hintergrund, muss diese doch überhaupt erst mal aufrechterhalten werden.

Diese Situation steht konträr zu der wissenschaftlich fest etablierten Erkenntnis, dass eine Eins-zu-eins-Betreuung - eine Hebamme betreut also nur eine Frau in der aktiven Phase der Geburt - entscheidend für die Sicherheit und langfristige Gesundheit von Mutter und Kind ist. Aus gesundheitsökonomischer Sicht ist es daher erstaunlich, wie wenig sichtbar die Berufsgruppe der Hebammen ist - im System und in den Gremien, die über die Organisation der Geburtshilfe entscheiden. Dabei gibt es mit dem Deutschen Hebammenverband eine Interessenvertretung und mit der Deutschen Gesellschaft für Hebammenwissenschaft eine Fachgesellschaft. Beide wirkten an der Vorbereitung und Verabschiedung des Hebammenreformgesetzes mit.

In Neuseeland, Großbritannien und Australien haben Hebammenkammern hingegen eine langjährige Tradition. Dort zeigt sich: Je mehr Hebammen sich politisch einmischen und Gehör finden, desto besser ist es für ihre Arbeitsbedingungen - und für die Bedingungen, unter denen Frauen gebären.

Dafür werden Hebammen gebraucht, die nicht (nur) in der Versorgung tätig sind, sondern beratend, als Lobbyistinnen; die als Managerinnen für eine Geburtshilfe sprechen, die Frauen und ihre Kinder und Familien in den Mittelpunkt stellt. Eine Akademisierung des Berufes und eine Entwicklung der eigenen wissenschaftlichen Fachdisziplin können diesen Prozess beschleunigen. Vor allem aber sollten zukünftig politische und organisatorische Maßnahmen initiiert werden, um die an der gesundheitlichen Versorgung beteiligte Berufsgruppen stärker in Gestaltungs- und Entscheidungsprozesse einzubinden.

Für die Hebammen würde das bedeuten: Bundesweit und flächendeckend leiten Hebammen die Geburtshilfe bei unkritischen Verläufen auch in der Klinik. Das ist gesetzlich legitimiert und wird außerklinisch bereits so praktiziert. Es gäbe eine Chefhebamme in jeder Abteilung, die neben dem Chefarzt für die Betreuung von physiologischen Geburten zuständig und verantwortlich ist; die auch Budgetverantwortung trägt, über Investitionen entscheidet und für die Ausgestaltung der klinikinternen Geburtskultur verantwortlich ist. Auf politischer Ebene wäre nach aktueller Rechtsprechung eine Hebammenkammer das politische Organ, das Mitspracherecht und Selbstverwaltung auf höchster Ebene stärken könnte. Hebammen würden beispielsweise berufsgruppenintern über Qualitätskriterien und Weiterbildungsrichtlinien entscheiden. Ebenso gäbe es eine bindende Berufsethik. An dieser Stelle sei gesagt, dass ein starker Verband, eine Fachgesellschaft, eine Gewerkschaft und eine Kammer an unterschiedlichen Stellen, die mit unterschiedlichen Blickwinkeln und für unterschiedliche Gruppen sprechen, sich in ihren Aufgaben ergänzen.

Und wieso nicht eine Hebamme im Bundesministerium für Gesundheit, die für die Belange von schwangeren und gebärenden Frauen und deren Versorgung zuständig ist und in den entsprechenden Gremien deren Standpunkte einbringen kann? Die Bundesregierung hat mit Andreas Westerfellhaus auch einen Pflegebevollmächtigten. Derzeit beruft sich die Politik so sehr auf Gesundheitsexperten wie nie zuvor. Konsequent weitergeführt, könnte das eine echte Verbesserung für gebärende Frauen bedeuten - und für diejenigen, die sich um sie kümmern.

Andrea Villmar ist Hebamme und Gesundheitsökonomin. Sie arbeitet an der Hochschule für Gesundheit in Bochum.

© SZ vom 21.03.2020

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