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Junge Hartz-IV-Empfänger:Wieso sind junge Menschen trotz Lehrlingsmangel arbeitslos?

Die Jungen leiden psychisch im Schnitt noch schlimmer unter Arbeitslosigkeit als andere Altersgruppen. Das erklärt die Sozialpsychologin Andrea Zechmann von der Universität Nürnberg: "Von jungen Menschen wird erwartet, dass sie nach Schule, Ausbildung oder Studium direkt in einen Job wechseln. Wenn sie das nicht tun, entwickeln sie sich nicht gemeinsam mit Gleichaltrigen und fühlen sich ausgegrenzt."

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Arbeit ist wichtig für die seelische Gesundheit: "Sie gibt uns soziale Kontakte, verleiht uns einen gewissen Status, sie zwingt uns dazu, aktiv zu sein, sie strukturiert unseren Tag und unsere Woche, trägt dazu bei, dass wir uns kompetent fühlen und gibt uns das Gefühl, etwas Sinnvolles zu tun." Die meisten Menschen wollen arbeiten, auch Jugendliche seien im Normalfall sehr motiviert, betont Zechmann. Das Klischee des "Hartzens" als Lebenstraum (Jugendwort 2009) begegnet auch der Arbeitssoziologin Schels in ihren Studien mit Jugendlichen fast gar nicht: "Da sieht man eine sehr hohe Ausbildungsorientierung. Die Gruppe, die gar nichts machen will, ist verschwindend gering."

Das Klischee hält sich trotzdem hartnäckig, und auf den ersten Blick scheint die Situation auch paradox: Die Wirtschaft boomt, dem Arbeitsmarkt geht es so gut wie seit Jahren nicht mehr, und überall werden händeringend Lehrlinge gesucht. Wieso waren 2017 trotzdem 6,8 Prozent der jungen Menschen arbeitslos?

Schels nennt zwei Gründe: "Manche haben keinen Schulabschluss oder keine so guten Noten." Damit kommen sie für viele Stellen gar nicht infrage, weil Betriebe sie nicht als Auszubildende in Betracht ziehen. Die zweite Erklärung sind die Ansprüche der Jugendlichen: "Viele der offenen Ausbildungsstellen sind in Berufen, die für die jungen Menschen nicht attraktiv sind." Zum Beispiel in der Gastronomie, in der Pflege oder im Verkauf fehlen die Bewerber.

"Bildung gibt es hier nicht"

Auch bei Markus scheitert es nicht am Willen zum Arbeiten, sondern an der Stellenauswahl. "Ich verstehe nicht, warum man mich lieber in 450-Euro-Jobs steckt, als mir eine langfristige Anstellung zu ermöglichen", sagt er.

Markus will seit Jahren eine Ausbildung machen, aber die kostet Geld. Einen Ausbildungsplatz bei einem Kindergarten organisierte er sich selbst, doch als er beim Jobcenter nach Unterstützung dafür fragte, wurde abgelehnt. "Bildung gibt es hier nicht" war die Antwort der Sachbearbeiterin, erzählt Markus.

Er versuchte es immer wieder, bei verschiedenen Betreuern. Doch immer wieder wurde er abgewiesen. Dabei hat das Arbeitsamt gerade bei jungen Menschen den Anspruch, ihnen eine Aus- und Weiterbildung zu ermöglichen. Dass Markus genau das immer wieder verweigert wurde, hat einen bitter-ironischen Grund.

Nach seinem Schulabschluss hatte seine Mutter ihn überzeugt, etwas "Vernünftiges" zu lernen. Markus machte eine Ausbildung zum Verkäufer, wurde danach übernommen, und stellte nach einem Monat fest, dass er es nicht ertrug, sechs Stunden am Tag Regale einzuräumen und mit niemandem zu reden. "Ich wollte lieber etwas Kreatives machen, oder was mit Menschen." Doch die Arbeitsagentur wollte ihm keine zweite Ausbildung bezahlen - er hatte ja schon eine. Weiterbildungen fördert das Amt grundsätzlich nur, wenn sie notwendig sind, um die Arbeitslosigkeit zu beenden. Ob das der Fall ist, entscheiden die Sachbearbeiter. "Für meinen Berufsweg war die Ausbildung tödlich", sagt Markus heute.

Eine Frage, auf die er elf Jahre lang gewartet hat

Sanktionen haben in seinem Fall nichts gebracht, weil sie nicht die Ursache für seine Arbeitslosigkeit bekämpften. Arbeitsamt und Jobcenter bemühen sich inzwischen um Alternativen, auch manchen Sachbearbeitern wäre es lieber, weniger sanktionieren zu müssen. "Die Förderung der beruflichen Weiterbildung, etwa Umschulungen, rücken immer mehr in den Vordergrund", erklärt Professorin Schels.

Den Wandel hat Markus schon erlebt: Er hat seit kurzem eine neue Sachbearbeiterin, die ihn im Gespräch fragte: "Wenn ich mir Ihre Interessen so ansehe - wollen Sie nicht vielleicht noch mal eine Ausbildung machen?" Auf diese Frage hat er elf Jahre lang gewartet. "Da bin ich in Tränen ausgebrochen, und habe mich tausendmal bedankt", erzählt er.

Jetzt macht er erst mal ein Jobcoaching. Um zu testen, ob das noch klappt, eine Ausbildung mit 32.

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