Süddeutsche Zeitung

Hans Rosling:Eigentlich geht es der Menschheit gut - und dieser Mann kann es beweisen

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Mit nüchternen Statistiken entkräftet Medizinprofessor Hans Rosling Vorurteile über Armut, Weltbevölkerung und Flüchtlinge.

Von Thomas Steinfeld

Bekannt war der schwedische Mediziner Hans Rosling schon gewesen, bevor er Anfang September in einer Nachrichtensendung des dänischen Fernsehens auftrat, um mit dem Moderator die Lage der Welt zu diskutieren. Hans Rosling aber dachte nicht daran, sich an die diplomatischen Regeln eines Gesprächs in einem öffentlichen Sender zu halten. Der schmale Mann mit der großen Brille und dem trockenen Humor nutzte die paar Minuten, um den Journalisten einer Prüfung in Allgemeinwissen zu unterziehen.

In Sekundenschnelle ging es um das numerische Verhältnis reicher und armer Länder, um den Anteil an Kindern, die gegen Masern geimpft sind, und um die Quote für Mädchen, die regelmäßig eine Schule besuchten. Am Ende des Gesprächs fiel der nun berühmte, weil millionenfach im Internet wiederholte Satz: "Ich habe recht, und du irrst dich." Dieser Satz bezog sich auf den Zustand der Welt. Wohin man auch schaue, meint Hans Rosling, sehe die Lage weitaus besser aus als vor dreißig oder vierzig Jahren.

Er erklärt Kompliziertes mit Äpfeln und Strichmännchen

Hans Rosling, geboren 1948, ist eigentlich Arzt für Innere Medizin und arbeitete zwei Jahre in der Entwicklungshilfe in Mosambik, bevor er sich in den Achtzigern den Zusammenhängen zwischen Gesundheit, wirtschaftlicher Entwicklung und Politik zuwandte, die seitdem sein Arbeitsgebiet bilden.

Als Fachmann für "internationales Gesundheitswesen" beriet er die Weltgesundheitsorganisation (WHO) oder das Kinderhilfswerk der Vereinten Nationen, bevor er mit dieser Spezialisierung Professor am Karolinska Institutet wurde, der Forschungsklinik in Stockholm, die auch den Nobelpreis für Medizin vergibt.

Eine besondere Leidenschaft bindet Hans Rosling an den Umgang mit Statistiken, und zwar nicht nur, weil er über ein beträchtliches Talent verfügt, komplizierte Verhältnisse mithilfe von Äpfeln oder Strichmännchen zu erklären - wobei er den Übergang zum Komiker nicht scheut. Sondern auch, weil seine eigentliche Obsession der Ausweitung der Datenbasis gilt, zwecks Ersetzung von Vorurteilen durch das, was er harte Fakten nennt.

Rosling rechnet mit einem Stopp des Bevölkerungswachstums um 2050

Von Afrika war in jenem Gespräch im dänischen Fernsehen die Rede, und der Moderator ließ keinen Zweifel daran, dass er die gesamte Weltgegend für ein Elendsgebiet hielt.

Hans Rosling trat ihm mit der jüngsten Geschichte Nigerias entgegen, des bevölkerungsreichsten Landes des Kontinents, das im Frühjahr dieses Jahres in einer demokratischen Wahl den Kandidaten der Opposition zum neuen Präsidenten wählte und auch sonst auf dem Weg in sowohl friedlichere als auch wohlhabendere Zeiten sein soll.

Berühmt wurde Hans Roslings These, dass sich das Modell der Familie mit zwei Kindern in allen Teilen der Welt so erfolgreich durchgesetzt habe, dass das Wachstum der Weltbevölkerung um das Jahr 2050 allmählich aufhören und die Zahl der Menschen danach bei etwa elf Milliarden stehenbleiben werde.

Und noch mehr gute Nachrichten hat Hans Rosling zu verbreiten: zum Beispiel, dass es eine reelle Chance gebe, den Anteil der extrem Armen an der Weltbevölkerung - das sind, den Vereinten Nationen zufolge, Menschen, die von weniger als 1,25 Dollar pro Tag leben müssen - innerhalb von fünfzehn Jahren auf null zu bringen. Auf solche Weise arbeitet sich Hans Rosling zufolge die Menschheit glücklichen Verhältnissen entgegen, die dadurch definiert sind, dass jede Familie eine eigene Waschmaschine ("die größte Erfindung des Industriezeitalters") besitze und die so gewonnene Zeit dem Faktenstudium widmen könne.

Missionar des gesunden Menschenverstandes

Der Aufstieg Hans Roslings zum universalen Volkspädagogen ist eng gebunden an eine Form der Präsentation, die er vor gut zehn Jahren für seine Auftritte bei Ted-Konferenzen entwickelte - dem alljährlich in Vancouver stattfindenden Jahrmarkt für mehr oder minder spektakuläre Einfälle ("ideas worth spreading"), bei dem jeder Vortrag auf eine Länge von 18 Minuten begrenzt ist und so unterhaltsam wie möglich sein soll. Auf einer Konferenz beendete er in diesem Sinne seine Rede mit einem Auftritt als Schwertschlucker.

Die Präsentationsweise wie auch die von ihm benutzten Techniken der Beschaffung und Interpretation von Daten entwickelte er anschließend weiter, bis hin zu einem selbständigen Format, wofür er im Jahr 2005 zusammen mit Sohn und Schwiegertochter die Stiftung "Gapminder" gründete. Dort, auf der Internet-Seite dieser Organisation, sind seine Botschaften und ihre Begründung nun am leichtesten abzurufen - wobei keinem Betrachter entgehen kann, dass hier ein Missionar des gesunden Menschenverstands am Werke ist.

Flüchtlingskrise in Europa? Gibt es nicht

Denn politisch sind Hans Roslings Ansichten nicht, auch wenn sie manchmal so wirken. Denn selbstverständlich hatte das dänische Fernsehen den Volkspädagogen auch eingeladen, weil den Redakteuren an einer Gegenstimme zu den Nachrichten von Flucht und Verdammnis gelegen war, die aus dem kleinen Land im Norden in den vergangenen Jahren eine Festung des nationalen Gemeinsinns werden ließen.

Das Elend der Welt bestehe in Vorurteilen, erklärte Hans Rosling erwartungsgemäß, und leider sähen die meisten Medien ihre Aufgabe darin, die Ressentiments zu verbreiten. Was man dagegen brauche, seien eine gute Schulbildung und verlässliche Informationen. In Dänemark verstand man wohl, dass Hans Rosling mit diesem Satz auch die Rechtspopulisten meinte, die das Land gegenwärtig zwar nicht formal, aber über ihr Programm beherrschen, mit dem sie die anderen Parteien vor sich hertreiben.

Dass es eine Flüchtlingskrise in Europa nicht gebe, hatte Hans Rosling nämlich schon zuvor gesagt, unter anderem im vergangenen September bei einem Auftritt in "Globen", der größten Veranstaltungshalle Schwedens, bei dem er von 12 000 jubelnden Menschen wie ein Popstar empfangen wurde, aber auch in vielen Interviews, die auf diese Schau folgten: Syrien habe zwanzig Millionen Einwohner, rechnete Hans Rosling bei diesen Gelegenheiten vor. Von ihnen lebten nach wie vor die meisten in ihren Häusern.

Der größte Teil der Flüchtlinge sei darüber hinaus im eigenen Land unterwegs, vier Millionen von ihnen hielten sich in den Nachbarländern auf. Nur 300 000 Menschen hätten es bis nach Europa geschafft, 80 000 von ihnen nach Schweden. Zur Veranschaulichung der Proportionen ließ er das Publikum in den ersten drei Reihen vor der Bühne in der riesigen Halle aufstehen. Es gebe keine Flüchtlingskrise in Europa, sagte Hans Rosling daraufhin, die Katastrophe finde woanders statt.

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SZ vom 31.12.2015/ewid
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