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Hans-Dietrich Genscher wird 80:Der Metternich aus Halle

Hans-Dietrich Genscher war ewiger Minister und Architekt Europas. Er verkündete in Prag, dass die DDR-Flüchtlinge in den Westen dürfen - und trug die hirschledernen Reithosen der Republik.

Als Walter Scheel, der Außenminister der Regierung Willy Brandt, im Jahr 1974 zum Bundespräsidenten gewählt worden war, begann in der FDP-Fraktion eine sorgenvolle Debatte darüber, ob Genscher als Nachfolger wirklich der richtige Mann am richtigen Platz sei. Man traute ihm vieles zu, aber nicht das. Also fragte ihn einer, ob er denn außer Sächsisch sonst noch eine Fremdsprache beherrsche.

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Hans-Dietrich Genscher

Sicher, der gute Genscher hatte sich bewährt und sich - erst als Fraktionsgeschäftsführer, dann als Bundesinnenminister - den Ruf eines durchsetzungsfähigen Organisators und eines weitsichtigen Zuständigkeitskraken erworben.

Vorreiter des Umweltschutzes

Sicher, der gute Genscher hatte als erster deutscher Minister die Bedeutung des Umweltschutzes erkannt und für dessen Aufnahme in das Freiburger Programm der FDP und in sein Ministerium gesorgt; Genschers Ministerium formulierte das erste Bundesimmissionsschutz- und das Abwasserabgabengesetz, die Mustergesetze für eine moderne Umweltpolitik also.

Sicher, der gute Genscher hatte als Innenminister auch das damals verschnarchte Bundeskriminalamt aufgeweckt, dort den Kriminalistik-Guru Horst Herold als Präsidenten eingesetzt und den Einzug der Datenverarbeitung in die Polizeiarbeit ermöglicht.

Sicher, Genscher galt als Anpacker: Als er 1972 die erste bundesweite Fahndungsaktion gegen die RAF genehmigte, gelang es den Polizeien von Bund und Ländern binnen weniger Wochen, die gesamt erste Generation der RAF festzunehmen. Und mutig war Genscher auch: Bei der Geiselnahme israelischer Sportler durch arabische Terroristen bei den Olympischen Spielen in München bot er sich als Ersatzgeisel an.

Nicht das Idealbild des Diplomaten

Aber was, um Himmels willen, qualifizierte ihn als Außenminister? ,,Aktion Wasserschlag'' hatte seine Großfahndung gegen die RAF geheißen, weil sie die RAF in nervöse Bewegung bringen sollte.

Jetzt aber, 1974, war seine Partei, die FDP, in nervöser Bewegung. Dem Idealbild eines aus der Schale gepellten Chefdiplomaten entsprach der gelegentlich sächsisch nuschelnde, unrastig arbeitswütige Minister Genscher in seinem bauchumspannenden gelben Pullunder nicht.

Genscher hätte zu solcherlei Besorgnissen sarkastisch sagen können, dass Deutschland schon einmal einen gut aussehenden Champagnervertreter als Außenminister gehabt habe, und das sei dem Land nicht gut bekommen. Joachim von Ribbentrop, Hitlers Außenminister, war bekanntlich vor seiner NS-Karriere Repräsentant einer Sektfirma gewesen.

Genscher konterte anders. Seine Antwort auf die Frage nach seinen Sprachkenntnissen gehört zu den schönen Schnurren der Bundesrepublik; und sie war die erste Stufe auf Genschers Weg zum omnipräsenten "Genschman": Er habe sich, sagte er, um das Amt des Außenministers, nicht um das des Dolmetschers beworben.

Meister der Diplomatie

Diese Antwort war ein echter Genscher, weil sie von seinem Selbstbewusstsein zeugt, das nie Arroganz war, sondern Vertrauen in die eigene Kraft und Lernfähigkeit. 18 Jahre später war er der dienstälteste und bekannteste Außenminister der Welt. Dazwischen liegt eine kurze Zeit als Stift und eine lange Zeit als Meister der Diplomatie.

Als Oskar Lafontaine der Kanzlerkandidat der SPD war, und die deutsche Einheit die schon abgewirtschaftete Regierung Kohl noch einmal triumphal bestätigte, nannte er Genscher den "Metternich aus Halle" - der Genscherschen Gabe wegen, sich aus verfahrenen Situationen irgendwie wieder herauszuwinden.

Heute heißt es, Hans-Dietrich Genscher sei der unerreichte Meister in der Kunst gewesen, öffentliche Meinung zu beeinflussen, sie zu bilden, sanft zu schieben oder drastisch zu treiben. Das stimmt, weil er - so analysierte es einst Johannes Gross - erkannt hatte, dass die Public Relations zur Substanz der Politik selber gehören und ihr nicht, wie beim Marketing für ein Auto oder eine Zigarettenmarke, als Werbung nachträglich angeheftet werden dürfen.

Aber Genschers behänder Umgang mit den Medien war nur eine besondere Ausprägung eines genialischen Kommunikationstalents; ein Teil seines außerordentlichen Einflusses in und außerhalb der Partei beruhte, so hat das einmal Burkhard Hirsch geschildert, auf seiner fast immerwährenden telefonischen Erreichbarkeit.

Ein Porträt Hans-Dietrich Genschers an einem Geschäftshaus nahe seines Geburtshauses im sachsen-anhaltinischen Halle-Reideburg

(Foto: Foto: AP)

Globaler Netzwerker

Das Kommunikationsgenie: Genscher machte seine Reisen zur Vollversammlung der Vereinten Nationen in New York zu einer Art Spiel ohne Grenzen: Wie viele Außenminister kann ich in sechs Tagen in der Suite im UN-Plaza-Hotel empfangen? Der Fernsehjournalist Friedrich Nowottny hat ihn einmal am Ende von solchen New Yorker Tagen gefragt, wie viele es denn nun gewesen seien.

Das war seine Antwort: "Ich würde es nicht an der Zahl messen, die war sehr groß. Wichtig ist, dass es eine Begegnung mit den wichtigsten Außenministern des Westens war, mit den meinungsbildenden Außenministern der Dritten Welt, und besonderes Gewicht hatte diesmal die Begegnung mit dem sowjetischen Außenminister und den anderen Außenministern aus Osteuropa."

Nur keine falsche Bescheidenheit. Ob er nun 36 Kollegen getroffen hat oder 42, das war nicht mehr so bedeutungsvoll. Genscher war ein globaler Netzwerker und ein guter Vermarkter all dessen, was er machte.

Minister Genscher konnte reden und reden - nicht nur so, als ob es um das Leben Deutschlands ginge; er machte dabei auch noch den Eindruck, als habe er einen Riesenspaß dabei: Seine Devise aus der schwierigen Zeit der KSZE-Nachfolgeverhandlungen (Moskau war in Afghanistan einmarschiert, in Polen stand die Solidarnosc-Bewegung auf) war ebenso einfach wie klug: Der Westen dürfe niemals als Erster vom Konferenztisch aufstehen.

Man darf sich Genscher aber nicht als Schwätzer vorstellen, das war er nie. Er wägt heute noch sehr genau, ob er, wann er und wem er wie viel erzählt. Er ist ein äußerst selbstbeherrschter Mann, einer, der seine Selbstbeherrschung hinter Jovialität verbirgt.

Architekt der deutschen Einheit

Genscher steht für die Epoche, in der der Kalte Krieg zu Ende ging; er hatte seinen Anteil daran. Ohne Genscher wäre die Konferenz für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa nicht eine so erfolgreiche Konferenz geworden; Genscher erschloss dort für Bonn neue Gestaltungsmöglichkeiten in der internationalen Politik.

Die deutsche Einheit war sein Werk so gut wie das von Helmut Kohl. Man kann es so sagen: Genscher hat die Bühne gezimmert, auf der Kohl Kanzler der Einheit werden konnte. Seine große Leistung war es, die von Willy Brandt und Egon Bahr konzipierte Ostpolitik, die von der CDU/CSU so befehdet worden war, in der Koalition mit eben dieser CDU/CSU zu perpetuieren.

Er war der Außenminister Helmut Schmidts und der Außenminister Helmut Kohls. Er war die Verkörperung der Kontinuität deutscher Außenpolitik. "Generationen kommen, Generationen gehen - lederne Reithosen bleiben bestehen," so heißt es in der berühmten Ballade Börries von Münchhausens. Auch Minister kommen und gehen; aber Genscher trug sozusagen die hirschlederne Reithose der Bundesrepublik.

"Er trug sie dreiundzwanzig Jahr, eine wundervolle Hose es war", so heißt es in der Ballade: Genscher war in der Tat insgesamt 23 Jahre lang deutscher Minister, als er 1992, ganz überraschend, ganz aus freien Stücken sein Amt abgab. Alle Gerüchte, es gäbe da "irgendwas" - merkwürdige Kontakte in den Osten womöglich - waren Unsinn. Genscher war damals 65, er hatte gerackert wie verrückt und mit seiner Gesundheit stand es nicht zum allerbesten; die Nachwirkungen der Tuberkulose, die ihn als jungen Studenten der Rechte drei Jahre lang in die Lungenheilanstalten verbannt hatte, haben ihm stets zu schaffen gemacht.

Mister Bundesrepublik

Genscher gehört zu den wenigen Politikern, deren Namen zur Kennzeichnung einer politischen Doktrin dient: Der "Genscherismus" wurde zunächst geschmäht und als Abwendung vom Westen diskreditiert. Aber seine Entwicklung war der Schlüssel zum außenpolitischen Erfolg. Der Genscherismus war die Fortsetzung der alten Idee Gustav Stresemanns, den Ausgleich mit den östlichen Nachbarn zu suchen; aber zugleich ließ "Mister Bundesrepublik" an der Verankerung der Bundesrepublik im westlichen Bündnis keinen Zweifel.

Im Film dieses Titels, den die ARD Genscher gewidmet hat, hieß es, der Liberale habe immer alles im Griff gehabt. Das gehört zu den Legenden, die Genscher selbst über sich geschaffen hat. Aber es stimmt nicht. Den Koalitionswechsel der FDP von der SPD zur Union im Jahr 1982 hatte er nicht im Griff. Die Sache entglitt ihm; auf ein so abruptes Ende der Regierung Schmidt war er nicht eingestellt. Genscher hat eigentlich ein Talent dafür, Situationen zu schaffen, in denen sich dann alles fast wie von selbst ergibt. Damals aber wäre die FDP fast auseinandergeflogen.

Natürlich hatte er den Koalitionswechsel gewollt, aber nicht mit so großem Schaden: Talente wie Verheugen verließen die FDP, die Leute auf der Straße beschimpften Genscher. Und seine Partei war nachher eine andere als vorher - und ist eine andere geblieben. Die bürgerrechtliche Wurzel der FDP trieb nicht mehr aus.

Nicht nur die Fehler der SPD sind also schuld daran, dass es die Grünen gibt; dazu kommen auch die Fehler der FDP und deren Verwandlung in eine rein wirtschaftsliberale Partei. Auch Jürgen Möllemann, mit dem ihn ein merkwürdiges Vater-Sohn-Verhältnis verband, hatte Genscher nicht im Griff. "Es reicht", sagte er ihm nicht schon dann, als Möllemann antisemitisch war. Genscher hat das erst gesagt, als Möllemann gefährlich antisemitisch wurde.

Genscher ist ein Familienmensch. Seine Heimatstadt Halle gilt ihm als das Paradies auf Erden. Seine Mutter hatte er, solange es nur ging, auf alle Ministerreisen mitgenommen. Und heute ist er seinen zwei Enkelkindern ein Bilderbuch-Opa, um sie bemüht er sich noch mehr als einst um Gromyko, Schewardnadse und Gorbatschow. Mit den Mädchen geht er nämlich sogar auf den Karnevalszug. An diesem Mittwoch wird Hans-Dietrich Genscher achtzig Jahre alt.

© SZ vom 21.03.2007
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