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Hanni Levy bei den Grünen:Worauf es in diesen Zeiten ankommt: nichts vergessen

Bundesdelegiertenkonferenz Bündnis 90/Die Grünen

Man habe wenig Zeit fürs Erinnern, meint Hanni Levy (l.) auf dem Grünen-Parteitag (mit den scheidenden Bundesvorsitzenden Simone Peter und Cem Özdemir). "Aber man sollte es trotzdem tun."

(Foto: dpa)

Auf dem Grünen-Parteitag gibt es für manches und manchen viel Beifall. Aber für die Französin Hanni Levy gibt es den meisten. Denn die Holocaust-Überlebende spricht den Delegierten aus der Seele.

Es ist so einfach und so klar. "In unserer hastigen Zeit", sagt die alte Dame vorne am Mikrofon, "hat man wenig Zeit fürs Erinnern. Aber man sollte es trotzdem tun." Hanni Levy, 94, ist von Paris über Brüssel nach Hannover gekommen, um auf dem Grünen-Parteitag an den Holocaust-Gedenktag zu erinnern.

Sie, die selbst mit Glück das Schrecklichste überlebt hat, ist schmächtig geworden, natürlich. Aber sie trägt eine farbenfrohe, rosa Bluse. Und sie braucht nur ganz wenige Worte, um klar zu machen, worum es in Zeiten von AfD und Trump geht: Dass die Erinnerung an die Schrecken nicht verblasst. Und: Dass man niemals eine Wiederholung der alten Muster von Abgrenzung, Ausgrenzung und Gewalt zulassen darf wie in den Zeiten des Nationalsozialismus.

Hanny Levy hat nur überlebt, weil sie mit einem kleinen Koffer floh, als die "Abholer" von der Gestapo kamen. Sie hat nur überlebt, weil es Frauen gab, die sie danach aufnahmen, versteckten, versorgten, beschützten. Also ihr Überleben gesichert haben. Levy erinnert daran. Sie sagt gleich zur Begrüßung: "Ich stehe hier als Beispiel dafür, dass nicht alle Deutschen Mörder waren".

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Ihr Blick, ihr immer noch feiner sensibler Blick geht aber nicht nur zurück in die dunklen Jahre von damals. Sie richtet ihn schnell auf das Jetzt und Heute. "Es gibt wieder Menschen, die den anderen die Schuld geben", sagt sie mit mahnender Stimme. "Früher hat man gesagt: Die Juden sind schuld. Heute sind es die Flüchtlinge. Dabei darf man nicht vergessen, dass das Menschen sind." Kürzer und klarer hätte sie die Lage aus ihrer Sicht nicht ausdrücken können. Es sind die Sätze, die den Grünen aus der Seele sprechen. Von einer Instanz, die glaubwürdiger nicht sein könnte. "Man sollte nie vergessen, wie schwer es für Menschen ist, alles zurückzulassen, um zu überleben."

Levy hat Angst, dass die alten Gespenster wieder kommen. Sie sieht, dass es derzeit nicht gut steht im Kampf gegen Rechtspopulisten und Rassisten. Also sagt sie, was sie sagen muss: "Ich hoffe, dass Ihr jungen Menschen es schafft, ein friedliches, vereintes Europa zu schaffen - damit es besser wird als es heute ist." Die Delegierten stehen auf, es gibt rauschenden Beifall. Diese Zeugen der Geschichte - sie sind unverzichtbar.

Wie hatte es Claudia Roth zur Begrüßung gesagt: "Erinnern ist heute wichtiger denn je. Denn das Selbstverständliche ist nicht mehr selbstverständlich, wenn "Jude" wieder ein Schimpfwort ist auf deutschen Schulhöfen." Da mögen die Grünen in Hannover noch so viel über Satzungsänderungen und neue Vorsitzende debattieren. Der Besuch der alten Dame bringt sie enger zusammen als alles, was sonst passiert auf diesem Parteitag. Bei der Vorstellung von Levy bat Roth die Delegierten noch: "Bitte begrüßt sie mit offenen Armen und offenem Herzen." Genau so ist es gekommen.

© SZ.de/cag
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