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Hannelore Kraft in USA und Kanada:Landesmutter am Werk

NRW-Ministerpräsidentin Hannelore Kraft besucht eine Fracking-Bohrstelle im kanadischen Dawson Creek

NRW-Ministerpräsidentin Hannelore Kraft informiert sich in Kanada über Fracking.

(Foto: dpa)

Hannelore Kraft kümmert sich, sogar auf Auslandsreisen. Die meisten Ministerpräsidenten wollen in Amerika nach Washington, doch der Politikerin aus NRW sind andere Orte wichtiger. Also besucht die SPD-Frau die Google-Zentrale und informiert sich in Dawson Creek über Fracking.

Wenn sie etwas nicht mag, dann diese Herren mittleren Alters, die ins Reden kommen. Gerne auch über sich selbst. Hannelore Kraft sitzt im "Diplomats Club" des Fairmont-Hotels in San Francisco, der im Grunde eine kleine Kellerbar ist. Vor ihr steht der deutsche Generalkonsul, blaues Jackett mit Goldknöpfen, die Haare nach hinten gelegt, und erzählt und erzählt, redet sich in Sackgassen, in ferne Zeiten, von denen man gar nicht mehr weiß, wie man nun dort hingekommen ist. Hannelore Kraft rollt mit den Augen. Und sagt: "Wenn es nun keine wichtigen Fragen mehr gibt . . ."

Der Generalkonsul verstummt, es gibt keine Fragen mehr. Man kann also sagen, dass Hannelore Kraft die Menschen nicht im Unklaren lässt darüber, was sie von ihnen hält.

Loch im Bauch

Was die Menschen von Hannelore Kraft halten, auch wegen ihrer recht direkten Art, das hat die Ministerpräsidentin an jenem Morgen mal wieder aus dem täglichen Pressespiegel erfahren, den ihr die Staatskanzlei ins Hotel gefaxt hat. Von hohen Beliebtheitswerten konnte sie lesen. In der vergangenen Woche ist Kraft, 51, in die USA und nach Kanada geflogen, es ist ihre erste größere Auslandsreise. Andere Politiker fahren nach Washington D.C., in die Hauptstadt, auf das Kapitol, um ihre eigene Wichtigkeit zu unterstreichen. In Wahrheit lungern sie dann oft in irgendwelchen Vorzimmern herum, müssen stundenlang auf einen Undersecretary of Unimportant Affairs warten.

Kraft trifft nur wenige Politiker, es sind Höflichkeitsbesuche, die sich auf ein Minimum beschränken. Ansonsten reist sie durch das Land, um sich die Themen anzuschauen, die sie interessieren; Themen, die auch daheim wichtig sind, wo Entscheidungen anstehen. Sie besucht Kindergärten in Kanada, die Google-Zentrale in Kalifornien, sie schaut sich die Brennstoffzellenmanufaktur von Mercedes an und eine Fracking-Bohrung in Kanada. Und immer fragt sie den Menschen ein kleines Loch in den Bauch. So ist das meistens mit ihr. Sie erzählt nicht endlos von sich selbst und mag es nicht, wenn andere das tun. "Als Politiker ist doch schon eine Menge gewonnen, wenn man weiß, welche Fragen man stellen muss." Das ist der Zweck der Reise, Informationen sammeln.

Der ganze Lärm!

Es ist ein Mittwochmorgen in Dawson Creek, einem Kaff in der kanadischen Provinz. Wäre die Erde eine Scheibe, wäre sie wohl hier zu Ende. Fünf Menschen leben hier auf einem Quadratkilometer, ein Hundertstel der deutschen Bevölkerungsdichte. Hinter Kraft brummen ein Dutzend Pumpen, die Flüssigkeit in die Erde pumpen, die dort das Gestein zum Brechen bringt, damit das Gas aufsteigt. Fracking ist in den USA und in Kanada die neue Wundertechnik. Aber zu welchem Preis? Kraft ist eher skeptisch; zu viel Chemie, zu wenig Studien. Und dann noch der ganze Lärm.

"Ich kann mir das im Münsterland nur schwer vorstellen", sagt Kraft. Man müsse noch ein paar Studien in Auftrag geben. Studien in Auftrag geben. Das sagen Politiker meist, wenn sie sich nicht entscheiden wollen oder können. Auch Kraft galt einmal als die Frau, die sich nicht traut. Die ein bisschen in die Minderheitsregierung und die Neuwahlen hineingequatscht werden musste. Aber heute ist es wohl etwas anders: Kraft weiß einfach nur gerne, worüber sie entscheiden muss. Sie ist keine Gigantin der Details, keine Aktenfresserin. "Ich möchte von den Menschen wissen, was wichtig ist", sagt sie. Mit den Menschen reden, den Kontakt nicht verlieren, kein abgehobener Politiker werden, das ist ihr wichtig. Das ist Grundüberzeugung wie auch Markenkern. Das eine ist manchmal nicht mehr vom anderen zu trennen.

Eine Königin in der Provinz, eine kleine Nummer in Berlin

Drei Jahre ist Kraft nun Ministerpräsidentin von Nordrhein-Westfalen. Für manche, vor allem die lieben Parteifreunde im fernen Berlin, ist sie immer noch die Landesmutter. Das ist nicht nur freundlich gemeint, es schwingt da auch immer mit, dass Kraft in ihrer Provinz vielleicht eine Königin ist, in der Hauptstadt aber nur eine kleine Nummer. Die Leute, die das so sehen, sind immer weniger geworden mit der Zeit. Weil Kraft in den Umfragen vorne liegt, weil sie für die SPD Wahlen gewinnt. Das schaffen nicht viele Sozialdemokraten. Das sind die besseren Argumente.

Sie hat viele hinter sich gelassen, die in den Medien als die klügeren Köpfe galten, als große Talente, die dann aber am Wähler scheiterten. Norbert Röttgen war so einer, und Peer Steinbrück könnte der Nächste werden, der im Vergleich mit Kraft schlecht aussieht.

Arme vor die Brust

Es ist ein Dienstag im Steinhof in Duisburg, "Zukunftsforum" heißt die SPD-Veranstaltung mit dem Kanzlerkandidaten, und es gibt kaum eine Gegend in Deutschland, in der die Zukunft so unterschiedlich aussehen wird wie hier, in der die sozialen Kontraste so groß sind. Mit der U-Bahn kann man von Düsseldorf, wo Steinbrück seinen Wahlkreis hat, nach Duisburg fahren, von einer reichen Stadt in eine ziemlich arme. Hier wird an diesem Abend über die Zukunft diskutiert, darüber, was das Revier und das Land brauchen. Es kommt zu wenig überraschenden Ergebnissen: neue Straßen, bessere Infrastruktur. Dafür plädiert Steinbrück, der als Landesverkehrsminister und Regierungschef einst die Chance hatte, genau dafür zu sorgen.

Ministerpräsidentin Hannelore Kraft besucht Kanada und USA

Ministerpräsidentin Hannelore Kraft besucht Kanada und USA HANDOUT - Der Chefredakteur der Bildzeitung, Kai Diekmann (r), begrüßt die nordrhein-westfälische Ministerpräsidentin Hannelore Kraft (l) am 30.05.2013 in San Francisco zu einem Medienlunch. Foto: Staatskanzlei/Roberto Pfeil/dpa +++(c) dpa - Bildfunk+++

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Steinbrück versucht, eine unterhaltsame Rede zu halten, die Menschen im Saal halten ihre Arme vor der Brust verschränkt. Er macht ein paar Witzchen, die Leute trinken einen Schluck Sprudel. Steinbrück fängt an, sich zu rechtfertigen: "Ich dachte, es ist offensichtlich, was ich da gesagt habe." Es ist ein Kanzlerkandidat zu besichtigen, dem die Lockerheit abhandengekommen ist, die Selbstsicherheit. Dann kommt Hannelore Kraft auf die Bühne und sagt: "Ich begrüße alle, die schon begrüßt worden sind." Das ist nicht viel, aber es reicht, um den Menschen gute Laune zu machen. Hinterher steht man an den Tischen zusammen bei einer Cola, die alte Frage wird diskutiert: Ob sie es nicht besser könnte, die Kanzlerkandidatur.

Kraft braucht man diese Frage gar nicht zu stellen auf ihrer Amerikareise. Sie kommt von selbst darauf zu sprechen, es ist ein ständiges Hintergrundrauschen.

Nah am Mann

Sie erzählt davon, wie viele Einschränkungen die Familie jetzt schon ertragen müsse, vom Sohn, der zum Studium auch ein wenig geflüchtet ist nach Kanada; davon, dass sie Merkel nicht um ihren Job beneide, die ganzen G-8- und G-20-Runden. Da drehen zwei ihre Runden in diesen Tagen: Kraft, die erklärt, warum sie nicht will, und Steinbrück, der so sehr will, aber nicht erklären kann, warum er es auch werden sollte.

Der ehemalige Ministerpräsident und Bundesfinanzminister hat sich lange außerhalb des Betriebs gestellt, hat so getan, als wäre er kein richtiger Politiker, sondern ein früher Helmut Schmidt, der alles mit großer Weisheit von außen betrachtet. Kraft kam erst spät in die Politik, mit 33, steht aber immer mittendrin, nah am Mann, würde man im Fußball sagen.

Drei Jahre ohne große Pannen

Die Geschichte über Hanni aus der Provinz, die ihre Ferien stets im Sauerland verbringt, dort jedes Jahr ihr Sportabzeichen macht, ist nicht falsch und sie hat ihr auch ganz gut gefallen, in Zeiten des Wahlkampfes. Kraft ist aber mehr herumgekommen als so manch anderer, mit dem Rucksack, nicht mit einer Delegation, sie hat in London studiert, ist nach Sri Lanka gefahren, nach Afrika. Viele andere aus der Politik konnten nie weg in ihren jungen Jahren, weil dann immer sofort ein anderer da gewesen ist, der ihnen den Platz im Kreisvorstand der Jungen Union weggenommen hätte oder bei den Jusos.

Die Ochsentour, sie hat sie übersprungen, hat nur 16 Jahre gebraucht vom Eintritt in die Partei bis zur Ministerpräsidentin. Sie mache Politik, um die Welt zu verändern, sagt Kraft, wenn man sie nach dem Warum fragt. Die Welt ist nicht überall eine bessere geworden in Nordrhein-Westfalen, die Schulden sind gestiegen, und die Löcher in den Straßen gewachsen. Aber die Leute haben offenbar das Gefühl, dass da jemand ist, der manches versucht.

Motzen und mosern

Die Welt verändern, sich selbst aber nicht zu stark, und dies beides durch das Amt, das manche kleiner macht, und die anderen wachsen lässt. Drei Jahre ohne große Pannen, eine Zeit, in der sie gemerkt hat, dass sie das kann, ein Land führen, oder so zu tun als ob, weil man ja oft erstaunlich wenig tun kann, gegen den Lauf der Zeit. Was geblieben ist: die Tagesform, die Launen. Sie motzt und mosert manchmal, wenn Journalisten die falschen Fragen stellen, dreht sich um und geht.

In Duisburg stehen vor der Tür die Beamten, die seit Wochen gegen eine Nullrunde protestieren, die sie am heiligen Maifeiertag ausgepfiffen hatten. Krafts Mundwinkel hängen tief an diesem Tag, nur Merkel kann sie noch weiter runterlassen. Am Anfang hat sie noch mit den Protestlern gesprochen, jetzt sagt sie: Sind doch immer dieselben Gesichter.

Ihr Gesicht haben die Menschen hier auch nach drei Jahren noch nicht über. Das ist schon eine ganze Menge.