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Türkische Presse zu Hanau:"Dieses Land ist auf dem rechten Auge blind!"

Mourners Gather In Hanau For Shooting Victims

Trauer in Hanau: "Wir stehen alle zusammen!" steht auf Türkisch und Englisch auf einem Schild, das in der Nähe der Tatorte niedergelegt wurde.

(Foto: Getty Images)
  • In Hanau hatte der 43-jährige Deutsche Tobias R. aus rassistischen Motiven mutmaßlich in einer Shisha-Bar und zwei Café-Bars gezielt neun Menschen mit Migrationshintergrund getötet, darunter fünf türkische Staatsbürger.
  • Türkische Kommentatoren sprechen von Deutschland als Zentrum der Islamophobie.
  • Auch von Türkenfeindlichkeit wird geschrieben.

Betrachtet man das, was von der türkischen Medienlandschaft seit der von der AKP-Regierung so betitelten "Säuberungswelle" nach dem Putschversuch vom Juli 2016 übriggeblieben ist, ergibt sich natürlich ein schiefes Bild über den Zustand der öffentlichen Debatten in der Türkei.

Ein Blick in die türkische Presse lohnt aber insofern, als sich darüber Aussagen treffen lassen, welche Linie die Regierung dem Volk gerade aufzudrücken gedenkt, wie sie eine Lage einschätzt und bewertet. In Ermangelung an Alternativen oder weil sie ohnehin Anhänger der Regierung sind, finden auch die verbliebenen regierungstreuen Medien zahlreiche Zuschauer und Leser. Sie ist also ein unabdingbares Sprachrohr für die türkische Regierung. Einen besonderen Stellenwert haben dabei seit jeher die Kolumnisten der Zeitungen, die in der Türkei große Bekanntheit genießen.

Ein Großteil der türkischen Berichterstattung kreist aus den genannten Gründen vornehmlich um die türkische Regierung, genauer gesagt um Präsident Erdogan: Was er sagt, was er vorhat, was er macht. Das hängt vorwiegend damit zusammen, dass so gut wie jeder kritische und ernstzunehmende Journalist entweder im Gefängnis sitzt oder seinen Job verloren hat oder sich aus Angst vor ersterem und zweitem, dem Druck beugt und sich in einem Akt der Selbstzensur auf Regierungslinie bringt.

Eine traurige Ausnahme stellt der 20.2. 2020 dar. Türkische Medien berichteten, teilweise live, über die Entwicklungen in Hanau. Dort hatte der 43-jährige Deutsche Tobias R. aus rassistischen Motiven mutmaßlich in einer Shisha-Bar und zwei Café-Bars gezielt neun Menschen mit Migrationshintergrund getötet. Anschließend tötete er offenbar seine 72-jährige Mutter und sich selbst. Unter den neun Toten in den Bars sind nach Angaben des türkischen Botschafters in Berlin fünf türkische Staatsbürger.

Dementsprechend betroffen reagierten Öffentlichkeit und Medien in der Türkei. Die Hürriyet, eines der auflagenstärksten Blätter des Landes titelte "Es reicht!". Auf Deutsch. Das geht natürlich direkt an die Adresse Deutschlands.

"Sollten wir nicht von Türkenfeindlichkeit sprechen?"

Schon lange und insbesondere nach der Aufdeckung der Verbrechen durch den NSU wird in Deutschland über den Vorwurf diskutiert, Behörden und Politik seien "auf dem rechten Auge blind." Celal Özcan, bekannter Kolumnist der Hürriyet, nimmt diese Formulierung auf und bezieht sie gleich auf ganz Deutschland. Er schreibt: "Der Rassismus nimmt zu. Aber die Politik sieht das nicht. Weil dieses Land auf dem rechten Auge blind ist!"

Und eine weitere Diskussion, die in Deutschland nun durch den Anschlag in Hanau hochkocht, haben türkische Kommentatoren ebenfalls aufgenommen: Viele Medien sowie Vertreter von Justiz und Politik bezeichneten das Motiv des Täters als fremdenfeindlich, nicht als rassistisch und übernehmen so das Narrativ der Rechtsextremen, wonach Menschen mit Migrationshintergrund nicht zu Deutschland gehören, sondern Fremde sind. Mehmet Barlas, Kolumnist bei der Sabah, führt einen weiteren Begriff ein: "Sollten wir nicht, statt von Fremdenfeindlichkeit oder Rassismus zu sprechen, kurzum Türkenfeindlichkeit sagen?" Barlas erwähnt freilich nicht, dass auch Menschen mit kurdischen, bosnischen oder polnischen Wurzeln in Hanau ermordet wurden.

Yeni Şafak-Kolumnist Ibrahim Karagül schreibt, Deutschland entwickle sich zum Zentrum der Islamophobie. Er bezeichnet Deutschland gar als "Brutland" für Rassismus und Islamophobie und entlarvt sich sogleich in den nachfolgenden Sätzen selbst als Antisemit. Israelische Rechtsextreme hätten die Islamfeindlichkeit Deutschland quasi eingeimpft, schreibt er.

Da verwundert auch ein weiteres Merkmal der Berichterstattung über Hanau nicht mehr: Viele Kommentatoren erwähnen den Anschlag von Christchurch, bei dem ein rechtsextremer Australier in der neuseeländischen Stadt gezielt 51 Menschen in zwei Moscheen erschoss, um auf die wachsende Islamophobie aufmerksam zu machen. Der Anschlag eines Rechtsterroristen im Oktober 2019 auf eine Synagoge am höchsten jüdischen Feiertag in Halle an der Saale, bei dem der Attentäter zwei Menschen erschoss, bleibt allerdings weitgehend unerwähnt.

© SZ.de/cck
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