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Gewalttat in Hanau:Was über den mutmaßlichen Täter bekannt ist

  • Der mutmaßliche Attentäter von Hanau war im Netz aktiv und veröffentlichte auf seiner Website vor der Tat Dokumente und auf Youtube ein Video.
  • Allerdings ist er, anders als andere rechtsextrem motivierte Attentäter, wahrscheinlich nicht der Image-Board-Szene zuzurechnen.
  • Dennoch gibt es Gemeinsamkeiten, die R. mit diesen Terroristen verbinden.

Der mutmaßliche Täter von Hanau, der 43-jährige Deutsche Tobias R., war aktiv im Netz mit eigener Website und einem Youtube-Kanal. Auf dieser Website hatte Tobias R. auch mehrere Dokumente hochgeladen. Darunter auch ein Schreiben, das er als "Botschaft an das gesamte deutsche Volk" richtet. Das Dokument wurde bereits am 20. Januar erstellt. Es enthält keine Ankündigung oder Hinweise auf einen bevorstehenden Anschlag. R. ging aber offensichtlich davon aus, dass er nicht mehr am Leben sein würde, wenn das Schreiben öffentlich wird.

Bereits am 14. Februar veröffentlichte R. ein Video auf Youtube. In dem knapp zweiminütigen Video verbreitet er Verschwörungstheorien über geheime unterirdische Militärstützpunkte, warnt vor "Mainstream-Medien" und fordert zum Kampf auf. Das englischsprachige Video ist der einzige Clip auf dem Youtube-Kanal von R.. Er veröffentlichte die Videos mit seinem vollen Namen und bezeichnete den Kanal als Enthüllungsplattform.

Das Video blieb nach der Tat in der Nacht von Mittwoch auf Donnerstag zunächst online. Youtube wusste zu diesem Zeitpunkt offenbar noch nicht, dass R. einen Kanal auf der Plattform besaß. Auf eine Anfrage hin sagte ein Google-Sprecher am Donnerstagmorgen, dass man das Video prüfe. Knapp eine Stunde später, um kurz vor 10 Uhr, wurde es dann aus dem Netz genommen. Zu diesem Zeitpunkt war es bereits mehr als tausend Mal aufgerufen und hundertfach kommentiert worden.

Video verbreitete sich auf Youtube

Andere Nutzer luden das Video herunter und veröffentlichten es auf ihren Youtube-Kanälen erneut. Die Kopien blieben bis circa elf Uhr online und wurden einige hunderte Male aufgerufen. Inzwischen sind sie nicht mehr auf der Videoplattform zu finden. Von Google heißt es, dass inzwischen ein sogenannter Hash, also eine Art digitaler Fingerabdruck, erstellt wurde, mit dem weitere Uploads automatisch verhindert werden.

Auf Facebook wurden in verschwörungstheoretischen Gruppen Links zu Videos des Täters verbreitet. Zwischenzeitlich fanden sich vereinzelt auch Kopien des Videos auf Facebook. Auf Instagram, das zu Facebook gehört, wurden ebenfalls Kopien hochgeladen, die teilweise mehr als tausend Mal aufgerufen wurden. Gegen Mittag sind die Videos von Facebook und Instagram gelöscht worden.

11 Dead In Multiple Shootings In Hanau

Der mutmaßliche Täter Tobias R. in seiner wirren Videobotschaft auf Youtube (Bearbeitung SZ.de).

(Foto: Getty Images)

Die bisherigen Erkenntnisse über R. deuten darauf hin, dass sich die Inszenierung seiner Tat deutlich von vier rechtsextrem motivierten Terroranschlägen des vergangenen Jahres unterscheidet. Die Attentäter von Christchurch, Poway, El Paso und Halle übertrugen ihre Morde teils live ins Netz. Sie inszenierten die Taten wie Computerspiele und nahmen explizit Bezug auf die Subkultur der sogenannten Imageboards wie 8chan oder 4chan.

Bislang gibt es keine Indizien, dass R. in dieser Chan-Subkultur verwurzelt war. So nutzt er in seinen Videos und Pamphleten nicht die in den Foren übliche Sprache. Im Gegenteil: Teils machen sich Nutzer in diesen Foren über ihn lustig, verspotten und beschimpfen ihn. Er sei ein nutzloser Versager, weil er in seinem wirren Pamphlet keine der rechtsradikalen Verschwörungstheorien erwähnt, denen viele Nutzer auf Imageboards anhängen. Er werde keine Nachahmer inspirieren und lasse weiße Terroristen wie Idioten aussehen.

Dennoch gibt es Gemeinsamkeiten, die R. mit den anderen Terroristen verbinden: Rassismus und Frauenfeindlichkeit. Auch R. spricht davon, bestimmte Völker "komplett vernichten" zu müssen und ist offenbar überzeugt, dass Menschen mit weißer Hautfarbe wertvoller sind. In seinem Schreiben deutet R. auch an, dass er schon als junger Mensch rassistische Mordfantasien hatte.

Ein ganzes Kapitel widmet er dem Thema Frauen. Er habe sein Leben lang keine Freundin gehabt, schreibt R., "die letzten 18 Jahre ausschließlich deshalb nicht, da ich mir eben keine Frau nehme, wenn ich weiß, dass ich überwacht werde".

Verfolgungswahn und die Angst vor Überwachung sind wiederkehrende Motive, die sich durch die 24 Seiten ziehen. R. scheint von der Vorstellung besessen zu sein, dass ihn ein unbekannter Geheimdienst ausspioniere, der auch seine Gedanken lesen könne.

© SZ.de/mri/jab

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