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Hanau:Bewaffneter Arm der völkischen Bewegung

Täter wie der Angreifer von Hanau fühlen sich von einer rechtsradikalen Stimmung getragen, die in Deutschland immer weiter um sich greift.

Ein Rechtsradikaler, der in Hanau in zwei Shisha-Bars geht und ein Dutzend Menschen erschießt. Ein Rechtsradikaler, der in Halle mit seinem Sturmgewehr eine Synagoge stürmen will. Ein Rechtsradikaler, der in Kassel einem Politiker in den Kopf schießt. Drei Taten innerhalb von neun Monaten - dazu eine Gruppe von Rechtsradikalen, die vergangene Woche gerade noch ausgehoben wurde, bevor sie zur Tat schreiten konnte. Auch diese "Gruppe S." mit ihrem Anführer aus Augsburg hatte sich vorgenommen, in Moscheen zu gehen und die Gläubigen beim Gebet zu töten.

So unterschiedlich die Täter von Halle, von Hanau, von Kassel, von Augsburg sind - sie werden angetrieben von der Ideologie, dass es eine Herrenrasse gebe, der allein zustehe, in Deutschland zu leben. Sie sehen Menschen mit dunklerer Haut und schwarzen Haaren als minderwertig an und als Gefahr. Sie schwafeln vom "Volkstod", weil angeblich Familien, die Wurzeln in der Türkei oder Afrika haben, mehr Kinder bekommen als Deutsche und deswegen bald die Übermacht gewinnen könnten. Sie reden von "Bevölkerungsaustausch", den die Regierung angeblich plane: Deutsche gegen Ausländer. Und es ist diesen Leuten vollkommen egal, wie integriert Menschen mit ausländischen Wurzeln hier sind, ob sie als Ärzte arbeiten, Arbeitsplätze schaffen oder Steuern zahlen. Sie betrachten diese Menschen genauso wie die Nationalsozialisten die Juden betrachtet haben: als nicht zugehörig, als unwertes Leben.

Lange haben sich diese Rechtsradikalen nur in ihren Kreisen über ihre kruden Ideen ausgetauscht, haben Verschwörungstheorien gesponnen, sich im Internet gegenseitig aufgehetzt. Nun schreiten sie zur Tat: die einen zielgerichtet, vernetzt und kühl kalkulierend wie die Männer der "Gruppe S." oder der Attentäter von Walter Lübcke in Kassel. Andere allein und emotional gereizt bis zum Äußersten wie der Täter von Halle und - offensichtlich - der Attentäter von Hanau. Oft changieren diese Täter zwischen verwirrtem Reichsbürger, verbohrtem Neonazi und verschmähtem Frauenfeind.

Es sind, wie man jetzt im Fall des Hanauer Attentäters sieht, traurige Gestalten, die sich selbst durch ihre Taten erhöhen, die aus einem Loser einen Herrenmenschen machen wollen. Ob sie verrückt, verwirrt oder verbohrt sind - das ist nur ein gradueller Unterschied. Auch den überzeugten Neonazi Anders Breivik in Norwegen, der generalstabsmäßig vorging und zuvor ein Tausende Seiten umfassendes Pamphlet geschrieben hatte, hielt ein Psychiater-Team für verrückt, das andere Team aber für geistig gesund - nur eben ideologisch verblendet. Im juristischen Sinne sind diese Menschen in den allermeisten Fällen verantwortlich für ihre Taten und schuldfähig. Denn selbst ein Verbohrter weiß, dass man Menschen nicht einfach umbringen darf für seine politischen Ziele.

Die Frage ist, warum sich diese Fälle nun so häufen. Die Antwort ist alles andere als beruhigend: Diese Leute schlagen zu, weil sie sich nicht mehr allein fühlen. Jahrelang erlebten sie sich als einsame Wölfe, ihre abseitigen Ideen wurden von ihren Freunden nicht ernst genommen, ihre Familien versuchten, sie zu beruhigen. Nun aber erleben sie, wie das völkische Gedankengut immer mehr in die Gesellschaft eindringt, wie es gesellschaftsfähig wird. Und sie fühlen sich plötzlich nicht mehr als verrückt, verschroben oder allein, sondern als wichtig: quasi als militärischer Arm einer völkischen Bewegung.

Diese Leute spüren, wie die Stimmung umschlägt. Wie rechtsradikales Gedankengut plötzlich auch in den Parlamenten ertönt: Wenn die nationalsozialistische Schreckensherrschaft mit ihren Millionen Toten nur noch ein "Vogelschiss" der erfolgreichen deutschen Geschichte gewesen sein soll. Wo vom "Denkmal der Schande" die Rede ist, wenn es um das Mahnmal für die Toten des Holocaust geht. Wenn ständig dazu aufgerufen wird, das deutsche Volk müsse sich wehren gegen demokratische Politiker, die es, wahlweise, ausrotten oder verkaufen oder versklaven wollten, und gegen Ausländer, die angeblich die Vorherrschaft in Europa anstreben - dann fühlen sich rechtsradikale Gewalttäter dazu legitimiert, genau das zu tun: sich zu wehren, mit Waffengewalt.

Diejenigen, die diese Verschwörungstheorien befeuern, die diese Ideologien verbreiten, sollten wissen, was sie tun: Sie leisten dem Terror Vorschub.

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