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Anschlag in Hanau:Furcht vor Relativierung der rechtsextremen Morde

Plakate zeigen die neun Todesopfer des rassistischen Anschlags in Hanau.

(Foto: David Gannon/AFP)

Zum Anschlag in Hanau wird ein Abschlussbericht des BKA erwartet. Selma Yilmaz-Ilkhan, Vorsitzende des städtischen Ausländerbeirats, spricht über die Ermittlungen und die Ängste der Angehörigen.

SZ: Die Nachricht, das Bundeskriminalamt arbeite an einem Bericht zu den Mordtaten in Hanau, in dem es heißt, der Täter habe zunächst Verschwörungstheorien geglaubt und sich dann erst eine rechtsextreme Ideologie zugelegt, hat bei den Angehörigen der Opfer Verunsicherung und Empörung ausgelöst. Warum?

Selma Yilmaz-Ilkhan: Sie fürchten, dass die politische Dimension dieser Tat vom Bundeskriminalamt verkleinert wird. Der Täter hat ja ein Manifest hinterlassen, das eindeutig rechtsextremistisch und rassistisch ist. Er behauptet dort, es gebe Länder, deren Bevölkerung ausgerottet gehört - es sind Länder mit überwiegend muslimischer Bevölkerung, und es gehört Israel dazu. Klarer kann man seine rassistische, antisemitische und muslimfeindliche Gesinnung ja gar nicht beschreiben. Und so hat er ja auch seine Opfer ausgewählt.

Nun kann man aber auch sagen: Die Ermittler des BKA müssen alle Spuren auswerten, um ein möglichst realistisches Bild des Täters zu erhalten, auch, um Taten von ähnlich gestrickten Menschen zu verhindern.

Selbstverständlich müssen Ermittler alle Informationen berücksichtigen. Als ich die Nachrichten las, hatte ich aber den Eindruck, dass da schon die These vom psychisch kranken Einzeltäter vertreten wurde, der quasi aus dem Nichts kam. Das hat die Familien der Opfer schockiert. In Hanau ist ja nach der Gewalttat vieles gut gelaufen: Die Stadt Hanau hat sich gemeinsam mit dem Ausländerbeirat um die Familien gekümmert, und auf der Trauerfeier hat Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier klar gesagt: Diese Tat hat mit dem Hass auf Menschen mit Migrationsgeschichte und auf Muslime zu tun. Das hat den Familien in ihrer Fassungslosigkeit und Trauer Mut gemacht: Der Staat steht hinter uns. Diese Tat wird nicht wie die des NSU unter den Tisch gekehrt. Sollte sich die Interpretation durchsetzen, hier habe ein verwirrter Einzelner gehandelt, würde das ihnen den Boden unter den Füßen wegziehen.

Das BKA hat nun betont, dass man auf jeden Fall davon ausgehe, dass die Tat rassistisch motiviert gewesen sei.

Das ist eine wichtige Klarstellung. Diese Klarstellung hat gut getan, insbesondere den Familien der Angehörigen. Vielleicht hat die öffentliche Kritik zu dieser Klarstellung beigetragen. Wir hoffen nun sehr, dass im Abschlussbericht nichts relativiert wird. Zum Beispiel heißt es angeblich in dem Berichtsentwurf, der Täter habe einem dunkelhäutigen Nachbarn geholfen und mit Migranten Fußball gespielt. Seine Mitspieler von damals aber sagen: Der hat mit niemandem geredet, schon gar nicht mit einem Migranten. Und dass er mal einem Nachbarn hilft, soll belegen, dass er kein Rassist ist?

Was sollte der Abschlussbericht berücksichtigen?

Er soll nichts verschweigen. Aber er soll auch die politische und gesellschaftliche Dimension der Tat nicht aus den Augen verlieren. Sicher war der Täter ein psychisch kranker Mensch - so, wie auch viele Attentäter psychisch krank sind, die glauben, im Namen des Islams morden zu dürfen. Wenn wir aber sagen: Das war nur ein tragischer Einzelfall, dann haben wir bald den nächsten angeblichen Einzelfall. Es ist auch enorm wichtig, dass die Angehörigen den Bericht nicht von der Presse erfahren, sondern die Möglichkeit bekommen, ihn vorher zu lesen.

Selma Yilmaz-Ilkhan, 35, studierte Politik- und Sozialwissenschaften in Gießen und London. Sie ist in Hanau kommunalpolitisch aktiv, unter anderem als Vorsitzende des Ausländerbeirats der Stadt.

(Foto: Roland Gruen)

Sie betreuen mit einem Team die Angehörigen der Opfer - wie geht es denen?

Der Schmerz ist noch da, wie sollte es anders sein? Den Verlust können wir nicht rückgängig machen. Aber wir sind da und zeigen ihnen, dass sie nicht allein sind, fragen, was sie brauchen. Wir versuchen, Sicherheit zu vermitteln: Wir stehen jetzt hinter Euch. Das ist ganz wichtig.

Was in Zeiten der Corona-Krise schwierig geworden ist.

Ja. Gerade ist Behçet Gültekin gestorben, der krebskranke Vater von Gökhan Gültekin; nach dem Tod seines Sohnes hatte er keine Kraft mehr, weiterzuleben. Mein Mann ist zu der Familie gefahren - und musste da Sicherheitsabstand halten. Das ist schon sehr traurig. Sonst telefonieren wir viel, machen Videokonferenzen. Wir haben den 19. Februar noch nicht verarbeitet, da kommt die nächste Krise über uns. Wir hoffen und setzen uns auch dafür ein, dass die Tat darüber nicht vergessen wird. Corona-Viren sind ansteckend - Hass, Rechtsextremismus, Rassismus sind es aber leider auch.

Was tun Sie, um die Erinnerung wach zu halten?

Wir haben gemeinsam mit den Angehörigen einen eingetragenen Verein gegründet, das "Institut für Toleranz und Zivilcourage - 19. Februar Hanau". Darin sind alle Familien der Getöteten und die Verletzten vertreten. Wir wollen mit dem Institut unter anderem auch in die Schulen, die Bildungseinrichtungen. Die Familien sagen: Wir wollen weiterhin ein Teil dieser Gesellschaft sein, wir empfinden keinen Hass. Aber wir wollen, dass die Tat Konsequenzen hat. Die Familienangehörigen wollen ja nicht Opfer auf ewig sein. Sondern Menschen, die was zu sagen haben und in die Gesellschaft positiv wirken.

© SZ vom 06.04.2020/mane/cat
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