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Hamburg: Wahlanalyse:"Die CDU hat einen inkompetenten Eindruck hinterlassen"

"King Olaf" schlägt Christoph Ahlhaus: Auf welchen Feldern und bei welchen Wählern die Hamburger SPD besonders punkten konnte.

Am Morgen nach dem Beben läuft das Geschäft prächtig. Trotzdem ist dem Mann am Kiosk irgendwie mulmig: "Alleinregierungen sind immer schiete", sagt der Verkäufer am Hamburger Gänsemarkt und kassiert vom Kunden einsachtzig für "Mopo" und Abendblatt. Über den Wechsel ist er nicht unglücklich, aber wie viele Hanseaten ist auch er überrascht, mit welcher Wucht Olaf Scholz und seine SPD am Vorabend triumphieren konnten.

Buergerschaftswahl in Hamburg

Enttäuscht: Christoph Ahlhaus

(Foto: dapd)

Zwei Gehminuten von dem Zeitungskiosk entfernt befindet sich das Hamburger Rathaus. Hier können die Sozialdemokraten nun vier Jahre schalten und walten, wie sie wollen. Möglich gemacht hat das ihr furioser Wahlsieg: 14,2 Prozentpunkte legte die SPD im Vergleich zur Bürgerschaftswahl 2008 zu. Nach zehn Jahren in der Opposition errangen die Sozialdemokraten die absolute Mehrheit - und brachten der bisher regierenden CDU und Bürgermeister Christoph Ahlhaus eine verheerende Niederlage bei: Minus 20,6 weist das vorläufige amtliche Endergebnis aus.

Untersuchungen von Wahlforschern zeigen, dass eine Vielzahl von Faktoren zusammenkommen muss, damit es zu solch massiven Verschiebungen kommt. Die Gründe für den SPD-Triumph sind vor allem in Hamburg zu finden - und hier in erster Linie bei der CDU. Die Ausgangslage für Ahlhaus war nicht einfach: Nur 29 Prozent der Befragten waren nach einer Erhebung der Forschungsgruppe Wahlen der Meinung, Schwarz-Grün habe Hamburg vorangebracht. 64 Prozent sagten, Ex-Bürgermeister von Beust habe Hamburg durch seinen überraschenden Rücktritt im Juli "im Stich gelassen".

Noch in der Wahlnacht hat der gescheiterte Bürgermeister Ahlhaus die Koalition mit den Grünen als entscheidenden Fehler ausgemacht. Doch das ist nicht der alleinige Grund für das Wahldebakel. "In vielen Politikbereichen hat die CDU bei den Wählern einen inkompetenten Eindruck hinterlassen", sagt Matthias Jung, Leiter der Forschungsgruppe Wahlen, zu sueddeutsche.de. "Vor allem aber haben die Wähler Olaf Scholz viel lieber als Bürgermeister gesehen als Christoph Ahlhaus."

Gerade einmal 14 Prozent der Befragten halten Ahlhaus für den sympathischeren Kandidaten. In puncto Sachverstand, Tatkraft, Glaubwürdigkeit und Bürgernähe trauen ihm die Hamburger noch weniger zu. Scholz erreicht in diesen Punkten Werte zwischen 37 und 57 Prozent.

Ähnlich verheerend ist die Einschätzung der Kompetenz der CDU in verschiedenen Bereichen. Selbst bei klassischen CDU-Themen wie Wirtschaft oder Finanzen setzen die Wähler in Hamburg in die SPD von Scholz deutlich größeres Vertrauen als in die CDU. Noch gravierender ist der Unterschied in Bereichen wie Schule, Bildung und Familie. Diese Themen waren vielen Hamburgern besonders wichtig.

"King Olaf" triumphiert in allen Bereichen

Mit der Bundespolitik haben die Resultate der Wahl dagegen wenig zu tun. "Das Ergebnis war ein Hamburger Ergebnis", sagt Wahlforscher Jung. Doch auch Angela Merkel könne eine Lehre aus dem Ahlhaus-Debakel ziehen. "Der programmatische Wechsel von der offenen Beust-CDU zu einer konservativen 'CDU pur' unter Ahlhaus hat sich nicht ausgezahlt", so Jung.

Der Triumpf von "King Olaf", wie die Morgenpost titelt, zieht sich nicht nur durch alle Themen, sondern auch quer durch alle Bevölkerungsgruppen. Bei den Arbeitern, Angestellten, Beamten und sogar bei den Selbständigen haben die Sozialdemokraten die CDU weit hinter sich gelassen. Wenn es eine kleine Schwachstelle im Wahlerfolg der SPD gibt, dann sind es die jungen Wähler. Bei den unter 30-Jährigen haben "nur" 43 Prozent ihr Kreuzchen bei den Genossen gemacht. Trotzdem kann sich Olaf Scholz auch hier über einen gewaltigen Vorsprung gegenüber Christoph Ahlhaus freuen.

Im linksalternativen Schanzenviertel sind die meisten über den Kantersieg der Roten nicht unglücklich. Im Kultur-Cafe III & 70 sagt ein bärtiger Jungwähler, dass der Wechsel Hamburg guttäte. "So wie das die letzten Jahre gelaufen ist, finde ich es gut, wenn die Sozis jetzt alleine regieren". Nebenan, in der Linksautonomen "Roten Flora", feierten gestern die Nichtwähler, zu denen sich der junge Hamburger aber nicht zählt. "Wer nicht wählt, darf sich auch nicht beschweren."

© sueddeutsche.de/plin
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