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Vor der Wahl in Hamburg:Der Rationale gegen die Temperamentvolle

Wahl in Hamburg 2020: Peter Tschentscher (SPD) und Katharina Fegebank (Grüne)

Für ein Wahlduell sind sich die beiden in vielem einig: Hamburgs Erster Bürgermeister Peter Tschentscher und seine Stellvertreterin Katharina Fegebank (Grüne).

(Foto: Fabian Bimmer/REUTERS)
  • Am kommenden Sonntag wird in der Hansestadt eine neue Bürgerschaft gewählt.
  • Beim NDR-Wahlduell bemühen sich die bisherigen Regierungspartner Peter Tschentscher (SPD) und Katharina Fegebank (Grüne) um Profilschärfung.
  • Das - so zeigt sich - ist kein leichtes Unterfangen. SPD und Grüne sind sich in vielen Punkten einig, oder zumindest nah beieinander.

"Frau Tschentscher", sagte der gute Moderator Andreas Cichowicz einmal zu Katharina Fegebank, das war natürlich ein ganz lustiger Versprecher. Sie lachte und warf ein, so weit sei es ja noch nicht. Hamburgs Erster Bürgermeister Peter Tschentscher von der SPD und seine Zweite Bürgermeisterin Katharina Fegebank von den Grünen sind nicht verheiratet, sie führten in den vergangenen fünf Jahren nur eine politische Ehe und sind vor den Bürgerschaftswahlen am Sonntag Rivalen. Aber es ist recht wahrscheinlich, dass da beim NDR-Wahlduell am Dienstagabend Hamburgs altes und neues Regierungsduo stand.

So sah es aus, und so hörte es sich zumindest phasenweise an bei dieser letzten und wichtigsten direkten Auseinandersetzung der beiden Hamburger Bürgermeisterkandidaten aus dem gemeinsamen Senat. Je länger der Zweikampf dauerte, desto näher waren sich die zwei Widersacher trotz gegenseitiger Spitzen. In den Umfragen führt Herr Tschentschers SPD deutlich vor Frau Fegebanks Grünen, vereint werden sie auch in einem künftigen Senat eine klare Mehrheit haben. Katharina Fegebank im grünen Kleid sprach am Anfang, sie spiele weiterhin "auf Angriff, auf Sieg", doch Rot-Grün sei nach diesem 23. Februar auch für sie "eine sehr naheliegende Option", logisch. Zwei Drittel der Hamburger sind mit Rot-Grün zufrieden.

Nur ein Thema sorgt wenige Tage vor der Abstimmung für unerwartete Dramatik. Es ging um die Berichte über mögliche Cum-Ex-Geschäfte und den Verdacht, die SPD habe 2016 eine mutmaßlich fällige Steuerrückzahlung in Höhe von 47 Millionen Euro verjähren lassen. Es geht auch um einen möglichen Deal in Millionenhöhe, um eine Stange Geld also. Die Grünen wollen zur Aufklärung in diesem Fall von Warburg das Steuergeheimnis aufheben lassen, es gehe um den "Vorwurf politischer Einflussnahme", sagt Katharina Fegebank. "Wir brauchen Transparenz, eine sehr sorgfältige Prüfung." Bürgermeister Tschentscher dagegen betont, es gebe "sehr viele Vorwürfe ohne Beweise", und er wiederholt mehrfach, dass er sieben Jahre lang Finanzsenator gewesen sei und Hamburgs Finanzämter "jeden Euro" zurückholen würden. "Es gab keine politische Einflussnahme", es gehe nach Recht und Gesetz.

Wie grün ist die Hamburger SPD?

Da war Katharina Fegebank ein bisschen kämpferisch und Peter Tschentscher ein bisschen schmallippig. Vom Typ her sind die beiden ohnehin interessante Gegenpole. Er, Labormediziner, gegen sie, Politikwissenschaftlerin, Rot gegen Grün, der Rationale gegen die Temperamentvolle. Inhaltlich dagegen liegen sie oft nah beieinander, wie auch im Lauf dieses Abends mehrfach deutlich wird.

Der Verkehr: Die Hamburger stehen im Schnitt 131 Stunden oder 87 Tatort-Folgen pro Jahr im Stau. Geplant sind große Verkehrsprojekte wie eine neue Autobahn und eine neue Brücke in der Hafengegend, inzwischen befasst sich nach den Grünen auch die SPD mit autoarmen Bereichen in der Innenstadt. "Aber Peter, das kann doch nicht dein Ernst sein, das war 1:1 unser Vorschlag", ging Katharina Fegebank dazwischen, auf das Copyright legt sie wert. Zwei von drei Hamburgern sind für eine konsequentere Verkehrswende. Die Grünen wollen viel mehr Radwege, die SPD setzt bisher sehr auf die Straße. Katharina Fegebank verspricht "deutlich mehr grüne Power", und sie sagt: "Wir haben zu viele Autos auf unseren Straßen." Ihr Vorbild ist Kopenhagen, Tschentscher nennt bei Bus und Bahn Wien, besseren öffentlichen Nahverkehr wollen natürlich beide. Als es um die Finanzierung ging, sagte Tschentscher: "Wir sind ehrbare Kaufleute in Hamburg." Damit da im Zuge von Cum-Ex keine Zweifel aufkommen.

Bei den Mieten sind sich beide einig, dass Wohnungsbau hilft, nicht aber ein Mietpreisdeckel wie in Berlin. Beim Klima glaubt Rot, dass Hamburg bis 2050 CO₂-neutral sein kann, Grün will das schon bis 2035 schaffen. Zusammen haben sie nach einigen Streitereien im Senat 400 Maßnahmen und einen Klimaplan beschlossen, wobei einigen Ideen, wie dem Verbot von Ölheizungen, erst noch die EU zustimmen muss. Katharina Fegebank freut sich strahlend und leicht ironisch über "das klimapolitische Erweckungserlebnis des Bürgermeisters" und klagt über umweltpolitische Blockaden der Genossen. Das sei kein leichtes Spiel gewesen mit der SPD, da müsse man "sehr viel ehrgeiziger werden".

Bei der Bildung schwärmt Tschentscher unter anderem von den kostenfreien Kitas, die unter seinem Vorgänger Olaf Scholz von der SPD eingeführt worden waren, und Katharina Fegebank verweist auf ihre Verdienste als Wissenschaftssenatorin. Den Strukturwandel will sie "durch Wissen und Innovation" erreichen, da gibt's ebenfalls keine großen Meinungsunterschiede. Sie stehe "für eine klare Zukunftsorientierung", Tschentscher betont, es gehe um Glaubwürdigkeit, es brauche "nicht nur Visionen, auch Realität".

So gehen sie auseinander, die Wahlgegner, die Partner sind und Partner bleiben dürften. "Hamburg bleibt so grün, wie wir es kennen", verkündet Peter Tschentscher. Katharina Fegebank dagegen prophezeit: "Es wird noch grüner."

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