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Hamburg:Extrem verwirrt

Jüdische Gemeinde in Hamburg Hamburger Synagoge in der Straße Hohe Weide am Tag nach dem Anschlag auf einen jüdischen S

Am Eingang zur Synagoge legen Besucher nach dem Anschlag Blumen nieder.

(Foto: imago images/Chris Emil Janßen)

Der Angreifer vor einer Synagoge in Hamburg war womöglich nicht schuldfähig.

Nach der Attacke auf einen jüdischen Studenten vor einer Synagoge in Hamburg wird der 29-jährige Tatverdächtige in einer psychiatrischen Einrichtung untergebracht. Einen entsprechenden Unterbringungsbefehl habe am Montag eine Untersuchungsrichterin erlassen, teilte eine Sprecherin der Staatsanwaltschaft mit. Dem Deutschen mit kasachischen Wurzeln wird versuchter Mord in Tateinheit mit gefährlicher Körperverletzung vorgeworfen. Die Generalstaatsanwaltschaft, die die Ermittlungen an sich gezogen hat, geht von einer antisemitischen Tat aus. Der Mann hatte am Sonntag einen 26 Jahre alten jüdischen Studenten mit einem Klappspaten geschlagen und schwer verletzt. Es sei davon auszugehen, dass der Verdächtige die Tat aufgrund einer psychischen Erkrankung im Zustand erheblicher Einschränkung oder ganz ohne Schuldfähigkeit begangen habe, sagte die Sprecherin. Schon bei seiner Festnahme am Sonntag hatte der Mann nach Polizeiangaben einen extrem verwirrten Eindruck gemacht. Wie aus Sicherheitskreisen zu erfahren war, lebte der Mann im vergangenen Jahr noch in Berlin in einem Übergangswohnheim für Spätaussiedler, Flüchtlinge und jüdische Zuwanderer. Zuletzt habe er unangemeldet in in Hamburg-Langenhorn gewohnt. In der Wohnung wurden Datenträger sichergestellt, deren Auswertung andauert. Nach der Festnahme fanden die Ermittler einen Zettel mit einem handschriftlich aufgemalten Hakenkreuz in der Hosentasche des Verdächtigen. Hinweise auf Mittäter lägen nicht vor.

Wie der Spiegel berichtete, war der Mann zeitweise bei der Bundeswehr. Er habe 2016 freiwillig Wehrdienst geleistet, eine dreimonatige Grundausbildung an der Waffe absolviert und später als Sanitäter gearbeitet. Bei dem Angriff vor der Synagoge hatte er eine Bundeswehr-Uniform getragen. Ob diese echt war, werde geprüft, sagte eine Sprecherin der Hamburger Staatsanwaltschaften.

Der angegriffene Student habe eine Kippa getragen und war "deutlich als Jude zu erkennen", sagte ein Polizeisprecher. Nach dem Angriff habe er ausgesagt, dass er den Angreifer noch nie gesehen habe. Zudem sei der Schlag völlig unvermittelt gekommen. Das Opfer habe zunächst die Schritte gehört, sich deshalb umgedreht und habe dann direkt den Schlag abbekommen.

Die Tat rief bundesweit Entsetzen und Empörung hervor. Vizekanzler Olaf Scholz (SPD) verurteilte den Angriff scharf. Es sei "ein feiger und abscheulicher Anschlag, der auch mich bestürzt", schrieb der frühere Hamburger Bürgermeister auf Twitter. "Der Hass gegen Jüdinnen und Juden ist eine Schande für unser Land", erklärte Bundesjustizministerin Christine Lambrecht (SPD). Der Zentralrat der Juden mahnte zum Eintreten gegen Antisemitismus. "Die Situation, dass Juden in Deutschland vermehrt zur Zielscheibe von Hass werden, darf niemanden in einem demokratischen Rechtsstaat wie Deutschland kaltlassen", erklärte sein Präsident Josef Schuster in Berlin. "Wir erwarten von der gesamten Gesellschaft, dem Hass gegen Juden entschieden entgegenzutreten - im Sinne unserer Demokratie, unserer Freiheit, und damit jüdisches Leben uneingeschränkt in Deutschland möglich ist."

Am Montagabend versammelten sich vor der Hamburger Synagoge rund 200 Menschen zu einer Mahnwache.

© SZ vom 06.10.2020 / dpa

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