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Hamburg:Draußen vor der Tür

Christian Lindner spricht vor der Hamburger Uni

Straßendiskurs: Christian Lindner (FDP) spricht mit einem Überraschungsgast – Hamburgs Wissenschaftssenatorin Katharina Fegebank (Grüne).

(Foto: Axel Heimken/dpa)

FDP-Chef Lindner darf nicht in Hamburgs Uni reden, Kevin Kühnert und Sarah Wagenknecht durften schon. Darum lädt er zum Meinungs-Open-Air. Und dann taucht plötzlich ein unerwarteter Gast auf.

Montagmittag in Hamburg, High Noon in der Hansestadt. Vier Grad im Schatten, in der Sonne eventuell ein ganz klein wenig mehr. Nun kommt Christian Lindner, der Streiter für die Freiheit des Wortes. FDP-Open-Air im Univiertel.

Denn der FDP-Vorsitzende spricht nicht in der beheizten Hamburger Universität, wo er kürzlich nicht sprechen durfte. Er spricht direkt vor der Hamburger Uni, und zwar auf einer Straße zwischen dem sogenannten Rechtshaus und dem Philosophenturm.

Der Auftritt bei der liberalen Hochschulgruppe unter einem Dach der Hochschule war ihm vor einigen Tagen untersagt worden. Es sei "explizit ausgeschlossen, dass die Uni Räume für Veranstaltungen mit parteipolitischer Ausrichtung zur Verfügung stellt", so die Begründung der Uni-Leitung. Die Regeln sind in den Raumvorgabebestimmungen nachzulesen. Allerdings waren vorher Juso-Chef Kevin Kühnert und Sahra Wagenknecht (Linke) bei Veranstaltungen in Hamburgs Uni aufgetreten, was Lindner so erzürnte, dass er die Wissenschaftssenatorin und Zweite Bürgermeisterin Katharina Fegebank (Grüne) in einem Brief aufforderte, die Meinungsfreiheit zu schützen.

Erweitert wurde der Hamburger Teil der Debatte um den Streit über das Comeback am Pult von AfD-Mitgründer Bernd Lucke, der seit diesem Semester wieder Volkswirtschaft an Hamburgs Uni lehrt. Die ersten beiden Vorlesungstermine von Professor Lucke wurden wegen lautstarker bis handgreiflicher Proteste abgebrochen, der dritte Versuch fand unter Polizeischutz statt.

Reichlich Stoff also für Lindner, und kaum taucht er im Gedränge zwischen ungefähr 100 Zuhörern auf, da steht überraschend Katharina Fegebank neben ihm. Es dürfe "nicht mit zweierlei Maß gemessen werden", so Fegebank, die wegen des Uni-Ärgers in die Kritik geriet, aber im Februar den Partner SPD ablösen und Erste Bürgermeisterin werden will. "Allein dass Sie hier sind, ist ja ein unübersehbares Signal an die Hochschulleitung", erwidert Lindner. Dann, kurz nach zwölf, steigt er aufs Podest.

Er hätte "viel lieber mit Ihnen drin diskutiert", spricht der Redner. So wie in den Unis von Frankfurt oder Leipzig oder "selbst im CSU-regierten Bayern". Aber Hamburg? "Hier drüben war Kevin Kühnert, da vorne war Sahra Wagenknecht", nur er habe nicht reingedurft. Demokratischer Austausch gehöre in die Universitäten und nicht davor, meint Lindner.

Es geht ihm bei seiner Philippika auch um Robert Habeck, der nicht mehr twittert. Um "die Shitstorm-Kultur". Um Lucke. Den Politiker Lucke habe er bekämpft, doch Lindner findet, dass Lucke "seine falsche Meinung" äußern dürfen müsse. Wobei, wer seine Meinung äußere, auch mit Gegenrede zu rechnen habe. Es folgt der Hinweis, dass der Austausch von Meinungen "genauso von Links- wie von Rechtspopulisten gefährdet" werde. Das ist einer der Sätze, denen diese Warnung vorausgeht: "Jetzt eine gefährliche These", man möge sich anschnallen. Lindner wittert außer Rechtspopulismus auch "Hypersensibilität und politische Verdächtigungskultur von links".

Es gibt Applaus, vereinzelt hört man Kommentare wie "Ich find' das so unangenehm". Demonstriert wird nicht, auch wachen Polizisten. "Lassen Sie uns einfach wieder respektvoll, vernünftig, offen und leidenschaftlich streiten", rät Lindner. Nach 15 Minuten ist die Freiluftnummer vor der verbotenen Hamburger Unistadt vorbei.