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Bürgerschaftswahl:Wer in Hamburg wen gewählt hat

Bürgerschaftswahl

Rund 1,32 Millionen Menschen waren in Hamburg aufgerufen, eine neue Bürgerschaft zu wählen.

(Foto: dpa)

Der SPD gelingt es in Hamburg besser als zuletzt in anderen Bundesländern, ihre traditionelle Kernwählerschaft anzusprechen. Eine Trendwende sieht allerdings anders aus. Eine Übersicht in Grafiken

Für die SPD bietet das Ergebnis der Hamburger Bürgerschaftswahl zunächst einmal Grund zur Freude: Die Sozialdemokraten liegen mit zweistelligem Vorsprung auf dem ersten Platz, ihr Spitzenkandidat Peter Tschentscher kann wohl als Erster Bürgermeister weiter regieren. Dass der bundesweite Abwärtstrend der Sozialdemokraten zu Ende gehen könnte, lässt sich aus dieser Wahl dennoch kaum ablesen. Bei einer genaueren Analyse finden sich drei Gründe, die dem entgegenstehen.

Erstens: Gegenüber der Wahl vor fünf Jahren hat die SPD mehr als sieben Prozentpunkte verloren. Zweitens hat sie ihren Wahlsieg vor allem Hamburg-spezifischen Faktoren zu verdanken: Die große Mehrheit der Wähler gibt an, dass die Politik in der Hansestadt für ihre Wahlentscheidung den Ausschlag gab. In einer Nachwahlbefragung der Forschungsgruppe Wahlen sagten das 71 Prozent, für 23 Prozent war die Bundespolitik wichtiger. 61 Prozent wünschen sich eine Fortsetzung der rot-grünen Koalition. Die Beliebtheit des Regierungschefs überragt die seiner Partei bei Weitem: 79 Prozent sind mit Tschentschers Arbeit zufrieden, 57 Prozent wünschen sich, dass er im Amt bleibt.

Und zum Dritten hat die SPD auch in Hamburg ein Altersproblem: Bei den Über-60-Jährigen kommt sie auf 55 Prozent der Stimmen, bei den Unter-30-Jährigen erreicht sie dagegen nur 26 Prozent und liegt weit hinter den Grünen. Allein durch die natürliche Bevölkerungsentwicklung verlieren die Sozialdemokraten von Wahl zu Wahl an Stimmen. Das gilt allerdings noch stärker für die CDU: Sie liegt bei den Hamburgern unter 30 im einstelligen Bereich und landet mit nur sieben Prozentpunkten hinter der Linken auf dem vierten Platz.

Der SPD gelang es in Hamburg besser als zuletzt in anderen Bundesländern, ihre traditionelle Kernwählerschaft der sogenannten "einfachen Leute" anzusprechen: Sie holt eine deutliche Mehrheit derjenigen Wähler, die ihren höchsten Abschluss an einer Hauptschule gemacht haben, und ist stärkste Kraft unter den Arbeitern. Gerade in Ostdeutschland macht ihr die AfD diesen Status inzwischen häufig streitig.

Die AfD kann in Hamburg kaum eine Wählergruppe von sich überzeugen und macht eine neue Erfahrung in ihrer jungen Parteigeschichte: Erstmals bei einer Bundes- oder Landtagswahl verliert die AfD, erhält also prozentual weniger Stimmen als bei der vorherigen Wahl. Als westdeutsche, wohlhabende Metropole ist Hamburg ohnehin ein schwieriges Umfeld für die Partei, die ihre Hochburgen in strukturschwachen Regionen und vornehmlich im Osten hat. Doch diese Faktoren hatten die Meinungsforscher schon eingepreist, als sie die AfD vor der Wahl bei sechs bis sieben Prozent auswiesen. Tendenziell schneidet die AfD bei Wahlen eher besser ab als in den Umfragen. Dass es dieses Mal anders kam, dürfte mit aktuellen Ereignissen zu tun haben, welche die Demoskopen nicht mehr abbilden konnten, etwa mit der Regierungskrise in Thüringen und dem rassistischem Anschlag in Hanau.

Die Wahlbeteiligung ist in Hamburg deutlich gestiegen und liegt bei 62 Prozent. Wo das in den vergangenen Jahren andernorts der Fall war, gingen damit meist deutliche Zugewinne der AfD einher. Wer hat dieses Mal von ehemaligen Nichtwählern profitiert? Darauf geben die Daten zur Wählerwanderung ein paar Hinweise. Sie sind generell mit Vorsicht zu behandeln, da ihre Erhebung auf der Hoffnung beruht, dass die Befragten korrekt angeben können, was sie bei der vorherigen Wahl gewählt haben. Im Hamburger Fall liegt die letzte Wahl fünf Jahre zurück.

Mit jener Vorsicht betrachtet, deuten die Wanderungszahlen von Infratest dimap darauf hin, dass die Grünen den größten Zulauf aus dem Nichtwählerlager hatten, dicht gefolgt von der SPD. Dass die unterm Strich dennoch Stimmen verlor, lässt sich mit einer Wanderung hin zu den Grünen erklären. Die Grünen haben als einzige Partei aus allen anderen Lagern Stimmen dazugewonnen. Die CDU hat ebenfalls vormalige Nichtwähler für sich gewonnen, aber ungleich stärker an die Regierungsparteien verloren. Auch die FDP gewann Nichtwähler, verlor aber zugleich Stimmen in Richtung Union und SPD und noch stärker an die Grünen.

© SZ vom 24.02.2020/cck
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