Süddeutsche Zeitung

Synagoge in Hamburg:Ein Platzhalter verschwindet

In Hamburg stand einst eine der größten Synagogen Europas. Bisher erinnert ein Mosaik an deren Zerstörung durch die Nationalsozialisten. Nun soll sie wiederaufgebaut werden.

Von Jana Stegemann

Drei Wochen nach dem Terroranschlag von Halle im Oktober 2019 gibt Shlomo Bistritzky dem Hamburger Abendblatt ein Interview: Er berichtet von seinem Leben unter Polizeischutz - und er macht einen Vorschlag: die von Nazis zerstörte Synagoge am Bornplatz im Grindelviertel wieder aufzubauen. Das, was Hamburgs Landesrabbiner sagt, wird landesweit und später auch im Bundestag diskutiert.

Knapp vier Jahre später an diesem Mittwochmorgen ist es so weit, Bistritzkys Idee wird in die Tat umgesetzt: In einem historischen Akt wird Hamburgs Bürgerschaft das Grundstück, auf dem einst die Synagoge samt Schule stand, zurück in den Besitz der Jüdischen Gemeinde Hamburg geben.

Dort, wo jetzt ein Bodenmosaik an die berühmte Bornplatzsynagoge erinnert, sollen wieder ein jüdisches Gotteshaus und ein Gemeindezentrum errichtet werden. Dafür stellen der Bund und die Stadt Hamburg etwa 120 Millionen Euro zur Verfügung. Zurzeit suchen in Hamburg Archäologen nach Resten der Bornplatzsynagoge, danach wird es einen Architektenwettbewerb geben.

Bis zu ihrer Zerstörung durch die Nationalsozialisten galt die Bornplatzsynagoge als die größte Nordeuropas. Der imposante neoromanische Bau, der 1906 eingeweiht worden war, diente als Hauptsynagoge der deutsch-israelitischen Gemeinde. In der Reichspogromnacht 1938 wurde sie von Nazis verwüstet, ein Jahr später abgerissen, nachdem das Grundstück an die Stadt verkauft werden musste. Seit 1988 bewahrt das Bodenmosaik von Margrit Kahl das Andenken an die Synagoge: Es sind in den Boden eingelassene Steine, die den Grundriss und das Deckengewölbe der abgerissenen Synagoge abbilden.

Die Bürgerschaft hatte 2020 einstimmig für den Wiederaufbau gestimmt

Für den Neubau muss ein weißer Hochbunker, den die Nazis dort errichtet hatten und der von der Universität Hamburg genutzt wird, abgerissen werden. Die neue orthodox ausgerichtete Synagoge soll sich an der Historie orientieren, aber nicht identisch wieder aufgebaut werden. Damals gab es etwa 1200 Plätze, nun sollen es nur noch die Hälfte sein. Zusätzlich soll um das Gotteshaus herum ein Gebäudeensemble entstehen, zu dem ein Begegnungszentrum und ein Café gehören.

"Sensationell ist nicht, dass es geht, dass es technisch umsetzbar ist. Sensationell ist, dass ganz Hamburg es gemeinsam mit der jüdischen Gemeinde will", hatte Philipp Stricharz, der Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde Hamburg, bei der Vorstellung der Machbarkeitsstudie vor einem Jahr gesagt. Im Februar 2020 hatte die Hamburger Bürgerschaft einstimmig dafür gestimmt, den Wiederaufbau zu unterstützen.

Vorangegangen war ein jahrelanger Streit in Hamburg: Die einen sagten, es sei Geschichtstilgung, das Mahnmal im Boden zu entfernen. Andere fragten: Darf man einen Gedenkort einfach überbauen? Ja, finden die Befürworter. Die Wunde im Herzen des Hamburger Grindelviertels müsse geschlossen werden, der Neubau sei ein kleiner "Akt der Wiedergutmachung". Die Historikerin Miriam Rürup hatte im NDR zu bedenken gegeben: "Wir würden ein künstliches Stadtbild wieder herstellen, das an die Vorkriegssituation wieder anschließen möchte und damit quasi suggeriert, dass der Krieg, dass die Zerstörung nicht stattgefunden hat." Philipp Stricharz sagt, dass das Bodenmosaik "ein Platzhalter war", der sicherstellen sollte, dass dort nichts anderes gebaut wird.

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