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Nahostkonflikt:Raketen Marke Eigenbau

Israel fängt eine Rakete ab, die von der Hamas vom Gazastreifen aus in den Süden des Landes abgefeuert wurde.

(Foto: Anas Baba/AFP)

Trotz der Blockade des Gazastreifens ist es der Hamas gelungen, ihr Waffenarsenal nach dem Krieg von 2014 auszubauen - ihre Raketen fertigt sie mit Unterstützung aus Iran weitgehend selber.

Von Paul-Anton Krüger

Mehr als 2900 Raketen hat die Hamas seit Beginn des jüngsten militärischen Schlagabtauschs bis Sonntagmorgen auf Israel abgefeuert. Und es gibt keine Anzeichen dafür, dass das Arsenal der militanten Islamisten damit ausgeschöpft wäre. In Propagandavideos zeigten die Qassam-Brigaden, der militärische Arm der Hamas, neue Raketenwerfer, die zum Teil in die Dünen eingegraben sind und mit mehr als vier Meter langen Raketen geladen werden, die angeblich eine Reichweite von 120 Kilometern haben.

Das israelische Militär ging vor Beginn des Konfliktes davon aus, dass die im Westen als Terrororganisation eingestufte Extremistengruppe über 10 000 bis 15 000 Raketen verfügt - obwohl der Gazastreifen von Israel und seit 2013 auch von Ägypten weitgehend abgeriegelt ist.

Einen Großteil der Raketen fertigt die Hamas nach übereinstimmender Einschätzung der israelischen Armee und unabhängiger Experten im Gazastreifen selbst - in Waffenfabriken, die oft in Tunnels oder auch in dicht besiedelten Wohngebieten versteckt sind. Sie gehören zu den vorrangigen Zielen israelischer Luftangriffe, ebenso die Kader der Hamas, die für die Entwicklung und Produktion der Waffen verantwortlich sind.

Die Flugbahn bestimmt die Ausrichtung, die Treffgenauigkeit ist gering

Die ungelenkten Artillerieraketen, mit denen die Hamas die Bevölkerung von Tel Aviv, Aschdod oder Aschkelon terrorisiert, sind technisch einfach aufgebaut: Ein Metallrohr wird mit einem Feststoff-Treibsatz befüllt, der Gefechtskopf besteht aus Sprengstoff und einem Zünder. Die Ausrichtung der Abschussvorrichtung bestimmt die Flugbahn, die Treffgenauigkeit ist gering.

Schoss die Hamas früher vor allem Katjuscha- und Qassam-Raketen auf Gebiete, die an den Gazastreifen grenzen, trafen schon im Gaza-Krieg 2014 etliche Raketen den Großraum Tel Aviv. Doch wurden Raketen mit größeren Reichweiten, die zumeist aus Iran stammten, damals überwiegend durch Tunnel in den Gazastreifen geschmuggelt, manche in Teilen, die dann wieder zusammengesetzt wurden. Seither hat Ägypten diese Tunnel weitgehend zerstört und die Hamas offenkundig daran gearbeitet, Reichweite und Nutzlast ihrer selbst gefertigten Raketen zu steigern und vor allem diese deutlich größeren Raketen in großen Stückzahlen zu produzieren.

Am Tag danach: Die Reste einer der Raketen, die von der Hamas abgefeuert wurden.

(Foto: Jack Guez/AFP)

Sie profitierte dabei von technischer Unterstützung aus Iran, wie der militärische und politische Führer der Hamas im Gazastreifen, Yehya al-Sinwar, 2019 freimütig bekannte. Technologisch sind diese Raketen aber immer noch vergleichbar mit den früheren Modellen. Es gibt keine Hinweise darauf, dass sie in größerer Zahl über fortgeschrittene Steuerungsmechanismen verfügen.

Die Rohmaterialien werden nach wie vor auf dem Landweg über die Sinai-Halbinsel und dem Seeweg in den Gazastreifen geschmuggelt, wie in einer im September 2020 gesendeten Dokumentation für den arabischen Kanal des Fernsehsender al-Jazeera Hamas-Vertreter sagten. Oft werden Lieferungen unter Baustoffen versteckt, auch Fischerboote werden für den Schmuggel genutzt - ein Grund, warum Israel die Nutzung der Küstengewässer beschränkt.

Ebenfalls zu sehen in dem Film: Hamas-Kämpfer bergen nicht explodierte israelische Munition und verwerten den enthaltenen Sprengstoff und andere Teile, Taucher holen sogar Munition aus vor dem Gazastreifen gesunkenen Schiffen aus dem Ersten Weltkrieg. Nach Aussagen vom Hamas-Kader in dem Video erhält die Hamas Unterstützung aus Syrien und - bis zum Sturz des langjährigen Diktators Omar al-Baschir - aus dem Sudan, vor allem aber aus Iran.

Israelische Soldaten bewachen das Raketenabwehrsystem "Iron Dome".

(Foto: Jack Guez/AFP)

In der Dokumentation zu sehen sind moderne Kornet-Panzerabwehrraketen, ein russisches Fabrikat. Mit diesen Waffen feuern Hamas-Trupps über die Grenzbefestigungen hinweg auf israelische Einheiten. Mindestens ein Soldat kam bei einem solchen Angriff ums Leben, als sein Fahrzeug getroffen wurde. Mehr als ein Dutzend solcher Trupps hat die israelische Armee seither nach eigenen Angaben bombardiert und unschädlich gemacht.

Sogenannte Kamikaze-Drohnen präsentierten die Qassam-Brigaden auch in jüngst veröffentlichten Propagandavideos. Sie sind mit einem Sprengsatz beladen und stürzen sich damit auf ihr Ziel - eine Art Marschflugkörper. Die ebenfalls von den iranischen Revolutionsgarden unterstützten Huthi-Milizen in Jemen haben mit ähnlichen Waffen Ölanlagen in Saudi-Arabien in Brand geschossen.

Solche Drohnen können mit Funksignalen gesteuert werden oder von einem GPS-Sender gesteuert über einen programmierten Flugpfad ins Ziel gelenkt werden. Die Hamas hat versucht, sie im laufenden Konflikt gegen Israel einzusetzen, allerdings hat die Raketenabwehr Iron Dome sie anders als die saudische Luftverteidigung abfangen können. Das System kann auch anfliegende Mörsergranaten zerstören.

© SZ/mala
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