Süddeutsche Zeitung

Hamas bekämpft islamistische Sekte:"Anarchie und Chaos"

Im Gaza-Streifen liefern sich Hamas und eine islamische Sekte blutige Kämpfe. Die Hamas ist fest entschlossen, keine andere islamistische Organisation zu dulden - und mit aller Gewalt gegen sie vorzugehen.

Die radikal-islamische Hamas hat nach den blutigen Gefechten mit der islamistischen Splittergruppe "Dschihad al-Salafi" eigenen Angaben zufolge am Sonntag wieder die Kontrolle über den Gaza-Streifen erlangt.

Hamas-Führer Ismail Hanija, der im Gaza-Streifen als Regierungschef agiert, sagte am Sonntag, Hamas dulde keine andere islamistische Organisation und werde mit aller Gewalt gegen entsprechende Versuche vorgehen. Die Gruppe habe palästinensische Jugendliche im Gaza-Streifen mit "seltsamen Ideen" indoktriniert und gegen Hamas aufgehetzt.

Bei den stundenlangen Gefechten, die am Freitag begonnen und bis Samstag angedauert hatten, sind nach Angaben der palästinensischen Menschenrechtsorganisation im Gaza-Streifen "Palestinian Center for Human Rights" (PHCR) 28 Menschen getötet und mehr als 150 Menschen verletzt worden.

Unter den Opfern der Kämpfe in der Stadt Rafah im Süden des Gaza-Streifens seien auch sechs Zivilisten und sechs Sicherheitskräfte der Hamas. Die Sekte Dschihad al-Salafi und ihr bewaffneter Flügel Dschund Ansar Allah (Armee der Anhänger Gottes) sollen dem Terrornetzwerk al-Qaida nahe stehen und im Gaza-Streifen etwa 1000 Anhänger haben.

Der Führer der Gruppe, der 47 Jahre alte Abdel Latif Mussa, hat sich nach Angaben der Hamas bei den Kämpfen mit einem Sprengstoffgürtel selbst getötet. Anhänger der Sekte dagegen behaupteten, die Sicherheitskräfte der Hamas hätten Mussa erschossen.

Scheich Mussa hatte bei seinem Freitagsgebet in der Ibn-Tahmed-Moschee in Rafah die Herrschaft der Hamas kritisiert und überraschend ein "islamisches Emirat" im Gaza-Streifen ausgerufen. Der Scheich, der bis vor zwei Jahren eine Klinik für Allgemeinmedizin geführt und seit 2007 nur noch gegen Hamas agitiert hatte, hatte in seiner Rede die Einführung der islamischen Scharia-Rechtsprechung gefordert, die zum Teil drakonische Strafen wie das Abhacken der Hand bei Dieben und die Tötung von Ehebrechern vorsieht.

Der Gaza-Streifen solle künftig als islamistisches Emirat geführt werden, das "loyal" gegenüber Al-Qaida-Führer Osama bin Laden sei. Vor dem muslimischen Gotteshaus waren Dutzende vermummte, mit Kalaschnikow-Gewehren bewaffnete Mitglieder der Dschund Ansar Allah in Stellung gegangen und hatten sich Gefechte mit Sicherheitskräften der Hamas geliefert. Es waren die blutigsten innerpalästinensischen Kämpfe seit der gewaltsamen Machtübernahme der Hamas im Gaza-Streifen vom Juni 2007.

Die islamistische Sekte Mussas soll für Anschläge im Gaza-Streifen auf Restaurants, Internet-Cafés, Friseure und Apotheken, in denen Verhütungsmittel verkauft wurden, verantwortlich sein. Ihre Anhänger sollen auch Attentate auf christliche Institutionen und auf eine internationale Schule im Gaza-Streifen verübt haben. Zuletzt soll die Gruppe einen Anschlag auf eine Hochzeitsgesellschaft verübt haben, bei der ein Verwandter des früheren Sicherheitschefs im Gaza-Streifen, Fatah-Führer Mohammed Dahlan, geheiratet hatte.

Ein Hamas-Sprecher erklärte am Sonntag, die Sekte Mussas stehe in engem Kontakt mit den ehemaligen Sicherheitskräften der Fatah im Gaza-Streifen und sei auch von ihnen mit Waffen und Munition ausgestattet worden. Fatah unterstütze gemeinsam mit dem israelischen Geheimdienst die Sekte, um die Regierung der Hamas im Gaza-Streifen zu stürzen. Der palästinensische Chefunterhändler Saeb Erekat sagte am Sonntag, der Gaza-Streifen versinke "in Anarchie und Chaos".

Die Freitagsgebete Mussas im Süden des Gaza-Streifens hatten großen Zulauf vor allem von jugendlichen Palästinensern. Seine Anhänger hatten ihn immer wieder dazu gedrängt, einen islamischen Gottesstaat im Gaza-Streifen auszurufen. Mussas Hauptargument war, dass Hamas "zu moderat" sei und "zu milde" in Bezug auf die Einhaltung religiöser Gebote. Der faktische Waffenstillstand zwischen Israel und der Hamas im Gaza-Streifen war in den Augen Mussas ein weiterer Beweis dafür, dass Hamas "zu moderat" sei.

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SZ vom 17.08.2009/gba
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