Terrorbekämpfung:Im Netz der Nazis

Terrorbekämpfung: Stephan B. war oft auf Gaming-Plattformen unterwegs, vertrieb sich die Zeit mit Ego-Shooter-Spielen wie "Counter Strike".

Stephan B. war oft auf Gaming-Plattformen unterwegs, vertrieb sich die Zeit mit Ego-Shooter-Spielen wie "Counter Strike".

(Foto: Hidden Path Entertainment (Screenshot))

Rechtsradikale wie der Täter von Halle treffen Gleichgesinnte oft in Chat-Räumen. Die Polizei hat das lange übersehen. Nun will sie verstärkt im Internet ermitteln - mit "virtuellen Agenten".

Von Florian Flade und Ronen Steinke, Berlin

Eine Frage an den Mann, der gern als Mörder vieler Jüdinnen und Juden in die Geschichte eingegangen wäre: Was können Sie uns zu diesem Foto sagen?

Stephan B. zögert nicht, als zwei Kriminalkommissare ihn am 22. November 2019 in der Justizvollzugsanstalt der Stadt Halle befragen. "Das war ein Witz", winkt er ab. Das Foto zeigt acht Männer in der Uniform der SS. Sie gehören zu einer Sondereinheit um Oskar Dirlewanger, einer besonders berüchtigten Gruppe von Kriegsverbrechern.

"Es sieht doch total gestellt aus", sagt Stephan B., "als hätte Hollywood das produziert. Das sieht aus wie bei 'The Expendables'", einem bekannten Actionfilm. Deshalb habe ihm das Bild gefallen, sagt er. Und so habe er die Worte "Die dreisten Acht" über das SS-Foto geschrieben und es im Netz verbreitet. Für solche Witze hatte er auf seinem Rechner einen eigenen Ordner gehabt, "den Shitpost-Folder", wie er das nannte.

Die Inhalte haben die Ästhetik von Cartoons und Onlinespielen

Tausende solcher Bilder haben die Ermittler auf dem Computer, auf einem Laptop und zwei USB-Sticks von Stephan B. gefunden, dem Attentäter von Halle. Ein Sammelsurium an rassistischen, antisemitischen, frauenverachtenden Inhalten, oft in der Ästhetik von Cartoons und Onlinespielen. Vor seiner Tat hat er noch versucht, seine Festplatte zu löschen. Das ist ihm nur zum Teil gelungen.

Der 28-Jährige hat die Dateien offenbar gesammelt. Auf sogenannten Imageboards, einfachen Internetforen wie 4 Chan, Meguca oder Nanochan, in denen Nutzer meist anonym und nahezu ohne Verbote und Kontrollen alle erdenklichen Inhalte posten, auch menschenverachtende. Es war die Welt, in der er sich täglich viele Stunden aufhielt. In seinem Zimmer in der kleinen Wohnung der Mutter in Benndorf in Sachsen-Anhalt.

"Ich bin keine Gamerin", räumte eine BKA-Sachbearbeiterin ein

An diesem Montag soll das Urteil gegen Stephan B. gesprochen werden. Ihm wird vorgeworfen, am 9. Oktober 2019 mit selbstgebauten Waffen einen Anschlag auf die Synagoge von Halle verübt zu haben. Nur durch den glücklichen Umstand, dass die schwere Eingangstür der Synagoge standhielt, kam es wohl nicht zu einem Massenmord. Zwei Menschen tötete B., eine Passantin und einen jungen Mann in einem Döner-Imbiss.

Im Prozess gegen Stephan B. hat sich aber auch gezeigt, wie schwer sich deutsche Ermittler mit Tätern wie ihm tun, die sich vor allem im Netz radikalisieren. Als Zeugen waren Beamte des Bundeskriminalamts (BKA) geladen, die zugeben mussten, dass zahlreiche Internetkontakte von Stephan B. nicht ermittelt werden konnten. Und dass seine Aktivitäten auf Spieleplattformen - er spielte mit Vorliebe Ego-Shooter-Games wie "Counter Strike" - in Teilen nicht bekannt seien. "Ich bin keine Gamerin", räumte eine BKA-Sachbearbeiterin ein.

Auf mehr als 200 Telegram-Kanälen werden Rechtsterroristen verehrt

Dabei ist das Phänomen nicht neu. Ein Leben auf Imageboards, der Halle-Attentäter ist damit nicht alleine. Schon der 18-jährige Münchner, der im Juli 2016 neun Menschen am Olympia-Einkaufszentrum erschoss, war viel auf der Spieleplattform Steam unterwegs gewesen, auf der sich Menschen zu Computerspielen treffen. Er war dort in derselben Chatgruppe wie ein Amerikaner, der anschließend im US-Bundesstaat New Mexico in einer Schule drei Menschen erschoss.

Die Fachjournalistin Karolin Schwarz, die im Halle-Prozess als Sachverständige angehört worden ist, erforscht die Welt der Imageboards. Sie zählt allein mehr als 200 Telegram-Kanäle, in denen Rechtsterroristen verehrt werden. Hier erstellen Nutzer sogenannte High-Score-Listen. Besonders verehrt wird der Australier, der im vergangenen Jahr in der neuseeländischen Stadt Christchurch 51 Menschen in Moscheen ermordete und seine Taten live ins Netz übertrug.

Die Verfassungsschützer setzen auf "virtuelle Agenten"

Seltsam abwesend war in dieser Schattenwelt nur lange die Polizei. "Es braucht eine digitale Spurensicherung", sagt Karolin Schwarz, "die Sicherheitsbehörden müssen sofort klären: Wie reagieren die einschlägigen Plattformen? Dann entgeht einem nicht, wie zu weiteren Anschlägen aufgerufen wird." Technisch sei das nicht schwierig. Anders als in Kinderporno-Foren müssen Besucher der Terror-Imageboards sich nicht erst beweisen, um in die engeren Zirkel hineingelassen zu werden.

"Die Hürde besteht darin, diese Kanäle erst einmal zu finden", sagt Karolin Schwarz. "Und in die Sprache hineinzufinden, die sehr ausschließend ist. Die besteht praktisch durchgehend aus Ironie und rassistischen Insiderwitzen. Dass das Wort Goldstück für Geflüchtete steht, muss man erst mal verstehen." Genauso gebe es zig verschiedene Schimpfwörter für Juden.

Im Bundesamt für Verfassungsschutz bemüht man sich inzwischen aufzuholen. Es gibt neuerdings einen eigenen Fachbereich "Explorative Internetaufklärung", der sich damit befasst, welche Ecken des Netzes für die Terrorabwehr relevant werden könnten. Die Verfassungsschützer setzen dabei verstärkt auf "virtuelle Agenten", also auf Mitarbeiter, die unter falscher Identität online unterwegs sind.

Eine neue Arbeitsgruppe "Antisemitismus" soll entstehen

Diese Methode bringt für die Behörde einige Risiken und Herausforderungen mit sich - so sollten diese Profile auch außerhalb der üblichen Bürozeiten der Beamten aktiv sein. Und es muss verhindert werden, dass die virtuellen Agenten sich versehentlich gegenseitig für echte Terroristen halten.

Und auch das BKA arbeitet daran, ein neues Team zusammenzubringen, das Referat mit dem unscheinbar klingenden Namen "Risikomanagement" soll im April seine Arbeit aufnehmen. Es soll sich mit jenen Rechtsextremen befassen, die als besonders gefährlich gelten und daher intensiv überwacht werden sollen. Beim GETZ, dem gemeinsamen Zentrum der Behörden gegen Rechtsterrorismus in Köln, das nach dem Auffliegen der NSU-Terrorzelle gegründet wurde, soll zudem eine neue Arbeitsgruppe "Antisemitismus" entstehen, in der sich die Sicherheitsleute aus Bund und Ländern besser über judenfeindliche Extremisten austauschen sollen.

"Übers Internet sagt man manchmal Dinge, die man sonst nicht sagt", sagt ein Angeklagter

Ganz erfolglos sind die Ermittler schon bisher nicht. Erst vor wenigen Tagen verurteilte das Landgericht Nürnberg-Fürth einen 23-Jährigen aus Cham in der Oberpfalz zu einer Freiheitsstrafe von zwei Jahren. Er hatte geplant, sich ein Sturmgewehr selbst zu bauen und damit Menschen in einer Synagoge oder Moschee zu töten. Unter dem Pseudonym "Heydrich" war er in Chatforen aktiv. Bis man ihn überführte.

Aber es braucht Fachwissen, um diesen Tätern entgegenzutreten. In Hildesheim steht gerade ein 22-jähriger Mann vor dem Landgericht, er soll einen Moschee-Anschlag nach dem Vorbild des Christchurch-Attentäters geplant haben. Bis zu 20 Menschen habe er töten und so zu einer "Legende" werden wollen, hatte er in einem Chat geschrieben. In seiner Wohnung wurden zwei Armbrüste und mehrere Messer gefunden. "Ich hatte nie vor, einen Anschlag zu begehen", hat der Mann jetzt am Freitag vor Gericht beteuert.

"Übers Internet sagt man manchmal Dinge, die man sonst nicht sagt." Es sei alles nur ein "Witz" gewesen.

© SZ
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