Süddeutsche Zeitung

Sachsen-Anhalt:Täter von Halle drehte ein Video und stellte es ins Internet

  • Der Angreifer von Halle hat ein Video seiner Tat im Internet hochgeladen. Es liegt der Süddeutschen Zeitung vor.
  • Auf dem Video ist zu sehen, wie der Deutsche Stephan B. vor einer Synagoge zwei Menschen erschießt und rechtsextreme Ansichten äußert.
  • Technische Probleme an seinen selbstgebauten Waffen verhinderten offenbar, dass der Mann noch mehr Menschen tötet.

Nach den tödlichen Schüssen in Halle an der Saale gibt es neue Erkenntnisse: Wie NDR, WDR und Süddeutsche Zeitung aus Sicherheitskreisen erfuhren, heißt der Täter Stephan B. und ist deutscher Staatsbürger. Er drehte offenbar ein Video der Tat und lud dieses im Internet beim Livestreaming-Dienst Twitch hoch. Kurze Zeit nach dem Upload löschte Twitch die Aufnahme, allerdings kursieren Kopien im Netz. Das Video liegt den Ermittlungsbehörden inzwischen vor. Das Vorgehen erinnert nach Angaben aus Sicherheitskreisen an das Vorgehen des Täters im neuseeländischen Christchurch - der streamte seine Tat live.

Auch der Süddeutschen Zeitung liegt das Video vor. Die Aufnahme der Tat dauert knapp 36 Minuten und offenbart die Ideologie des Täters: Es handelt sich um einen rechtsradikalen Terroristen. Gleich zu Beginn leugnet der junge Mann mit Glatze den Holocaust, hetzt gegen Feminismus und Flüchtlinge und nennt Juden "die Ursache aller Probleme".

Der Rest des Videos zeigt die beiden Angriffe auf Synagoge und Dönerladen. Der Täter montierte sich die Kamera auf dem Kopf und filmte seine Morde aus der Ich-Perspektive. In der Synagoge hält ihn eine Eingangstür aus Holz auf, er flucht und erschießt kurz darauf eine Frau aus nächster Nähe. Im Dönerladen versagen seine offenbar selbstgebauten Waffen, er muss mehrfach nachladen und zurück zu seinem Auto gehen.

Später gibt er Schüsse auf ein Polizeiauto ab, dabei bricht seine Ausrüstung auseinander. "Ich habe definitiv bewiesen, wie wertlos improvisierte Waffen sind", sagt der Terrorist, bevor er in seinem Auto flüchtet. Zum Schluss sagt er hörbar frustriert: "Alle Waffen haben versagt, man."

Nach den Schüssen wurden zwei Schwerverletzte in das Universitätsklinikum der Stadt Halle eingeliefert. Sie wurden operiert und befinden sich inzwischen offenbar außer Lebensgefahr.

Nach den bisherigen Erkenntnissen der Ermittlungsbehörden handelt es sich wohl um einen Einzeltäter. Es wird allerdings weiter ermittelt. Im etwa 15 Kilometer von Halle entfernten Landsberg durchsuchten schwerbewaffnete Polizisten am Abend mehrere Häuser im Stadtteil Wiedersdorf. Dort waren tagsüber ebenfalls Schüsse gefallen, wie eine Polizeisprecherin der Deutschen Presse-Agentur bestätigte. Nähere Angaben machte sie nicht.

Bundesinnenminister Horst Seehofer sagte, nach Einschätzung des Generalbundesanwalts gebe es bei dem Angreifer von Halle "ausreichend Anhaltspunkte für einen möglichen rechtsextremistischen Hintergrund". Man müsse zudem davon ausgehen, dass es sich "um einen antisemitischen Angriff handelt."

Zehn US-Amerikaner in der Synagoge

Weil der Täter die Tür zur Synagoge nicht aufbekam, entging die jüdische Gemeinde womöglich einer Katastrophe. Im Inneren feierten zu dem Zeitpunkt 70 bis 80 Menschen den höchsten jüdischen Feiertag Jom Kippur. "Jom Kippur ist heute ein schwarzer Tag", erklärte der Bundesinnenminister. Nach Informationen aus Sicherheitskreisen legte der Täter selbstgebastelte Sprengsätze vor dem Gotteshaus ab. Offenbar kam aber kein Mitglied der jüdischen Gemeinde ums Leben.

In der Synagoge waren zum Zeitpunkt der tödlichen Schüsse nach Angaben von US-Botschafter Richard Grenell auch zehn US-Amerikaner. "Alle sind sicher und unverletzt", schrieb Grenell auf Twitter.

In eigener Sache

Der Täter von Halle (Saale) hat im Internet ein Video seines Anschlags und außerdem ein sogenanntes Manifest veröffentlicht. Der SZ liegen diese vor, wir veröffentlichen sie aber nicht. Terroristen versuchen, im Internet ihr Gedankengut zu verbreiten. Die SZ macht sich nicht zum Werkzeug dieser Strategie. Aus diesem Grund zeigen wir ebenfalls keine Bilder expliziter Gewalt und achten darauf, in der Berichterstattung über Details zur Tat die Würde der Opfer zu wahren.

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