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Anschlag in Halle:Der Bruch eines staatlichen Versprechens

Ausgerechnet an Jom Kippur bewacht die Polizei die Synagoge in Halle nicht. Es wäre eine Schande für dieses Land, wenn jüdisches Leben nur noch in der Nische stattfinden könnte.

Ausgerechnet an Jom Kippur. Ausgerechnet am höchsten Fest der Juden machte sich der Täter von Halle auf, um möglichst viele Juden zu töten. An Jom Kippur und den Tagen davor gehen auch sonst eher säkulare Juden in sich und bitten um Verzeihung, wen sie verletzt haben könnten, der Alltag hat Pause, Telefone und Internet sind abgeschaltet, man ist an diesem Tag in der Synagoge und im Familienkreis. An keinem anderen Tag im Jahr sind jüdische Einrichtungen, ist das jüdische Leben so verletzlich; die arabischen Armeen wussten das 1973, als sie an Jom Kippur Israel angriffen. Ob der Täter von Halle das wusste, ist noch unklar. Für die jüdischen Menschen in Deutschland aber bleibt das Signal: Gerade dann, wenn wir das Versöhnungsfest feiern, sind wir nicht sicher.

Im Anschlag am Versöhnungstag kommen alle Ängste und Sorgen zusammen, welche die 100 000 Mitglieder der jüdischen Gemeinden, aber auch die 100 000 weiteren Juden in Deutschland umtreiben. Die Tat von Halle ist einzigartig in ihrer Brutalität, aber sie ist ja längst nicht die einzige Attacke gegen Juden und jüdische Einrichtungen im Land. Erst am vergangenen Freitag war in Berlin ein arabisch sprechender Mann mit gezücktem Messer auf den Wachdienst der Neuen Synagoge zugelaufen; die vielen Beleidigungen und auch tätlichen Angriffe gegen Juden, die als Juden sichtbar sind, werden öffentlich kaum noch wahrgenommen. Man muss einmal mit einem Gemeindevorstand reden, welcher Hass und wie viel Drohung ihm pro Woche per Post oder via Internet vor die Füße gekippt wird - es wird einem schlecht.

Die Bundesrepublik hat den Juden ein Versprechen gemacht

Die Juden in Deutschland werden von rechten Antisemiten attackiert und von Islamisten, beide Szenen beziehen ihre Ideologie und ihr mörderisches Know-how aus einem weltweiten Netz der Gesinnungsgenossen. Und sie sehen sich einer Mehrheit im Land gegenüber, in welcher der Anteil derer wächst, die finden, jetzt müsse es mal gut sein mit dem deutschen Schuldkult und dem angeblich allgegenwärtigen jüdischen Einfluss auf der Welt. Als in den Neunzigerjahren viele Juden aus der früheren Sowjetunion nach Deutschland kamen, war die Hoffnung groß, dass jüdisches Leben wieder Teil der Alltagskultur und des öffentlichen Lebens in Deutschland werden würde. Inzwischen zeigen viele Juden ihre Identität und Religionszugehörigkeit nicht mehr offen, jüdisches Leben zieht sich zurück in die Nischen und sicheren Orte.

Auch deshalb war es mehr als eine Panne, dass zur Gottesdienstzeit an Jom Kippur keine Polizei in Halle vor der Synagoge Wache hielt. Es war der Bruch des staatlichen Versprechens an die jüdischen Gemeinden: Wir schützen euch. Wir tun alles, dass jüdisches Leben in aller Öffentlichkeit stattfinden kann, dass sich niemand fürchten muss, der am Versöhnungstag zum Beten in die Synagoge geht. Es ist das Versprechen der Bundesrepublik an die Juden, die nach der Shoah in Deutschland blieben oder dorthin zurückkamen. Das muss man bedenken, wenn es um die Frage geht, welchen Schutz jüdische Einrichtungen in Deutschland brauchen.

Dass es Menschen gibt, die Juden töten wollen, wird auch der beste Polizeischutz nicht verhindern können, ebenso wenig den Antisemitismus im Netz und auf der Straße. Eine Gesellschaft kann aber zeigen: Wir tun alles dafür, dass Juden in Deutschland nicht in Angst leben müssen. Durch harten Widerspruch, wenn einer judenfeindlich daherredet. Dadurch, dass eine Schulklasse eine Synagoge besucht und sich mit jüdischen Jugendlichen trifft, die von ihrem Alltag erzählen. Jüdisches Leben, das nur noch in der Nische stattfinden könnte, wäre eine Schande für das Land.

In eigener Sache

Der Täter von Halle (Saale) hat im Internet ein Video seines Anschlags und außerdem ein sogenanntes Manifest veröffentlicht. Der SZ liegen diese vor, wir veröffentlichen sie aber nicht. Terroristen versuchen, im Internet ihr Gedankengut zu verbreiten. Die SZ macht sich nicht zum Werkzeug dieser Strategie. Aus diesem Grund zeigen wir ebenfalls keine Bilder expliziter Gewalt und achten darauf, in der Berichterstattung über Details zur Tat die Würde der Opfer zu wahren.

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