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Anschlag in Halle:Auf einer Baustelle endet die Fahrt des Terroristen

  • Stephan B. hat am 9. Oktober gegen Mittag vergeblich versucht, bewaffnet in eine Synagoge im Paulusviertel in Halle einzudringen.
  • Auf der Straße erschoss er eine Passantin, die ihn ansprach.
  • Danach fuhr der Täter zu einem Kebab-Imbiss, in dem er einen Mann erschoss.

Halle am 9. Oktober, gegen Mittag: Stephan B. startet sein Auto auf einem Parkplatz in der Straße "Im Winkel" am Nordfriedhof in Halle. Auf seinem Kopf trägt er einen Helm, an dem er eine Kamera befestigt hat. Er will seine Tat filmen und über das Live-Streaming-Videoportal Twitch ins Internet übertragen. Wie das Unternehmen später auf Twitter mitteilt, schauen fünf Nutzer live zu. Danach sahen es demnach etwa 2200 Menschen.

Stephan B. fährt quer über die mehrspurige Paracelsusstraße in das Paulusviertel und hält vor der Synagoge in der Humboldtstraße 52. Er versucht in die Synagoge einzudringen: Er wirft einen Gegenstand über die Mauer, der dort explodiert, einen weiteren deponiert er an der Tür, um sie aufzusprengen - allerdings vergeblich.

Der Täter ist etwas mehr als zwei Minuten vor der Synagoge, als ihn eine Passantin, eine 40 Jahre alte Frau aus Halle, anspricht. Er erschießt sie.

Danach versucht er weiter in die Synagoge zu gelangen. Er geht in den Hinterhof, kehrt zurück zur Straße und schießt auf eine Seitentür. Autos fahren vorbei. Stephan B. zielt auch auf einen Mann, der aus seinem Wagen gestiegen ist, um augenscheinlich nach der getöteten Passantin zu schauen. Der Mann kann aber rechtzeitig einsteigen und wegfahren. Von der Polizei ist noch nichts zu hören oder zu sehen.

In der Synagoge halten sich zum Tatzeitpunkt, wie die Polizei später zählte, mehr als 50 Menschen auf. Es ist Jom Kippur, der höchste jüdische Feiertag. Max Privorozki, Vorsitzender der Jüdischen Gemeinde in Halle, ist ebenfalls in dem jüdischen Gebetshaus. Er beschreibt später in einem Video des Jüdischen Forums für Demokratie und gegen Antisemitismus, dass er zuerst Schüsse hörte und dann den Täter über eine Überwachungskamera beobachten konnte. Er berichtet, dass die Menschen in der Synagoge Möbel vor die Eingangstüren schoben, um sich zu verbarrikadieren, falls der Täter durch die Türen an der Mauer eindringen sollte. Privorozki übt später Kritik an der Polizei: Es habe mindestens zehn Minuten gedauert, bis sie bei der Synagoge war.

Insgesamt etwa sechs Minuten hält sich Stephan B. an der Synagoge auf. Dann steigt er wieder in seinen Wagen, fährt los. Er bemerkt, dass er seinen eigenen Reifen platt geschossen hat, hält deswegen kurz an und fährt dann weiter die Humboldtstraße entlang, biegt in die Schillerstraße ab und fährt bis zur Ludwig-Wucherer-Straße. An der Ecke stellt er seinen Wagen ab.

Nach einem Schusswechsel mit der Polizei flieht der Täter

Zehn Minuten nach Beginn des Anschlags: Er überquert die Straße und Trambahnschienen und geht auf den dortigen Kebab-Imbiss zu. In dem Laden erschießt er sein zweites Opfer, einen Mann, der augenscheinlich als Gast in dem Imbiss ist. Bei dem getöteten Mann handelt es sich nach Angaben des Fußballvereins Hallescher FC um ein Vereinsmitglied, einen 20 Jahre alten Mann aus Merseburg. Stephan B. geht nach der Tat wieder zu seinem Wagen, schießt auf einen zufällig vorbeikommenden Passanten, der flüchtet.

Etwa vier Minuten nach seiner Ankunft steigt Stephan B. wieder in seinen Wagen, biegt erst nach rechts ab, wendet dann aber seinen Wagen auf der Ludwig-Wucherer-Straße und hält erneut vor dem Imbiss. Dort schießt er auf einen weiteren Passanten. Danach geht er wieder zu seinem Wagen, steigt ein und fährt los in Richtung Südosten.

Er hält aber sofort wieder an: Polizeiwagen blockieren die Straße. Er steigt aus und feuert mehrere Schüsse ab. Ein von Augenzeugen aufgenommenes Video zeigt, wie er hinter seinem Wagen steht. Es kommt zu einem Schusswechsel, bei dem Stephan B., wie man später weiß, verletzt wird. Von seiner Verletzung bekommt man in seinem Video zunächst nichts mit. B. flüchtet sich ins Auto und verlässt, wie sich später zeigt, das Stadtgebiet von Halle. Die Kamera ist nun auf einer Position, aus der man die Umgebung nicht mehr richtig sehen kann.

Es vergehen einige Minuten, dann sagt er, er sei am Hals getroffen worden und blute. Er müsse nun das Smartphone loswerden. Kurz darauf, etwas mehr als 20 Minuten nachdem er an der Synagoge gehalten hat, wird es schwarz.

Der weitere Verlauf ergibt sich aus weiteren Informationen. Stephan B. fährt nach Wiedersdorf (Queis), einem Ortsteil der Stadt Landsberg. Er hält dort vor einer Werkstatt und verlangt ein anderes Auto. Dabei kommt es offenbar zum Streit, er verletzt die Geschäftsbetreiber, eine 40 Jahre alte Frau und einen 41-jährigen Mann. Beide müssen danach mit Schussverletzungen im Krankenhaus behandelt werden. Dann stiehlt er ein Taxi. Bei einem Unfall auf der B 91 südlich von Halle bei einer Baustelle wird er Sicherheitskreisen zufolge später von der Polizei überwältigt.

In eigener Sache

Der Täter von Halle (Saale) hat im Internet ein Video seines Anschlags und außerdem ein sogenanntes Manifest veröffentlicht. Der SZ liegen diese vor, wir veröffentlichen sie aber nicht. Terroristen versuchen, im Internet ihr Gedankengut zu verbreiten. Die SZ macht sich nicht zum Werkzeug dieser Strategie. Aus diesem Grund zeigen wir ebenfalls keine Bilder expliziter Gewalt und achten darauf, in der Berichterstattung über Details zur Tat die Würde der Opfer zu wahren.

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