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Anschlag in Halle:"Wir sind ein gefährdetes Land geworden"

Befreiungsfeier

Charlotte Knobloch fühlte sich nach dem Anschlag von Halle ins Jahr 1973 zurückversetzt. Damals begann der Jom-Kippur-Krieg am höchsten jüdischen Feiertag.

(Foto: Niels P. Joergensen)

Zwar sei Antisemitismus nie weggewesen, sagt Charlotte Knobloch, Präsidentin der Israelitischen Kultusgemeinde München und Oberbayern, aber die AfD habe die Grundlage für Verbrechen wie in Halle gelegt.

Charlotte Knobloch war von 2006 bis 2010 Vorsitzende des Zentralrats der Juden in Deutschland und ist heute Präsidentin der Israelitischen Kultusgemeinde München und Oberbayern. Nach dem Angriff auf die Synagoge in Halle ist die 86-Jährige erschüttert und fühlt sich an das Jahr 1973 zurückerinnert, als sie am höchsten jüdischen Feiertag beim Beten vom Beginn des Jom-Kippur-Kriegs erfuhr.

Im Interview beschreibt sie die Stimmung in der jüdischen Gemeinde nach dem Anschlag und sagt: "Wir sind ein gefährdetes Land geworden." Die AfD macht sie dafür mitverantwortlich.

SZ: Frau Knobloch, wie haben Sie von dem Anschlag in Halle erfahren?

Charlotte Knobloch: Das Sicherheitspersonal an der Synagoge in München hat die Information bekommen und das gleich an mich weitergegeben. Es stand dann im Vordergrund, für die Sicherheit der Menschen zu sorgen.

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Welche Gefühle hatten Sie persönlich?

Ich habe mich ins Jahr 1973 zurückversetzt gefühlt. Damals stand ich ebenfalls an Jom Kippur beim Gebet und wurde informiert, dass die Ägypter über den Suez-Kanal gekommen sind und der Jom-Kippur-Krieg begonnen hat. Auch da wussten wir anfangs nicht, wie sich die Lage entwickelt. Genauso war es gestern. Wir wussten nur, dass es einen Überfall an der Synagoge gab.

Wie war die Stimmung in der jüdischen Gemeinde?

Die Stimmung war natürlich dementsprechend. Jom Kippur ist ein Tag, an dem man sehr in sich gehen soll, besonders was die Zukunft der jüdischen Menschen angeht. Aber die Freude für manches eigentlich auch sehr positive Gebet war in den Gesichtern der Menschen nicht mehr vorhanden. Später kam dann der Münchner Oberbürgermeister Dieter Reiter in die Synagoge, um den Menschen Mut zu machen. Er hat eine sehr herzliche und warme kurze Ansprache gehalten. Die Leute waren wirklich bewegt. Er hat sich tieftraurig gezeigt und gesagt, dass die Stadt München immer alles tun werde, damit das jüdische Leben hier eine Zukunft habe und die Menschen hier sicher seien.

Josef Schuster, der Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland, hält den mangelnden polizeilichen Schutz der Synagoge in Halle für "skandalös". Stimmen Sie ihm zu?

Ich sage nicht "skandalös", aber es ist vollkommen unverständlich, dass eine jüdische Einrichtung gerade an Feiertagen wie Jom Kippur nicht geschützt wird, sodass solche Rechtsradikalen die Möglichkeit haben, Menschen zu ermorden und jüdische Menschen in aller Welt in Angst und Schrecken zu versetzen.

Wie schätzen Sie die zunehmenden Gewalttaten, Farbanschläge oder Hassbriefe gegen jüdische Bürger und Einrichtungen ein?

Ich rufe die Verantwortlichen in Politik und Behörden auf, diese Dinge nicht mit Sonntagsreden abzutun, sondern zu handeln. Es geht nicht, dass in einer Demokratie solche Dinge passieren, ohne dass die Täter belangt werden. Ich bekomme laufend Drohbriefe und wenn ich das zur Anzeige bringe, kommt ein Schreiben zurück, dass die Ermittlungen eingestellt werden. Ich habe beschlossen, diese ganzen wirklich scheußlichen Nachrichten nicht mehr anzuzeigen. Es hat gar keinen Sinn. Ich kann auch nicht verstehen, dass es hier Rechtsextreme und andere Menschen gibt, die Waffen benutzen können, ohne dafür eine Erlaubnis zu haben. Wir sind ein gefährdetes Land geworden. Es geht nicht so weiter, dass wir vor unseren Festtagen Angst haben müssen. Es ist nicht fünf vor zwölf, sondern schon fünf nach zwölf.

Sie haben die Zukunft des jüdischen Lebens angesprochen. Ist Deutschland für jüdische Bürger denn noch ein sicherer Ort?

Es war und ist ein sicherer Ort, aber es ist nicht überall sicher. Im Großen und Ganzen aber schon. Ich kann nur von Bayern und München ausgehen, da habe ich vollstes Vertrauen und bin Optimistin. Wir können wirklich dankbar sein, dass wir nicht die Probleme haben, wie andere Bundesländer.

Sie haben in einer Pressemitteilung die Rolle der AfD kritisch angesprochen. Sprechen Sie der Partei eine direkte Verantwortung zu?

Und ob! Die Grundlage hat die AfD geschaffen. Verbrecher wie in Halle fühlen sich von deren immer wieder zu hörenden Reden aufgefordert. Antisemitismus war nie weg, aber die AfD hat diesen Hass auf Juden neu befeuert und sie hat auch den Hass auf Fremde neu befeuert.

Wie kann man als Gesellschaft damit umgehen?

Indem man diese Partei nicht mehr wählt. Die Zukunft unseres Landes kann nicht die AfD sein. Mir fehlt auch der parteiübergreifende Aufschrei. Und falls Vertreter der AfD mit solchen Aussagen das Gesetz der Meinungsfreiheit genießen, sollte man das genau beobachten. Hass kann nicht von Meinungsfreiheit gedeckt sein.

Sie meinen, die Meinungsfreiheit in Bezug auf antisemitische Aussagen zu beschränken?

Ja. Es kann nicht sein, dass der geschürte Hass wegen der Meinungsfreiheit nicht weiter juristisch verfolgt wird. Ich bin zwar Optimistin, aber was soll ich denn dann den Mitgliedern der jüdischen Gemeinde erzählen?

In eigener Sache

Der Täter von Halle (Saale) hat im Internet ein Video seines Anschlags und außerdem ein sogenanntes Manifest veröffentlicht. Der SZ liegen diese vor, wir veröffentlichen sie aber nicht. Terroristen versuchen, im Internet ihr Gedankengut zu verbreiten. Die SZ macht sich nicht zum Werkzeug dieser Strategie. Aus diesem Grund zeigen wir ebenfalls keine Bilder expliziter Gewalt und achten darauf, in der Berichterstattung über Details zur Tat die Würde der Opfer zu wahren.

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