Haiti:"Ausländische Söldner" sollen die Präsidentenmörder sein

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Haiti: Tatort Präsidentenpalast: In Haitis Hauptstadt Port-au-Prince untersuchen Ermittler den mörderischen Überfall auf Staatschef Jovenel Moïse.

Tatort Präsidentenpalast: In Haitis Hauptstadt Port-au-Prince untersuchen Ermittler den mörderischen Überfall auf Staatschef Jovenel Moïse.

(Foto: VALERIE BAERISWYL/AFP)

Die Polizei in Haiti tötet vier Verdächtige und nimmt sechs weitere fest: Das Attentat auf Staatschef Moïse verschärft die angespannte Lage in dem bitterarmen Karibikstaat.

Von Christoph Gurk, Buenos Aires

Nach der Ermordung des haitianischen Präsidenten Anfang dieser Woche hat die lokale Polizei laut eigenen Angaben vier der Attentäter getötet und sechs Verdächtige festgenommen. Es war die Rede von "ausländischen Söldnern", die Englisch und Spanisch gesprochen hätten. Die Fahndung nach weiteren Tätern läuft, dazu sind aber auch die Hintergründe der Tat noch vollkommen ungeklärt.

Sicher ist nur eines: Der tödliche Anschlag auf Staatschef Jovenel Moïse hat die angespannte Lage in Haiti noch einmal verschärft, dabei hat der bitterarme Karibikstaat ohnehin schon eine lange und traurige Erfahrung mit politischen Unruhen, Umstürzen und Umbrüchen. Seit der Staatsgründung vor rund 200 Jahren gab es Revolutionen, Staatsstreiche, brutale Diktatoren und den Einmarsch fremder Truppen. Hinzu kamen noch Naturkatastrophen und Seuchen.

Und dennoch ist das Chaos, das seit ein paar Monaten im Land herrscht, selbst für Haiti außergewöhnlich: Bewaffnete Gangs terrorisieren die Bevölkerung und entführen selbst Schulkinder und Priester. Alleine vergangene Woche wurden bei einem Anschlag mehr als ein Dutzend Menschen gezielt ermordet, darunter ein Journalist und ein Menschenrechtsaktivist. Zehntausende Haitianer sind in den vergangenen Wochen laut Hilfsorganisationen schon vor der Gewalt aus der Hauptstadt Port-au-Prince geflohen.

Nach Ansicht seiner Kritiker klammerte sich der Präsident illegitim an die Macht

Ohnehin hat sich Haiti nie von dem schweren Erdbeben erholt, das vor elf Jahren große Teile des Landes in Schutt und Asche legte. Trotz millionenschwerer Entwicklungshilfe aus dem Ausland haben Armut und Hunger nur noch weiter zugenommen. Gleichzeitig steht die politische Elite im Verdacht, sich systematisch und weitgehend schamlos selbst zu bereichern.

Auch gegen den Anfang dieser Woche ermordeten Präsidenten und sein Umfeld gab es in der Vergangenheit immer wieder Korruptionsvorwürfe. Hinzu kamen auch teils gewalttätige Massenproteste, die seinen Rücktritt forderten, die letzten erst Anfang dieses Jahres. In den Augen seiner Kritiker hatte Jovenel Moïse das Ende seines Mandats längst erreicht und klammerte sich nun entgegen der Verfassung illegitim an die Macht.

Tatsächlich war der ehemalige Bananenhändler schon 2015 zum Präsidenten seines Landes gewählt worden. Bei der Abstimmung gab es allerdings so viele Unstimmigkeiten, dass sie ein Jahr später wiederholt werden musste. Anfang 2017 trat Moïse dann schlussendlich sein Amt an, die eigentlich für 2019 angesetzten Parlamentswahlen verschob er aber, Anfang 2020 wurde die Versammlung dann vollständig aufgelöst, von da an regierte Moïse per Dekret. Die Opposition warf ihm vor, seine Macht so noch weiter auszubauen, dazu sei seine fünfjährige Amtszeit bereits im Februar abgelaufen.

Moïse wies alle Vorwürfe von sich, sprach von einem Putsch und dass man sogar ein Attentat auf ihn geplant habe, welches aber von seinem Sicherheitsdienst vereitelt werden konnte. Beweise legte der Präsident nicht vor, dennoch kam es zu Festnahmen.

Beobachter und Menschenrechtsaktivisten sagen, Moïse selbst sei in Verbindung gestanden zu den bewaffneten Gangs, die in den vergangenen Wochen immer brutaler und strafloser vorgingen. Die Hilfsorganisationen Brot für die Welt, Medico International und Misereor sprachen in einer gemeinsamen Stellungnahme vergangene Woche von einer "kalkulierten Strategie" des Präsidenten, dessen Amtszeit abgelaufen sei und der sich darum inmitten von allgemeinem Chaos ganz gezielt als einzig politische Lösung präsentieren wolle, um die Gewalt einzudämmen.

Nun ist Jovenel Moïse selbst umgebracht worden. In der Nacht zum Mittwoch überfielen mehrere schwer bewaffnete Angreifer die private Residenz des Staatschefs. Auch seine Frau wurde dabei schwer verletzt.

Laut den Berichten von lokalen und internationalen Medien kam es in einigen wenigen Vierteln der Hauptstadt Port-au-Prince am Tag nach dem Mordanschlag zu Plünderungen, ansonsten aber seien die Straßen weitestgehend leer gewesen. Der ehemalige Premierminister Haitis, Claude Joseph, hat sich derweil selbst zum Übergangspräsidenten erklärt und für 15 Tage den Belagerungszustand im Land verhängt. Haitis Nachbarland, die Dominikanische Republik, hat die Grenzen wegen der angespannten Lage geschlossen.

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