Erdbeben in Haiti:Mindestens 724 Tote nach Erdbeben in Haiti

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Erdbeben auf Haiti

Trauer und Erschütterung nach dem Beben: Eine Mutter weint um ihr Kind, das nur tot aus den Trümmern der schwer getroffenen Stadt Les Cayes geborgen werden konnte.

(Foto: Joseph Odelyn/dpa)

Ein schweres Erdbeben erschüttert Haiti - dabei kämpft der bitterarme Karibikstaat noch immer mit den Folgen des verheerenden Bebens von 2010, mit politischem Chaos und Kriminalität.

Von Christoph Gurk

In Haiti steigt die Zahl der Toten nach dem starken Erdbeben vom Samstag weiter an. Mindestens 724 Leichen wurden laut offiziellen Angaben schon geborgen, viele weitere Menschen werden aber noch vermisst, und bisher ist die Lage kaum überschaubar. Straßen wurden zerstört oder durch Erdrutsche unpassierbar. Helfer haben Probleme, in die besonders stark betroffene Region im Südwesten der Insel vorzudringen. Ganze Ortschaften seien dort dem Erdboden gleichgemacht worden, sagte Jerry Chandler, der Direktor der Zivilschutzbehörde von Haiti. Krankenhäuser seien kaum noch in der Lage, die vielen Verletzten aufzunehmen: "Die Not ist riesig."

Das Beben der Stärke 7.2 hatte sich am Samstagmorgen gegen 8.30 Uhr Ortszeit ereignet. Das Epizentrum lag dabei in der Nähe von Saint-Louis du Sud, etwa 130 Kilometer südwestlich der dicht besiedelten Hauptstadt Port-au-Prince. Videos bei Social Media zeigen Menschen, die in Panik aus ihren Häusern rennen. Bei vielen Haitianern wurden durch die Erschütterungen sofort Erinnerungen an das verheerende Erdbeben von 2010 wach. Damals waren mindestens 200 000 Menschen gestorben, Hunderttausende wurden verletzt, Millionen verloren ihre Häuser und Wohnungen.

Bis heute hat sich der bitterarme Karibikstaat nicht von der Katastrophe erholt. Dem Beben von 2010 folgte eine Cholera-Epidemie, eingeschleppt vermutlich durch UN-Soldaten, die für den Wiederaufbau auf die Insel entsandt worden waren. In den folgenden Jahren trafen dazu immer wieder Wirbelstürme die Insel. Vor allem der Hurrikan Matthew richtete 2016 schwere Verwüstungen an, auch in jener Region des Landes, die nun abermals von dem Erdbeben am Samstag schwer getroffen wurde.

Der Präsidentenmord ist noch immer ungeklärt

Zu den verschiedenen Naturkatastrophen kamen in den vergangenen Monaten und Jahren auch noch politisches Chaos, Korruption und Kriminalität. Anfang Juli wurde Präsident Jovenel Moïse bei einem Attentat ermordet. Ein Trupp schwer bewaffneter kolumbianischer Söldner war früh morgens in die Privatresidenz des Politikers eingedrungen und hatte das Feuer eröffnet. Der Präsident starb, seine Frau wurde schwer verletzt. Die vermutlichen Attentäter wurden rasch festgenommen, die Hintergründe der Tat und deren Auftraggeber sind aber weiterhin unklar. Über die Nachfolge von Moïse ist ein Machtkampf entbrannt, es gibt kein funktionsfähiges Parlament und einen umstrittenen Übergangspräsidenten, Ariel Henry.

Henry überflog am Samstag das Katastrophengebiet und rief einen einmonatigen Notstand aus. Die Haitianer müssten zusammenstehen, schrieb er auf Twitter und zitierte einen Wahlspruch Haitis: "L'union fait la force" - Kraft durch Einigkeit.

Organisationen wie das Rote Kreuz versuchen nun, den Menschen schnelle Hilfe zu leisten. Teilweise seien noch Verschüttete in den Trümmern eingeschlossen und müssten geborgen werden, berichten Kräfte aus der Erdbebenregion. Es brauche sauberes Trinkwasser, Nahrungsmittel und Medizin. Helfer befürchten, dass ihre Arbeit erschwert werden könnte durch kriminelle Gangs. Diese kontrollieren Teile der Hauptstadt und hatten zuletzt auch Straßen blockiert. Es sei unmöglich, bestimmte Gebiete zu passieren, erklärte ein Sprecher von Unicef in Port-au-Prince.

Patienten werden unter freiem Himmel behandelt

Aus der Stadt Les Cayes, die nur unweit des Epizentrums des Bebens liegt, kommen Berichte über Dutzende eingestürzte Gebäude, zerstörte Hotels und Kirchen. Über einen Radiosender bat das Krankenhaus in der schwer getroffenen Stadt Mediziner und Krankenpfleger um dringende Hilfe. Patienten müssten auf Bahren unter freiem Himmel behandelt werden. Das haitianische Gesundheitsministerium dagegen rief die Bevölkerung dazu auf, Blut zu spenden.

Auch aus dem Ausland gibt es Anteilnahme und Unterstützungsbekundungen. Papst Franziskus sprach den Menschen in Haiti sein Mitgefühl aus, die Organisation Amerikanischer Staaten (OAS) bot Hilfe an und die Panamerikanische Gesundheitsorganisation (PAHO) schickte ein Expertenteam.

Die US-Regierung erklärte, die Vereinigten Staaten würden dabei helfen, den Schaden zu bemessen und das Land wieder aufzubauen. Präsident Biden erklärte in einer Mitteilung, die Vereinigten Staaten seien dem haitianischen Volk in enger und beständiger Freundschaft verbunden: "Wir sprechen all jenen unser tiefstes Beileid aus, die einen geliebten Menschen verloren haben oder deren Häuser und Geschäfte zerstört wurden."

Inmitten der nun anlaufenden Hilfe gibt es die Angst, dass sich die Bergungsarbeiten in den kommenden Tagen durch weitere Naturkatastrophen erschweren könnten: Es gibt noch immer heftige Nachbeben, und der Tropensturm Grace könnte das Land am Montag oder frühen Dienstagmorgen treffen, mit starken Windböen und heftigen Regenfällen.

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