Haiti Aristide bezichtigt USA eines Staatsstreichs

US-Soldaten hätten ihn gekidnappt und dann gegen seinen Willen außer Landes geflogen, sagte der frühere haitianische Präsident in einem Interview. Die US-Regierung wies die Vorwürfe als Unsinn zurück.

"Ich nenne das einen Staatsstreich, weil es eine moderne Entführung war", sagte Aristide zu den Umständen seiner Flucht in einem von der Zentralafrikanischen Republik aus geführten Interview mit CNN. Er sei auf Druck der USA geflohen.

Aristide wiederholte aber nicht verschiedentlich erhobene Vorwürfe, wonach er mit Waffengewalt zum Rücktritt gezwungen worden sei. Ein US-Diplomat, der Aristide nach eigenen Angaben zum Flughafen von Port-au-Prince begleitete, betonte, alles habe sich "höflich" und ohne Gewalt abgespielt. Augenzeugen hatten berichtet, Aristide sei in Port-au-Prince in Handschellen zum Flugzeug geführt worden, das ihn außer Landes brachte.

Der frühere Salesianerpater erklärte in dem Interview, auch sein Rücktrittsgesuch habe er nicht aus freiem Willen unterschrieben. Zudem sei das Dokument gefälscht worden. So sei ein Satz verschwunden, in dem er darauf hinwies, dass er nur unter Drohungen zurückgetreten sei. Seine Verhandlungspartner hätten ihm erklärt, dass es sonst in Haiti ein Blutbad geben könne. "Diese Art von Gewalt haben sie benutzt, um den Staatsstreich auszuführen", sagte der Ex-Präsident. "Haitianische Truppen" hätten ihn weggebracht.

Powell bezeichnet Vorwürfe als "absurd"

Amerikaner und Haitianer hätten gemeinsam gehandelt, um den Flughafen, sein Haus und seinen Palast zu "umzingeln". Während der 20 Stunden, die er im Flugzeug in die Zentralafrikanische Republik verbracht habe, sei ihm nicht das Ziel genannt worden, sagte Aristide. "Sie können sich diese unerträgliche Situation nicht vorstellen." Zuvor hatte Aristide bereits mehreren Vertretern von Menschenrechtgruppen aus den USA gesagt, er sei von US-Truppen aus Port-au-Prince "entführt" worden. Ähnlich äußerte sich ein Zeuge, der sich als Aristides Hausmeister ausgab.

Die US-Regierung dementierte diese Berichte umgehend. Außenminister Colin Powell sprach von "absurden" Vorwürfen. Er selbst habe persönlich die Vorgänge in Port-au-Prince verfolgt. Aristide habe die US-Regierung um Hilfe bei einer sicheren Ausreise gebeten. Dabei seien auch Fragen seines Besitzes geklärt worden.

Der US-Diplomat Luis Moreno von der Botschaft in Port-au-Prince sagte, er sei gegen 04.30 Uhr Ortszeit mit einem anderen Botschaftsmitarbeiter und sechs US-Sicherheitskräften zu Aristides Haus gefahren. Zuvor habe ihm US-Botschafter James Foley gesagt, dass Aristide sein Rücktrittsschreiben präsentieren wolle. Als Moreno den Präsidenten nach dem Schreiben gefragt habe, habe dieser ihm zugesagt, es später zu überreichen. Moreno habe eingewilligt und ihn gedrängt, zum Flughafen zu fahren, weil sich die Lage verschlechtere.

Sodann sei die Gruppe in mehreren Fahrzeugen zum Flughafen gefahren - durch Straßen mit brennenden Barrikaden und gewaltbereiten Bewaffneten. Angekommen, habe Aristide auf erneutes Nachfragen sein Rücktrittsschreiben schließlich ausgehändigt. Auf Morenos Bedauern über die Umstände der Flucht habe Aristide geantwortet: "Tja, so ist das Leben." Nach Morenos Angaben traf die Maschine für Aristide um 05.45 Uhr ein und flog etwa 30 bis 45 Minuten mit dem Präsidenten an Bord wieder ab.