Baden-WürttembergGute Erfahrung mit Landeiern

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Manuel Hagel verspricht bei nahezu jeder Gelegenheit eine „Agenda der Zuversicht“.
Manuel Hagel verspricht bei nahezu jeder Gelegenheit eine „Agenda der Zuversicht“. (Foto: Achim Zweygarth/Imago)

CDU-Landeschef Manuel Hagel hat beste Aussichten, Baden-Württembergs nächster Ministerpräsident zu werden. Er setzt offensiv auf seine Herkunft vom Land. Aber was hat er politisch vor?

Von Max Ferstl, Stuttgart

Das „Landei“ hat nicht den besten Ruf, aber zumindest in Baden-Württemberg neigen Landeier zu großen politischen Karrieren. Für Manuel Hagel, den jungen CDU-Landesvorsitzenden, gibt es da einen klaren Zusammenhang: Erwin Teufel, der am längsten regierende Ministerpräsident des Landes? Stammt aus der kleinen Gemeinde Zimmern. Lothar Späth? Wuchs in Ilsfeld bei Heilbronn auf. Und Winfried Kretschmann? Lebt in Sigmaringen auf der Schwäbischen Alb.

„Baden-Württemberg hat mit uns Landeiern ziemlich gute Erfahrungen gemacht“, sagt Hagel am Donnerstagabend auf der Bühne im „Look 21“, einem Stuttgarter Veranstaltungssaal. Er selbst ist zwar noch nicht Ministerpräsident, will es aber bei der nächsten Landtagswahl 2026 gerne werden. An der Herkunft wird es seiner Theorie folgend schon mal nicht scheitern: Hagel kommt aus Ehingen und redet wie der Vorsitzende eines oberschwäbischen Dialektvereins. Zweifelsfrei: ein Landei.

Wenn die Umfragen nicht komplett danebenliegen, hat Hagel derzeit beste Aussichten, die Herrschaft der Grünen in Baden-Württemberg zu beenden. Bei rund 30 Prozent liegt die CDU, die Grünen zehn Prozentpunkte dahinter. Noch sind es eineinhalb Jahre bis zur Wahl, da kann viel passieren. Trotzdem wird Hagel als Favorit ins Rennen gehen. Die Rolle kann einen beflügeln, aber auch erdrücken.

Das mögliche Duell Özdemir gegen Hagel: Weltgewandtheit versus lokale Verwurzelung

Hagel weiß, dass er noch an Bekanntheit zulegen muss, vor allem dann, wenn der härteste Konkurrent bei der Landtagswahl Cem Özdemir heißt. Zwar hat der Bundeslandwirtschaftsminister seine Kandidatur für die Grünen bislang nicht offiziell verkündet, aber das politische Stuttgart stellt sich seit Monaten auf ein Duell Özdemir gegen Hagel ein: Erfahrung gegen Jugend, Weltgewandtheit gegen lokale Verwurzelung.

Deshalb tourt Hagel gerade fleißig durchs Land. Vergangene Woche war er auf Expedition in Thüringen und Sachsen, um schon mal Wahlkampfluft zu schnuppern. Diese Woche dann: Karlsruhe, Breisach, Esslingen. Und am Donnerstag: das „Look 21“ in Stuttgart, wo Hagel vor einer blauen Stellwand Platz nimmt, auf der in Versalien sein Spitzname steht. „Mensch Manu“ heißt das Format, bei dem eine breite Bevölkerung den 36-Jährigen persönlich kennenlernen soll. Gut, an diesem Abend besteht die Bevölkerung im Saal in wesentlichen Teilen aus CDU-Landtagsabgeordneten, Stadträten und Jungunionisten. Aber die nehmen jedes private Detail umso begeisterter auf: dass Hagel lieber „Rote“ als Schweinenackensteaks grillt, dass er abends joggen geht. Und wichtig: Bereits als Kind habe er auf dem Bauernhof den Traktor gesteuert.

Dass Hagel auf dem Land die Herzen zuflögen, sei unstrittig, stellt die Moderatorin Isabelle Weichselgartner fest, die als Stuttgarter CDU-Stadträtin verständlicherweise nicht unbefangen ist. Aber: „Bist du cool genug für die Landeshauptstadt?“

Hagel hat den zerstrittenen CDU-Landesverband hinter sich vereint

Darauf hofft ja die politische Konkurrenz: dass Hagel zu bieder sei für das städtische Publikum, zu steif. Wie Hagel seinen Coolness-Faktor einschätzt, verrät er zwar nicht. Er schafft es aber in seiner Antwort, die „zwölf Landsmannschaften“ Baden-Württembergs, die „anderen Lebenswirklichkeiten“ sowie die schädliche „Identitätspolitik“ unterzubringen. Man darf ihn so verstehen: Auch ein Ehinger kann attraktive Politik für Stuttgarter machen.

Die Südwest-CDU hat Hagel im Sturm erobert, er war Generalsekretär, Fraktionsvorsitzender, seit einem Dreivierteljahr nun also Landeschef. Mehr geht nicht. Hagel hat die diplomatische Großtat vollbracht, den legendär zerstrittenen Landesverband hinter sich zu vereinen. Dennoch ist er in einer zentralen Frage den Beobachtern noch ein Rätsel: Was hat er eigentlich vor mit dem Land?

Eine „Agenda der Zuversicht“ verspricht Hagel bei nahezu jeder Gelegenheit. Wie diese konkret aussehen soll, verrät er allerdings nicht. Bislang vertraut er auf Schlagworte aus dem CDU-Standardrepertoire: dass der Verbrennermotor nicht aufgegeben werden dürfe, dass „Migration in die Sozialsysteme“ bekämpft werden müsse. Das reicht für den Moment. Ein Profil entsteht so allerdings nicht.

Ein Treffen mit Sebastian Kurz hat viele irritiert

Umso genauer schauen die Leute hin, was Hagel sagt, was er tut. Mit leichter Irritation wurde vor ein paar Wochen die Nachricht aufgenommen, dass sich Hagel in einer Stuttgarter Bar ausgerechnet mit Sebastian Kurz getroffen hatte, dem gefallenen österreichischen Ex-Kanzler. Nur ein Austausch, hieß es aus dem Hagel-Lager, aber die Geschichte samt Foto war nun mal in der Welt. Anerkennung fand hingegen der Mut, mit dem sich Hagel bei einem Auftritt mit Bayerns Ministerpräsident Markus Söder (CSU) in die Spitzenkandidaten-Frage der Union einbrachte: „Friedrich Merz ist der richtige Kandidat“, sagte Hagel – neben Söder.

In der Südwest-CDU wissen sie, dass ihre aktuelle Stärke wenig mit der eigenen Leistung zu tun hat. Das verheerende Erscheinungsbild der Bundesregierung strahlt ab nach Baden-Württemberg und reißt auch die Grünen nach unten. Hagel muss derzeit nicht viel mehr tun, als abzuwarten.

Trotzdem scheinen die CDU-Strategen der grünen Schwäche nicht ganz zu trauen. Jedenfalls nehmen die Lästereien über den mutmaßlichen Hauptkonkurrenten Özdemir zu: Bemängelt wird unter anderem sein schwäbischer Dialekt, den er „sehr taktisch“ einsetze, wenn er im Land unterwegs sei. Die Vorsicht ist durchaus angebracht. Cem Özdemir wurde schließlich in Bad Urach geboren. Er ist streng genommen: ein Landei.

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