Haftbefehl gegen Wikileaks-Gründer Eine Frau auf der Jagd nach Assange

Oberstaatsanwältin Marianne Ny hätte ein ruhiges Dasein führen können - wäre nicht der Fall des Julian Assange bei ihr gelandet. Die Juristin brachte die Fahndung ins Rollen. Die Klage des Wikileaks-Gründers gegen den Haftbefehl wurde abgewiesen.

Ein Porträt von Gunnar Herrmann

Spezialisten ist Oberstaatsanwältin Marianne Ny längst bekannt, die breite Öffentlichkeit dagegen hat den Namen der 57-Jährigen in den vergangenen Wochen wohl zum ersten Mal gehört. Ny gehört eben nicht zu jenen, die Mörder und Gangsterbosse hinter Gitter bringen und Schlagzeilen machen. Sie ist Expertin für häusliche Gewalt und beschäftigt sich seit vielen Jahren mit Tragödien, die sich hinter verschlossenen Wohnungstüren abspielen.

Wikileaks-Gründer Julian Assange wird von Interpol gesucht.

(Foto: dpa)

Da sind Sensationen rar. Vermutlich hätte die Göteborger Oberstaatsanwältin noch bis zur Rente ein ruhiges Dasein im Medienschatten führen können - wäre nicht der Fall Julian Assange auf ihrem Schreibtisch gelandet.

Dem Wikileaks-Gründer werden in Schweden sexuelle Belästigung, Nötigung und Vergewaltigung zur Last gelegt. Die Vorwürfe stützen sich auf die Aussagen von zwei Stockholmerinnen, mit denen Assange bei einem Besuch im August Kontakt gehabt haben soll. Offenbar kam es dabei einvernehmlich zum Geschlechtsverkehr, dann aber sollen die Dinge gegen den Willen der Frauen außer Kontrolle geraten sein.

Es sah zunächst so aus, als würde die Sache zu den Akten gelegt. Eine erste Staatsanwältin zog einen Haftbefehl nach wenigen Stunden wieder zurück. Der Vergewaltigungsverdacht habe sich nicht bestätigt, hieß es. Doch dann übernahm Ny. Sie kam zu einer anderen Bewertung. Seit dieser Woche ist Assange nun von Interpol als Sexualverbrecher zur Fahndung ausgeschrieben.

Das Hin und Her wirkt natürlich ein wenig seltsam. Und dass die Sache so richtig ins Rollen kam, während Assange die Welt mit der Veröffentlichung geheimer US-Dokumente ärgerte, ist für Verschwörungstheoretiker eine Steilvorlage. Der Wikileaks-Chef selbst deutete gar an, das Pentagon könnte hinter den Vorwürfen stecken. Im Internet werden die Spekulationen bis heute fleißig gesponnen. Ny wird dabei nicht selten ins Netz einer Konspiration hineingezogen.

Dabei erscheint die Sache weit weniger geheimnisvoll, wenn man ihre Personalie genauer betrachtet. Die Oberstaatsanwältin stammt aus der Nähe der südschwedischen Stadt Kristianstad. Der Lokalzeitung erzählte sie, dass sie ursprünglich Ingenieurin werden wollte, aber der Rektor ihres Gymnasiums empfahl ein Jurastudium. Sie machte Karriere als Anklägerin und spezialisierte sich auf Gewalt- und Sexualdelikte in Familien. Unter anderem gehört sie heute der Expertengruppe für Kinderrechte des Europarats an. 2007 wurde Ny an die Staatsanwaltschaft Göteborg geholt, um dort das Entwicklungszentrum der Anklagebehörden zu leiten.

Diese Zentren - es gibt drei davon in Schweden - sind auch Berufungsinstanzen, die Entscheidungen anderer Staatsanwälte überprüfen. Das geschah im Fall Assange. Außerdem sollen Entwicklungszentren die Methoden der Staatsanwaltschaft weiterentwickeln.

In Göteborg befasst man sich dabei auch mit Sexualverbrechen, Nötigung, Belästigung. Mit jenen Delikten also, die dem Wikileaks-Gründer zur Last gelegt werden. Das Interesse der Oberstaatsanwältin Ny an Assange ist somit eigentlich ganz selbstverständlich.