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Hackerangriff:Daten Hunderter Politiker gestohlen

Hacker veröffentlichen Angaben zu Kreditkarten und Ausweisen, sowie E-Mails und Fotos. Betroffen sind auch Bundespräsident und Kanzlerin. Nur die AfD blieb bislang verschont.

Von Jana Anzlinger, Constanze von Bullion, Simon Hurtz und Hakan Tanriverdi

Kein Jahr ist es her, da saßen die Sprecher der Bundesregierung vor der Hauptstadtpresse, ungewöhnlich einsilbig und mit betretenen Gesichtern. Der Grund war ein Angriff auf das Datennetz des Bundes. Über digitale Kanäle waren Informationen aus dem Außenministerium gestohlen worden. Wie man den Cyberangriff unter Kontrolle bringen sollte, wusste keiner zu sagen, wohl aber, dass nun für mehr Datensicherheit gesorgt werde. Elf Monate später, an diesem Freitag, dann ein Déjà-vu. Betretene Mienen und nur spärliche Auskunft bei der Bundespressekonferenz in Berlin: "Die Bundesregierung nimmt diesen Vorfall sehr ernst", sagte die stellvertretende Regierungssprecherin Martina Fietz.

Bei Hunderten Politikern und Personen des öffentlichen Lebens sind persönliche und teils hochsensible Daten erbeutet und dann ins Netz gestellt worden. Betroffen sind Kanzlerin und Bundespräsident, Abgeordnete aus dem Bundestag und aus Landtagen, aus dem Europaparlament und kommunalen Einrichtungen, aber auch Journalisten und Künstler. Informationen aus Mobiltelefonen von Bundesministern sollen ebenfalls abgeschöpft worden sein. Welche Daten genau abhandengekommen sind und durch wen, darüber rätselten Experten des Bundesamts für Sicherheit in der Informationstechnik (BSI) am Freitag noch. Bisher gebe es keine Hinweise darauf, dass Systeme des Bundestages oder der Bundesregierung kompromittiert worden seien, erklärte Innenminister Horst Seehofer (CSU). "Es wird mit Hochdruck daran gearbeitet, den Urheber der Veröffentlichung ausfindig zu machen und den Zugriff auf die Daten schnellstmöglich zu unterbinden."

Die ersten Pakete mit gestohlenen Daten wurden bereits 2017 online gestellt

Von der Öffentlichkeit unbemerkt sind nach ersten Erkenntnissen bereits 2017 kleinere Informationspakete ins Netz gestellt worden, größere dann im Dezember 2018. Unbekannte Datenjäger posteten auf einem Twitter-Account Links zu sensiblen Informationen. Dazu gehörten neben Handy- und Kontonummern auch Adressen, Kopien von Personalausweisen, Bewerbungsschreiben und Familienfotos. Die Daten sind offenbar echt. Ob sie bei einem Hackerangriff entwendet wurden oder aus einer Institution wie dem Bundestag heraus widerrechtlich weitergeleitet wurden, ist offen.

In Berlin hieß es am Freitag, auch Daten der Kanzlerin seien erbeutet worden, nach bisherigem Wissen aber keine sensiblen. Ganz anders sah es bei Parteien wie den Grünen aus. In ihrem Umfeld sind 105 Personen betroffen, neben Ehrenamtlichen und dem Bundestagsabgeordneten Konstantin von Notz besonders Parteichef Robert Habeck. Nach Angaben eines Sprechers wurden seine Bankdaten und Mailadressen veröffentlicht, Fotos der Familie und ganze Chats zwischen Habeck und seinen Söhnen. "Das ist ein klarer Angriff auf den politischen Meinungsbildungsprozess", sagte der Parteisprecher. "Da sollen Leute eingeschüchtert und diskreditiert werden." Die Botschaft der Angreifer sei: "Wir wissen alles über euch." Davon lasse man sich nicht beeindrucken.

Auch in SPD, FDP, Linkspartei und Union wurden Datenlecks festgestellt und Abgeordnete aufgerufen, Passwörter zu ändern und Sim-Karten auszutauschen. Schleswig-Holsteins Ministerpräsident Daniel Günther (CDU) sprach von einem "besorgniserregenden Vorgang". Auch er sei mit Daten bislang "recht transparent umgegangen". Als einzige Bundestagspartei scheint die AfD verschont geblieben zu sein. "Nach dem derzeitigen Stand liegen den ermittelnden Behörden keine Erkenntnisse dazu vor, dass Politikerinnen oder Politiker der AfD von der Veröffentlichung betroffen sind", teilte ein Sprecher des Bundesinnenministeriums mit.

Die Identität der mutmaßlichen Hacker ist noch unklar. Der Twitter-Account, auf dem die Informationen veröffentlicht wurden, existiert seit knapp vier Jahren. Nach Informationen des IT-Portals Heise soll der Account früher einem Youtuber gehört haben, sei aber mutmaßlich gehackt und von Unbekannten übernommen worden. Inzwischen werden hier Tweets favorisiert, die sich über die "linksversiffte Brille" oder "grenzdebile Gutmenschen" mokieren. Mehrfach gab es Zustimmung für Angriffe auf den Satiriker Jan Böhmermann. Der Datenklau betrifft auch Bands wie K.I.Z, den Schauspieler Til Schweiger, Journalisten von ARD und ZDF, etwa von Sendungen wie der "Heute-show" oder "Extra 3".

© SZ vom 05.01.2019
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