Hackerangriff auf schwedischen Politiker:Hilferuf vom Ex-Minister

Die Mail klingt dringend: Er sitze auf Zypern fest und brauche dringend Geld. Hacker haben den Mail-Account von Schwedens Ex-Außenministers Bildt geknackt und an Beamte und Journalisten geschrieben. Eine peinliche Angelegenheit für den internetaffinen Politiker.

Von Silke Bigalke, Stockholm

Wer Carl Bildt auf Twitter folgt, weiß immer, wo sich Schwedens ehemaliger Außenminister gerade aufhält. Der 65-Jährige hat sein Amt im Oktober an die Sozialdemokratin Margot Wallström abgegeben, nachdem seine Partei die Wahlen verloren hatte. Trotzdem ist er noch viel unterwegs, twitterte in den vergangenen zwei Wochen aus Washington, wo über "einige ziemlich düstere Szenarien für die Russland-Krise" diskutiert wurde, aus Dubai, Delhi, Abu Dhabi. Zuletzt postete Bildt noch ein Wüsten-Foto. Am Montagmorgen kam dann diese Nachricht von ihm: "Ich bin nicht auf Zypern und ich brauche keinerlei Geld-Hilfen."

Jemand hat offenbar Bildts private Mail-Adresse gehackt und eine Nachricht in seinem Namen unter anderem an Beamte des Außenministeriums und einige Journalisten geschickt. Die Tageszeitung Dagens Nyheter veröffentlichte die Mail: Er sei auf Zypern, steht darin, Brieftasche, Pass und Kreditkarten seien ihm gestohlen worden. Nun brauche er 1350 Pfund, um Hotel und Flug bezahlen zu können. Es klingt eilig: "Ich muss wirklich im nächsten Flieger weg von hier sitzen."

Kein anderer Politiker Schwedens ist so internet-begeistert

Für den IT-Experten Robert Malmgren ist klar: Bildt wurde Opfer einer Phishing-Attacke. Die Hacker nutzen sein persönliches Adressbuch in der Hoffnung, jemand hilft dem vermeintlichen früheren Außenminister tatsächlich mit Geld aus, das dann an die Betrüger fließen würde. Solche Attacken seien nicht selten. Dass Bildt betroffen sei, sei wohl eher Zufall, so der IT-Experte. "Hätte jemand seinen Zugang absichtlich gehackt, würde er ihn nicht für so einen simplen Trick nutzen." Bildt hat auf Twitter angekündigt, die Polizei einzuschalten.

Für ihn ist die Sache peinlich, weil kein anderer schwedischer Politiker so internetaffin ist wie er. Seine Meinung teilt er der Welt lieber per Tweet und Blog mit, als in Interviews. Anfang November zum Beispiel war er in Tallinn. "Frische Luft und freies WiFi" seien die Hauptzutaten für ein modernes Estland, twitterte er.

Bildt bewertet im Internet die Arbeit der Regierung

Bildt nutzt das Internet auch, um die Politik der neuen schwedischen Regierung zu kommentieren. Als diese Ende Oktober den Palästinenserstaat anerkannte, twitterte er: "Ich bedaure sehr, dass wir noch keinen echten Staat Palästina haben. Die brutale Realität ist Besetzung. Das sollten wir nicht vergessen." Und als die Streitkräfte Beweise dafür vorlegten, dass sie im Oktober ein echtes U-Boot vor Stockholm verfolgt hatten, dessen Nationalität jedoch immer noch nicht nennen konnten, lästerte Bildt über "kleine grüne U-Boote".

Neben der Meldung über Bildts gehackte Mail-Adresse berichteten schwedische Medien am Montag über ein Interview von Bildts Nachfolgerin Wallström. Zum ersten mal fürchteten sich die Schweden ernsthaft vor Russland, hielten es für unberechenbar und erratisch, hatte sie dem Svenska Dagbladet gesagt. Zwar konnte Schweden nicht feststellen, woher das fremde U-Boot kam. Das Land sei jedoch vorbereitet, seine Bündnisfreiheit und seine Grenzen zu verteidigen. Auch Wallström nutzt Twitter hin und wieder. Sie reagierte dort aber weder auf Bildts Kritik noch auf sein Mail-Missgeschick.

© SZ vom 18.11.2014/anri
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