Guyana:Der karibische Traum vom Öl

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Der neue Präsident, Irfaan Ali, will das arme südamerikanische Land in eine wohlhabende Zukunft führen.

Von Christoph Gurk, Buenos Aires

Eigentlich hätte dieses Jahr das Jahr werden sollen, in dem für Guyana eine neue, strahlende Zukunft anbricht. Vor der Küste des kleinen südamerikanischen Landes waren riesige Ölfelder gefunden worden, seit einem halben Jahr läuft die Förderung. Um über 80 Prozent sollte die Wirtschaft darum wachsen und Guyana zu einer Art karibischen Golfstaat machen. Doch statt dem Reichtum kam das Chaos: Es brach ein erbitterter Kampf um das Ergebnis der Präsidentschaftswahlen Anfang März aus. Der Streit legte das Land nicht nur lahm, er führte es auch an den Rand des Bürgerkriegs.

Diesen Sonntag nun wurde nach fast genau fünf Monaten endlich ein neuer Präsident vereidigt. Mohamed Irfaan Ali, geboren 1980, studierter Urbanist, langjähriges Mitglied der People's Progressive Party PPP, ehemaliger Minister und Abgeordneter. Irfaan Ali ist erst der zehnte Präsident Guyanas überhaupt, keine 60 Jahre sind schließlich vergangen, seit das Land 1966 seine Unabhängigkeit vom Vereinigten Königreich erlangte. Dazu ist der 40-Jährige auch der erste praktizierende Muslim in einem Präsidentenamt in Südamerika: Irfaan Ali kommt aus einer indischstämmigen Familie. Wie Tausende andere wurden seine Vorfahren von den Engländern als sogenannten Kontraktarbeiter von Indien nach Guyana verschleppt. Hier mussten sie auf den Zuckerrohr- und Reisfeldern schuften.

Der 40-jährige Mohamed Irfaan Ali, hier mit seiner Ehefrau Arya Ali (re. vorne), ist der erste praktizierende Muslim in einem Präsidentenamt in Südamerika. (Foto: Luis Acosta/AFP)

Heute machen die Indo-Guyaner fast die Hälfte der Bevölkerung des Landes aus. Fast ebenso groß ist aber die Gruppe der Afro-Guyaner, den Nachfahren von einst aus Afrika verschleppten Sklaven. Immer wieder kam es in der Vergangenheit zu Auseinandersetzungen zwischen den beiden Bevölkerungsteilen, es ging um Macht und Vorteile. Nun aber, mit der Entdeckung der reichen Ölvorkommen vor der Küste Guyanas, droht die Lage endgültig zu eskalieren.

Bis zu einer Million Barrell könnte Guyana in Zukunft fördern, im internationalen Vergleich nicht viel, auf die Bevölkerung umgerechnet aber gigantisch. Gerade einmal knapp 800 000 Menschen leben in Guyana, über ein Drittel von ihnen war bisher arm. Die Kindersterblichkeit in Guyana gehörte zur höchsten von ganz Südamerika, die Suizidrate war sogar die dritthöchste der Welt. Wer konnte, ging weg. Als dann aber 2015 die Ölfelder vor der Küste entdeckt wurden, verwandelte sich Guyana auf einmal vom Armenhaus zum potenziellen Wirtschaftswunder, Investoren kamen, genauso wie Glücksritter. In all der Aufbruchstimmung fragten sich aber auch viele, wer es denn am Ende sein würde, der von all den neuen Reichtümern profitieren würde - und welche Rolle dabei ethnische Zugehörigkeiten spielen würden.

Als am 2. März diesen Jahres dann Wahlen stattfanden, war von Anfang an klar, dass die allermeisten Afro-Guyaner für den bis dahin amtierenden Präsidenten stimmen würden: David Granger, ein ehemaliger Militär mit afrikanischen Vorfahren. Die meisten Indo-Guyaner aber wählten wiederum den indischstämmigen Irfaan Ali. Die Wahl wurde von internationalen Beobachtern überwacht, dennoch kam es zu Unregelmäßigkeiten. Granger erklärte sich kurz nach der Wahl eigenmächtig zum Sieger, Irfaan Ali und seine Partei widersprachen.

Es folgte ein Streit, der immer erbitterter ausgefochten wurde, Granger und seine Parteienkoalition würden ihre Niederlage durch Manipulation verhindern wollen, hieß es. Die andere Seite hielt dagegen und sagte, Irfaan Ali und seine PPP hätten im großen Stil Stimmen gefälscht, sogar die Namen von Toten seien auf den Stimmlisten aufgetaucht. Die Angelegenheit landete vor Gericht in gleich einem halben Dutzend Rechtsstreitigkeiten, derweil versank das Land immer mehr im Chaos. Mitten in der weltweiten Corona-Pandemie war das Parlament blockiert, öffentliche Ausgaben wurden auf ein Minimum heruntergefahren. Anhänger der beiden Parteien drohten sich gegenseitig, das Land unregierbar zu machen, sollte die Gegenseite gewinnen. Manche Beobachter fürchteten, die Lage könnte in Gewalt umschlagen, aus dem Boom- ein Bürgerkriegsland werden und auch Firmen und Investoren begannen zu zögern, ob sie mit Guyana wirklich Geschäfte machen wollten, trotz allem potenziellen Reichtum.

Die Aussicht darauf, einen Teil der schon gewonnen geglaubten Reichtümer wieder zu verlieren, könnte am Ende die Rettung gewesen sein. Als am Sonntag die nationale Wahlbehörde den Sieg von Irfaan Ali bekannt gab und dieser nur ein paar Stunden darauf sein Amt antrat, kritisierte die neue Opposition zwar die Entscheidung, es kam aber bisher zu keinen Unruhen. Die Siegesfeiern fielen gleichzeitig moderat aus, vermutlich wollte man die andere Seite nicht reizen. Kurz nach dem Amtseid erklärte der neue Präsident, man wollte sich nun auf die wirtschaftliche Entwicklung konzentrieren, aber auch auf die nationale Einigkeit und gegenseitigen Respekt.

© SZ vom 04.08.2020 - Rechte am Artikel können Sie hier erwerben.
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