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Guttenberg vs. Schneiderhan:Wahrheit und Ehre

Es geht um gegenseitige Anschuldigungen und angeblich vorenthaltene Berichte: Woran sich der Streit zwischen dem Minister und dem Generalinspekteur entzündet hat.

Stefan Kornelius

In der Auseinandersetzung zwischen Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg und Generalinspekteur Wolfgang Schneiderhan sind beide Seiten offensichtlich bemüht, die Schärfe herauszunehmen. Schneiderhan ließ am Mittwoch wissen, dass Zitate eines Gesprächs mit der Wochenzeitung Die Zeit nicht autorisiert gewesen seien. Schneiderhan hatte diesen Aussagen zufolge den Minister massiv angegriffen, der Lüge bezichtigt und deutlich gemacht, dass er in seiner Ehre verletzt sei. In einer persönlich verletzenden Art soll er gesagt haben: "Dass er vorschnell formuliert, ist bekannt."

Im Clinch: Verteidigungsminister Guttenberg und Generalinspekteur Schneiderhan (re.).

(Foto: Foto: AP)

Guttenberg auf der anderen Seite reduzierte die Auseinandersetzung auf die Feststellung, dass der Generalinspekteur selbst die Gründe für die Trennung in jenem Schreiben aufgeführt habe, in dem er um die Entlassung bat. Dies genüge für eine Entlassung.

Dieses Schreiben ist inzwischen öffentlich bekannt geworden. Sowohl Die Zeit als auch der Stern zitieren daraus. So stellt Schneiderhan darin fest, dass sich der Minister bei seiner ersten Bewertung am 6. November zum Einsatz von Kundus auf den Isaf-Bericht gestützt habe. "Andere Zwischenberichte, Berichte und Meldungen wurden Ihnen nicht vorgelegt. Dafür übernehme ich die Verantwortung. Deshalb bitte ich Sie, mich von meinen Dienstpflichten zu entbinden." Damit sind Details aus dem Entlassungsgespräch vom 25. November zweitrangig.

Von Guttenbergs Seite hieß es, Schneiderhan und der ebenfalls später entlassene Staatssekretär Peter Wichert hätten trotz mehrmaligen Nachfragens keinen Hinweis auf weitere Untersuchungsberichte gegeben. Schneiderhan bestand indes darauf, dass er die Berichte sofort erwähnt und beigeschafft habe.

Schneiderhans Empörung scheint sich also nicht so sehr an den Umständen der Entlassung festzumachen, sondern vor allem an den Äußerungen Guttenbergs aus der Zeit danach. So jedenfalls lässt es sich aus den - nicht autorisierten - Zitaten aus der Zeit herauslesen. Es sind die Vokabeln "vorenthalten" und "unterschlagen", von Guttenberg in einer Talkshow geäußert und gleich korrigiert, die Schneiderhan als ehrabschneidend empfindet.

Unterschlagung geschieht mit Vorsatz, und so will Schneiderhan nicht gehandelt haben - vorsätzlich. Hier steckt der Grund für den Zorn: Der General fühlt sich in der Ehre gekränkt.

Auf den Fluren des Ministeriums wird ebenfalls die Interpretation verbreitet, der General sei "unehrenhaft" entlassen worden. Guttenberg hatte zwar extra einen Großen Zapfenstreich für Schneiderhan spielen lassen, als Zeichen der Ehrbehandlung. Dennoch setzt sich bei den Getreuen des Generalinspekteurs fest, dass der Minister zu forsch gehandelt habe und dem General nicht mal die Abschiedstour bei den Nato-Verbündeten ermöglicht habe. Diese Interpretation ist zwar nicht ganz richtig - Schneiderhan ist sogar noch bis Ende des Jahres im Dienst und räumt erst zum Ende dieser Woche sein Büro. Die Wahrnehmung aber ist in der Welt.

Auch in der Sache reduziert sich die Auseinandersetzung auf eine Frage der Wahrnehmung: Guttenberg sagt, Schneiderhan habe ihn nicht ausreichend informiert und falsch beraten. Tatsächlich hatte er dem Minister gar keine andere Wahl gelassen. Schneiderhan verkündete bereits am 29. Oktober seine Interpretation des Nato-Berichts ("militärisch angemessenen"). Guttenberg schloss sich später dem Urteil an. Alles andere wäre ein Misstrauensbeweis für Schneiderhan gewesen. Offenbar wollte Guttenberg, nur wenige Tage im Amt, diese Eskalation nicht.

Später behauptete Schneiderhan, dass alle relevanten Informationen im Isaf-Bericht enthalten seien, dass also auch die später aufgetauchten Berichte der Feldjäger etwa in diesen Bericht eingeflossen wären. Da wiederum irrt Schneiderhan. Der Isaf-Bericht listet die anderen Berichte als Quelle zumindest nicht auf. Auch ist der Isaf-Bericht weit weniger wertend als der Feldjägerbericht.

Allerdings sind in ihm drei Schlüsselaussagen enthalten, die Guttenbergs Misstrauen hätten wecken müssen: Erstens wird klar, dass die Taliban und nicht die Tanklastzüge Ziel des Angriffs waren. Zweitens wird die Zahl der zivilen Opfer genannt (30 bis 40). Und drittens wird nachgewiesen, dass der deutsche Oberst bei seinem Angriffsbefehl Einsatzregeln und Verfahrensregeln verletzt habe.

Als Guttenberg am 3. Dezember seine Einschätzung revidierte und den Angriff als unangemessen bezeichnete, begründete er diesen Meinungsschwenk mit einer neuen "Gesamtschau". Guttenberg will durch die anderen Berichte ein neues Lagebild erhalten und klare Handlungsalternativen erkannt haben. Da hatte er sich bereits des Generalinspekteurs entledigt und musste keine Rücksicht mehr nehmen auf dessen Darstellung.

Bleiben zwei Rätsel: Warum kam der General zu seinem Urteil? Wollte er den Oberst schützen und vor einem Disziplinarverfahren oder gar strafrechtlichen Ermittlungen bewahren? Und zweitens: Warum hat Guttenberg nicht schon am 6. November von einem "unangemessenen" Vorgang gesprochen? Die Gründe dafür standen ja im Isaf-Bericht.

© SZ vom 18.12.2009
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