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Guttenberg und die Plagiatsaffäre:Gewissen und Täuschungsvorsatz

Mit Guttenbergs verschämtem Eingeständnis unbewusster, handwerklicher Fehler - eine groteske Aussage, angesichts der Fülle abgekupferter Passagen und manipulierter Fremdtexte - konnte dieser einen Teilsieg erringen, zumindest vorläufig. Zwar nahm die Kommission keine Heilung der Mängel durch das Bestehen der Doktorprüfung an (wie auch?), zu einer Antwort auf die Frage des Täuschungsvorsatzes wollte sie sich aber nicht durchringen.

Gerügt wurde eine "objektive Täuschungshandlung". Damit dürften gemeint sein: ein erheblicher Verstoß gegen die Zitierpflicht und das der Doktorarbeit beizufügende Ehrenwort, die Dissertation selbständig und quellengenau verfasst zu haben. Bei strikter Anwendung des §16 der Promotionsordnung hätte hier auf absichtliche Täuschung erkannt werden müssen. Um dieser Prüfung auszuweichen, griffen die mutlosen Juristen der Kommission auf Artikel 48 des Bayerischen Verwaltungsverfahrensgesetzes zurück. Der aber lässt die für den Verteidigungsminister schonendere Rücknahme eines Verwaltungsaktes aufgrund wesentlich unrichtiger oder unvollständiger Angaben zu.

Deutlicher äußert sich die Rechtsprechung. Das Weglassen der Quellenangaben qualifizierte der Verwaltungsgerichtshof Baden-Württemberg wiederholt als Täuschung, die zur Entziehung des Doktorgrades berechtige (Az.9 S 2435/99). Ähnlich argumentierte der Bayerische Verwaltungsgerichtshof (Az.7 B 05.388). Nur 130 wörtliche Zitate ohne genaue Quellenangabe in einer Dissertation wertete das Gericht als schweren "Verstoß gegen grundlegende Maßstäbe wissenschaftlichen Arbeitens" und wies den Einwand der Klägerin, sie habe die Arbeit "mit bestem Wissen und Gewissen gefertigt und niemals Täuschungsvorsatz gehabt", als "unerheblich" zurück.

Einer Doktorandin müsse "bekannt sein, dass eine solche Vorgehensweise in wissenschaftlichen Arbeiten unzulässig" sei. Diese Urteile hatten vor dem Bundesverwaltungsgericht und auch dem Bundesverfassungsgericht Bestand. Aus ihnen folgt: Wer sich in Texten anderer Autoren bedient und durch Verschweigen der Quellen seine Spuren verwischt, begeht eine Täuschung.

Also ist über Täuschung und Plagiat, über Ideendiebstahl und Betrug zu reden. Nicht über allzu menschliches Schummeln und handwerkliche Fehler. Freilich: Der wissenschaftliche Autor zu Guttenberg verwahrte sich noch im Parlament gegen den Begriff Plagiat. Er habe "niemals bewusst getäuscht". Und gab damit zu erkennen, dass er die Täuschung seiner Gutachter nun als Täuschung der Öffentlichkeit fortzusetzen gedenkt. Die Bayreuther Kommission hat dieser Strategie nicht das Wasser abgegraben, sie wohl aber erschwert. Es ist an der Zeit, der Mär vom "vielbeschäftigten Politiker", der etwas "übersehen" haben könnte, den Garaus zu machen. Wer auch immer diese Doktorarbeit geschrieben haben mag, wird nicht als origineller Denker, sondern als Plagiator in die Wissenschaftsgeschichte eingehen.

Und die Moral? "Hoffnung ist das Ding mit Federn", schreibt Emily Dickinson in einem Gedicht. "Mit fremden", müsste ein Plagiator ergänzen. Hofft er doch, sein Ideendiebstahl möge sein Geheimnis bleiben und sich für ihn auszahlen. Diese Hoffnung trügt nicht immer, aber oft. Das Internet, lehrt Guttenbergs Fall, spielt dem bequemen Plagiator unzählige fremde Federn zu und straft ihn ab, wenn er sie allzu gierig nimmt.