Guttenberg: Plagiatsaffäre:Geisterjagd

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Nachdem jeder Strichpunkt in Guttenbergs Doktorarbeit per Google untersucht wurde, geht es nun um denjenigen, der sie kopiert hat: Die Opposition befeuert Spekulationen, Guttenberg habe Ghostwriter beschäftigt.

Roland Preuß und Tanjev Schultz

Internet-Nutzer und Journalisten recherchieren weiter, das Objekt ihrer Begierde hat sich am Wochenende jedoch verlagert: Nachdem gleichsam jeder Strichpunkt in Karl-Theodor zu Guttenbergs Doktorarbeit per Google mit fremden Texten abgeglichen wurde, geht es nun um denjenigen, der sie kopiert hat.

Gesucht wird: ein Ghostwriter.

Der Parlamentarische Geschäftsführer der SPD-Bundestagsfraktion, Thomas Oppermann, brachte diese Frage am Wochenende in die politische Debatte ein und befeuerte damit die Spekulationen. Sollte tatsächlich ein geheimer Autor gefunden werden, so hätte Guttenberg ein noch größeres Problem als die übernommenen Textstellen. Er stünde als Lügner da. Schließlich hatte er bereits am Mittwoch betont, die Anfertigung dieser Arbeit "war meine eigene Leistung".

Doch bisher sind es nur Mutmaßungen, ob es einen Ghostwriter gab und wer es gewesen sein könnte. Im Fokus stehen unter anderem frühere Mitarbeiter Guttenbergs in seinem Bundestagsbüro, etwa Philipp von Brandenstein, dem Guttenberg einmal bescheinigte, er habe "ganz, ganz tolle Arbeit abgeliefert". Das klingt verdächtig - mehr aber auch nicht. Denn Brandenstein fing erst Anfang 2007 in Guttenbergs Büro an, also zu einer Zeit, als die Doktorarbeit bereits abgegeben war. Später trennte sich Guttenberg plötzlich von dem Mitarbeiter, nachdem Unbekannte ein kompromittierendes Foto lanciert hatten, das angeblich den Adeligen zeigt. Hätte Brandenstein die Doktorarbeit verfasst, so hätte er Guttenberg in der Hand gehabt - er wäre von ihm wohl kaum so behandelt worden.

Brandenstein sagte am Sonntag der Süddeutschen Zeitung: "Mir aus dem Hinterhalt unehrenhaftes oder gar strafwürdiges Verhalten zu unterstellen, ist feige und verachtenswert." Seinen Namen in die Debatte zu werfen, sei Teil einer "politischen Intrige". Wen Brandenstein damit meinte, sagte er nicht. Allerdings haben nach seinen Angaben mehrere Mitglieder der CSU-Landesgruppe in den vergangenen Tagen sein Profil auf der Internet-Plattform "Xing" besucht. Am Schreiben von Guttenbergs Dissertation "war ich nicht beteiligt", sagte Brandenstein. "In meiner Dienstzeit habe ich dazu beigetragen, aus einem Hinterbänkler einen Politiker der ersten Reihe zu machen - da war genug zu tun."

"Oberflächliche Arbeitsweise vorstellbar"

Als möglicher Autor wird zudem Hartmut P. gehandelt, der von 2002 bis 2006 wissenschaftlicher Mitarbeiter Guttenbergs im Bundestag war. Der Zeitraum passt durchaus, nicht aber, was P. in diesen Jahren sonst noch zu tun hatte: Einer Biografie der Konrad-Adenauer-Stiftung zufolge ging der Historiker von 2000 bis 2005 nebenher selbst einem Promotionsstudium in Cambridge nach. Er müsste also weitgehend parallel zwei Doktorarbeiten verfasst haben. P. selbst war am Sonntag nicht zu einer Stellungnahme zu erreichen.

Ein langjähriger und enger Weggefährte Guttenbergs sagte der SZ, der Politiker habe während seiner ersten Periode im Bundestag durchaus noch Zeit gehabt für die Dissertation. "Sein Arbeitsumfang im parlamentarischen Betrieb und als Ansprechpartner der Medien hielt sich in dieser Zeit noch ziemlich in Grenzen." Guttenberg habe gesagt, dass er sich erst abends an die Dissertation setzte, und er habe heftig über diese nächtliche Arbeit geklagt. An einen Ghostwriter glaube er nicht, sagte der Vertraute. Fehler und eine "oberflächliche Arbeitsweise" angesichts des Drucks, die Arbeit endlich abzuschließen, halte er "für eher vorstellbar".

Rücktritt? "Unsinn!"

Mehr Substanz hat der Verdacht, Guttenberg habe die Wissenschaftlichen Dienste des Bundestages für seine Doktorarbeit eingespannt. An drei Stellen der Dissertation verweist er auf entsprechende Expertisen. Auf Seite 373 gibt er an, das Kapitel beruhe auf einem Vortrag, den er im Mai 2004 gehalten habe. Dafür hätten die Wissenschaftlichen Dienste "wichtige Grundlagenarbeit" geleistet. Dabei handelt es sich, wie der Spiegel berichtet, unter anderem um ein - von Guttenberg weitgehend übernommenes - zehnseitiges Papier des Referenten Ulrich Tammler mit der Registernummer WFIII-100/04 und dem Titel: "Die Frage nach einem Gottesbezug in der US-Verfassung und die Rechtsprechung des Supreme Court zur Trennung von Staat und Religion".

Tammler, selbst Jurist und mittlerweile im Ruhestand, erinnerte sich, dass "da mal was war". Beim Wissenschaftlichen Dienst habe er viele Gutachten zu Themen wie Bundeswehr oder Staatskirchenrecht verfasst. "Wir erfahren aber nicht, was damit passiert", beschreibt Tammler die Arbeitsweise; ständig könnten einzelne Abgeordnete, wie damals Guttenberg, Expertisen bestellen. Was anschließend damit geschieht, könnten die Referenten nicht überprüfen.

Die Referenten sollen die Abgeordneten unterstützen, ihre Arbeit ist aber politisch neutral. Die Opposition sieht im Nutzen der Dienste für die Dissertation einen möglichen Missbrauch. Denn der Service der Referenten darf nur für mandatsbezogene Tätigkeiten in Anspruch genommen werden. Womöglich kann sich Guttenberg aber darauf berufen, dass er die Expertisen tatsächlich zunächst im Rahmen seines Mandats benötigte. Die Themen seiner Dissertation waren ja auch für den Abgeordneten Guttenberg relevant. Dennoch bliebe der Vorwurf des Plagiats.

Guttenberg zeigte sich weiterhin unbeeindruckt von den Anschuldigungen. Dem Magazin Focus antwortete er auf die Frage, ob er seit Dienstag einmal an Rücktritt gedacht habe, knapp mit: "Unsinn!". Es liege nicht bei ihm, zu beurteilen, was der Vorgang für seine Glaubwürdigkeit und Autorität bedeute. "Aber beidem gerecht zu werden, bleibt mein Anspruch", sagte er. In einer Emnid-Umfrage für das Magazin sprachen sich nur 27Prozent für einen Rücktritt des Ministers aus. Und 57 Prozent der Deutschen halten ihn nicht für einen Schwindler, wie eine weitere Emnid-Umfrage für die Bild am Sonntag ergab. Eine Mehrheit von 52 Prozent hält allerdings die Glaubwürdigkeit des Ministers für beschädigt.

Berlins Wissenschaftssenator Jürgen Zöllner (SPD) forderte ein höheres Qualitätsbewusstsein in der Wissenschaft. Der Fall Guttenberg sei "kein Einzelfall, nur besonders spektakulär". Zöllner ist Vorsitzender der Wissenschaftskonferenz von Bund und Ländern. Er schlug vor, Fördermittel an strengere Auflagen zu binden.

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