Nach Guttenbergs Rücktritt:Charisma in der Demokratie

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In der Demokratie ist Inbegriff und Repräsentant des Volkes nun aber das Parlament. Es symbolisiert das Volk, zugleich ist es freilich Symbol für die Entkörperung der Macht. Das Parlament besteht ja nicht aus vier oder fünf Menschen, auch nicht aus einer Herrscherfamilie, sondern aus ein paar hundert immer wieder neu gewählten Volksvertretern; und das Chrisma langt halt nicht für alle; es verteilt sich daher in homöopathischen Mengen. Deshalb kommt es zur Klage über eine zu graue Politik, zu viel Durchschnittlichkeit und zu wenig Glanz.

Charisma in der Demokratie ist, wenn es sich denn entfaltet, zumeist ein Ergebnis langer Pflichterfüllung: Es wächst Politikern zu, die lange, tüchtig und mit besonderen Gaben gearbeitet haben; meist geschieht dies eher am Ende ihres politischen Lebens, oft auch erst danach. Helmut Schmidt, Richard von Weizsäcker, auch Egon Bahr und Heiner Geißler sind lebende Beispiele. Bei den Kauders, Seehofers, Gabriels und Brüderles denkt keiner an Charisma, und es fehlt auch geduldigen Demokraten die Geduld, darauf zu warten. Es gibt daher in der Demokratie immer wieder eine Sehnsucht nach dem Gesalbten, nach einem, der von Natur aus der Richtige ist, und bei dem die demokratische Wahl diese Richtigkeit nur noch deklaratorisch bestätigt. Es gibt die Sehnsucht nach dem Politiker, bei dem die Kür nicht nach, sondern schon vor der Pflicht kommt. Deshalb war die Freude über Guttenberg so groß, der Haltung auch dann ausstrahlte, wo er keine hatte. Einer wie Guttenberg ist ein Politiker nicht für den Kopf, sondern für das große Gefühl - und das große Gefühl mag sich vom Kopf nicht so schnell überzeugen lassen, dass es falsch lag. Von der Aura blieben aber nun nur die ersten zwei Buchstaben übrig.

Auch die Demokratie braucht einen gewissen Zauber. Guttenberg war der falsche Zauberer. Die Explosion von Bewunderung und Empörung, die die Entlarvung seiner Doktorarbeit ausgelöst hat, war Teil eines demokratischen Politiktheaters. Das Feuerwerk der Guttenberg-Wochen, mit all seinen Krachern, Böllern und Raketen, war ein erregendes Schauspiel, aber eben Schauspiel. Es wird insgesamt zu wichtig genommen; die Erregung wird, wie nach einem spannenden Film, verfliegen. Der 27. März, die Landtagswahl in Baden-Württemberg, ist für die unmittelbare politische Zukunft des Landes und das Schicksal der Bundesregierung entscheidender als Guttenbergs Abgang. Der wird den Ausgang dieser Wahl nicht maßgeblich beeinflussen. Es könnte sich allerdings die Zahl derer erhöhen, die nicht zur Wahl gehen, weil sie enttäuscht sind über das Ende eines Hoffnungsträgers; das könnte die kleineren Parteien stärken.

Der Unsichtbare und der Törichte

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