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Guttenberg-Biographie:"In jedem Bereich großartig sein"

Am Vorabend des Rücktritts versammelt sich die Hauptstadtpresse, um mehr über das Phänomen Guttenberg zu erfahren. Sie wollen wissen, was ihn antreibt, wie er arbeitet, was er denkt - und wie es zur umstrittenen Doktorarbeit kam.

Karl-Theodor zu Guttenberg ist nicht da. Es ist nur sein Nachname, der auf einer großen Leinwand prangt - und doch sind sie alle wegen ihm gekommen. Im Ballsaal haben die Angestellten des Berliner Hotels Adlon 200 Stühle aufgestellt, trotzdem müssen einige stehen. Nicht nur die deutschen Hauptstadtkorrespondenten sind da, sogar das bulgarische Staatsfernsehen hat eine Reporterin geschickt. Denn hier geht es um nichts Geringeres, als die Psyche Karl-Theodor zu Guttenbergs zu ergründen.

Guttenberg-Biografie in Berlin vorgestellt

Mitten in die Plagiataffäre platzt eine Biographie über das Leben von Verteidigunsminister Karl-Theodor zu Guttenberg: Die Autoren gehen in Guttenberg hart mit dem CSU-Politiker ins Gericht.

(Foto: dapd)

Zwei Männer sollen an diesem Abend das Rätsel Guttenberg entschlüsseln: Eckart Lohse und Markus Wehner, Journalisten der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung. Die zwei Historiker - alle beide summa cum laude promoviert - haben ein Buch geschrieben. Es trägt den schlichten Titel Guttenberg. Biographie, von Mittwochmorgen an liegen 33.000 Exemplare in deutschen Buchhandlungen. Sie werden nicht lange reichen.

Neben Lohse sitzt der Verleger Hans-Peter Übleis und witzelt mit österreichischem Charme in der Stimme über Doktortitel, zwischen den Autoren moderiert Spiegel-Redakteur Christoph Schwennicke den Abend. Eigentlich hätte aber jemand ganz anderes hinter dem Rednerpult aus dunklem Tropenholz stehen sollen: CSU-Chef Horst Seehofer - so hatte es die Einladung zur Buchpräsentation angekündigt.

Doch nur drei Tage vor der Präsentation, am späten Freitagnachmittag, gab der Droemer-Verlag bekannt, Seehofer werde doch nicht sprechen. Er wolle sicherstellen, dass "zurückhaltend und verantwortlich" mit den Plagiatsvorwürfen gegen Guttenberg umgegangen wird, zitiert der Verlag Bayerns Ministerpräsidenten. "Mein Auftritt bei der Vorstellung einer Biographie über Karl-Theodor zu Guttenberg wäre mit einer solchen Linie unvereinbar."

Weitere Erklärungen fehlen, es bleibt bei dieser dürren Absage kurz vor dem Termin. Am Montag erklärte Seehofer in München bei der Vorstandssitzung seiner Partei: "Die Geschlossenheit der CSU ist eine sehr starke, und die sollte niemand unterschätzen." Einen Ersatz für den Laudator Seehofer gibt es nicht. So kurzfristig konnte - oder wollte - offenbar niemand für ihn einspringen und die heikle Aufgabe übernehmen.

Absenz der Mächtigen

Die beiden Journalisten konnten von Copygate, wie Guttenbergs Abkupfer-Affäre inzwischen mancherorts genannt wird, nichts ahnen, als sie vor einem Jahr mit der Arbeit an ihrem Buch begannen. Da sie ihre Biographie nun mitten in Guttenbergs bislang größter politischer Krise präsentieren, ist das Buch einerseits schon vor dem Erscheinungstermin veraltet - ihm fehlt ein wichtiges Kapitel, an einer Neuauflage wird bereits eilig gestrickt. "Es ist eingetreten, was wir immer gefürchtet haben: dass etwas ganz Großes passiert", sagt Autor Eckart Lohse. Andererseits aber garantiert der Termin mehr Aufmerksamkeit, als sich die Autoren erträumen hätten können.

Diese Aufmerksamkeit wäre auch Seehofer sicher gewesen. Es wäre die perfekte Gelegenheit gewesen, dem angeschlagenen Verteidigungsminister den Rücken zu stärken, zumindest auf den ersten Blick. "Karl-Theodor hat die Unterstützung seiner politischen Familie, und zwar uneingeschränkt", hat der CSU-Chef immer wieder betont, der sich gerne als Entdecker des Polit-Stars präsentiert. "Das bleibt auch so", beteuert Seehofer.

Es ist bereits die zweite deutliche Absenz der Mächtigen in der Union: Als am vergangenen Mittwoch die Opposition Guttenberg bei einer Aktuellen Stunde im Bundestag ins Kreuzverhör nimmt, fehlt Angela Merkel. Warum hat Seehofer den Auftritt, der freilich lange vor Guttenbergs Krise feststand, abgesagt? Freut sich der CSU-Chef am Ende gar an der derzeitigen Situation des Politstars, wohlwissend, dass sie ihm im Kampf um die Parteiführung mindestens eine Schonfrist beschert?

Mit solchen Spekulationen hat Seehofer gerechnet und weist sie in der Pressekonferenz nach der Sitzung des Parteipräsidiums in München weit von sich. Es habe ein Gespräch mit Guttenberg gegeben, sagt Seehofer. Er betont noch einmal seine Unterstützung für den Shooting-Star der Christsozialen und schießt gegen die Koalitionspartner in Berlin: "Einzelne Äußerungen" aus CDU und FDP, so der Parteichef, kämen der CSU "schon befremdlich vor".

Ist Seehofers Absage also eine Schutzmaßnahme, will der Parteichef so Rückendeckung für den Verteidigungsminister demonstrieren? "Die Partei ist ihm mit einer Art Respekt begegnet, die eine Mischung aus Achtung und Furcht war", sagt Buchautor Lohse. "Zumindest war das bis vor der Plagiatsaffäre so."

Prominente Plagiate

Seins oder nicht seins?

"Er hängt an seinem Amt"

Ein Jahr lang haben Lohse und Wehner recherchiert, mit Weggefährten und Verwandten gesprochen. Sie haben 400 Seiten gefüllt und 203 Fußnoten gesetzt. Das Ergebnis ist eine deutlich kritische Annäherung an Guttenberg und seine "Souveränitätsshow". Das Buch ist auch getragen von Misstrauen gegenüber einem Politiker, der mit der "Blattgoldspraydose unterwegs" ist. "Es sollte von Anfang an eine Biographie werden, die versucht, ihm gerecht zu werden", sagt Lohse. "Kritisch, aber mit Anspruch der Fairness."

CSU-Vorstandssitzung

Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg auf dem Weg zur CSU-Vorstandssitzung. Horst Seehofer sagte kurzfristig als Laudator für die Vorstellung der Biographie ab.

(Foto: dapd)

Wäre Seehofer gekommen, er hätte nicht beiden gerecht werden können: Dem Buch und seinem Gegenstand. Was die Autoren skizzieren, lässt Guttenbergs Verhalten in den vergangenen zwei Wochen konsequent erscheinen: "Er wollte in jedem Bereich großartig sein", sagt Wehner über den Verteidigungsminister, "auch da, wo er nicht das leisten kann, was er gern leisten würde."

Der Historiker spricht über Guttenbergs frisierten Lebenslauf, seine Familiengeschichte, seinen Elitenbegriff. Es ist sehr ruhig im Saal, nicht nur weil das Mikrofon zu leise eingestellt ist. Alle wollen mehr wissen über das Phänomen Guttenberg."Er ist ein sehr impulsiver, hochemotionaler Mensch", sagt Lohse. Die politische Karriere des fränkischen Freiherrn sei stets von Kairoi geprägt, günstigen Zeitpunkten, dem Gespür für Gelegenheiten, sagt der Hauptstadtjournalist.

Guttenbergs Überleben

Sein Kollege Wehner dröselt derweil das System Guttenberg auf: Wie er Verantwortung auf andere abwälzt, das Zugeben von Fehlern zum Selbstwert stilisiert, in den Zustimmungswerten seinen einzigen, aber umso mächtigeren Verbündeten hat. "Diesmal ist es anders: Es gibt keinen, den er verantwortlich machen kann, und wenn es einen gäbe, dann könnte er es erst recht nicht sagen", sagt Wehner in Anspielung auf Gerüchte um einen Ghostwriter.

Die Frage, die das politische Berlin regiert, dominiert auch diesen Abend: die Frage nach Guttenbergs Überleben. Während an den Bistrotischen bei Erbsenpüree und Currywurst spekuliert wird, ob er es noch bis zur Wahl in Baden-Württemberg am 27. März schaffe, wagt Guttenberg-Kenner Lohse eine Prognose: "Guttenberg hat so oft mit seinem Rücktritt gedroht, dass ich es inzwischen nicht mehr ernst nehme", sagt er. "Ich glaube, dass er sehr viel mehr am Amt hängt, als er uns einreden will."

Die Einleitung für die überarbeitete Auflage der Biographie ist bereits geschrieben, sie endet mit folgendem Satz: "Eines jedoch ist klar, ganz gleich wie die Sache ausgehen wird. Die Geschichte von K.T. Guttenberg und Deutschland ist noch nicht zu Ende." Mit dieser Prognose jedenfalls dürften die Autoren richtig liegen.

Guttenberg und die Plagiatsaffäre

Abgeschrieben