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Gut so, schlecht so (17):Die Falten der Angela Merkel

Sie hat das "Ich" zum "Wir" gemacht, und sogar ihr Mann sagt etwas. Kanzlerin Angela Merkel ist auf Stimmenfang. Doch wer ist sie wirklich? Die Kolumne zum Medienwahlkampf.

Er spricht. Tatsächlich, der Herr Professor Joachim Sauer, der im Bewusstsein der Deutschen stets als stummer Gatte der Kanzlerin unterwegs ist, sagt erstmals ein paar Worte über Angela Merkel: Er könne stolz sein "auf sie und ihre beruflichen Erfolge", erklärt der Wissenschaftler in die Kameras der ARD-Reporter. Merkel steht dabei und lächelt. Da hätten sie aber Glück gehabt, sagt Merkel den Journalisten, leicht frotzelnd, im Weggehen.

Kanzlerin Angela Merkel: Am 27. September kommt es ganz auf sie an.

(Foto: Foto: Reuters)

In einem Wahlkampf, der keiner ist, zeigt sich das professionelle Begleitvolk und das breite Publikum schon dankbar für kleinste Enthüllungen, und seien es Stolz-Bekundungen des Ehemanns der Regierungschefin. Exklusiv!

Sauer also spricht, und das in einer kreuzbraven, handwerklich soliden Dokumentation namens "Die Kanzlerin - Angela Merkel" an diesem Donnerstagabend im Ersten. Einige Wochen, nachdem das ZDF ein ähnliches Porträt ausstrahlte, das immerhin den unfreiwilligen Scoop von der Party für Josef Ackermann im Kanzleramt in sich barg, folgen die nächsten Versuche eines Merkel-Psychogramms.

Es kommt ja ganz auf sie an, in diesen Tagen vor der Bundestagswahl am 27. September. Auf die Bilder einer Regierungschefin für alle, die sie in die Wohnzimmer liefert, auf ihr Image als "Mutter der Nation", die sich aus kleinlichem Parteiengezänk heraushält und die eine besorgte, allzeit bereite Kümmerin gibt. Sie ist das personifizierte "Wir", das die CDU überall plakatiert.

Je mehr ihr SPD-Widersacher Frank-Walter Steinmeier in den Medien provoziert und strampelt, also nicht "Wir" ist, desto souveräner erscheint Majestät Merkel. Diese stoische Unverletzbarkeit wird sie auch durch das absurde TV-Duell mit ihrem Vizekanzler an diesem Sonntag tragen. Von einer "Eiskönigin" spricht Buchautor Gabor Steingart ("Die gestohlene Demokratie").

Das Distanz-Nähe-Spiel mit den Berliner Journalisten, die viel wissen wollen und denen sie so wenig geben will, beherrscht die Kanzlerin jedenfalls mit jener Kunst pragmatischer Anpassungsfähigkeit, die die Pfarrerstochter in der DDR eine akademische Karriere hat machen lassen. Als Kind, aufgewachsen in einem Ort in der Uckermark, habe sie "viel Zugang zur Freiheit" gehabt, formuliert Merkel, und meint die Natur sowie die Bücher, die sie bestellen konnte.

Sie bewältigte den Studienaufenthalt in Moskau ebenso wie die physikalischen Formelapparate. Von ihrem "Kirchentagslook" erzählt Lothar de Maizière im Film, der erste und letzte Regierungschef der freien DDR, von ihren Schlabberhosen und Latschen und von ihrem Willen, eine neue Politik zu machen. Er führt auch an, wie "detailversessen" sie sei.

Angela Merkel - ein Mensch, der sich immer neuen, höheren Herausforderungen stellt und Leistungskraft beweisen will, um irgendwo anzukommen. Das Ergebnis: Karriere.

Dabei ist sie ein politischer Kontrollfreak: misstrauisch, überall Intrigen vermutend, Akten verschlingend, machtbewusst, nachtragend, aber auch schlau, schlagfertig, beweglich, charmant. Eine Propagandistin der "Politik der kleinen Schritte", der es darauf ankommt, dass die Richtung des Weges stimmt. Eine Moderatorin von Konflikten, die niemals auf den Tisch haut und sagt: "Bis hierhin und nicht weiter." Und gleichzeitig die unideologischste Vorsitzende, die die CDU jemals hatte. "Unauffällig auffällig", nennt sie das ARD-Porträt.

Vor zehn Jahren hat sich Merkel, die einstige Generalsekretärin, in der Parteispendenaffäre öffentlich rechtzeitig abgesetzt von jenem System alter Männer, das sie hochgebracht hatte. Inzwischen hat sie ihren früheren Förderer Helmut Kohl genauso in ihre Ahnengalerie großer Konservativer eingemeindet wie Konrad Adenauer, der sie als Kokoschka-Porträt im Büro durch die Hundstage einer Kanzlerin begleitet.

Sie ist eine Spaziergängerin der Macht, die Stationen abläuft und Themen frühzeitig erkennt, gleichwohl aber keine ausgeprägten Spuren hinterlässt und selbst als "Klimakanzlerin" kein sonderliches Profil gewann. Aber so, wie Boris Becker in seinen besten Tennistagen auf die big points setzte, um Satz und Sieg zu erreichen, so ist sich Merkel der big moments im politischen Leben bewusst, und die liefert ihr die Außenpolitik frei Haus. Sie achte "schon sehr darauf, dass sie bei den roten Teppichen die Erste ist und nicht noch der Steinmeier als Außenminister eine Rolle spielen kann", ätzt SPD-Chef Peter Struck. Den big point des G-20-Gipfels in Washington, wenige Tage vor der Wahl, wird Merkel vermutlich mit schlafwandlerischer Treffsicherheit nutzen.

Tatsächlich: Diesen roten Teppich nimmt ihr niemand mehr. Keiner dieser missgünstigen Journalisten, die sie am liebsten als Kämpferin oder Reformerin sehen, und nicht als große Taktikerin. Keiner dieser politischen Rivalen um die Macht. Und erst recht kein Steinmeier.

Liebgewonnen hat Angela Merkel in diesem Medienwahlkampf offenbar ihren journalistischen Dauerbegleiter Markus Brauckmann. Der Mann von CDU.TV darf sie immer wieder "exklusiv" interviewen, zuletzt beim offiziellen Wahlkampfauftakt der Union in Düsseldorf. Sie sei "insgesamt kämpferisch", gab Merkel bei dieser Gelegenheit zum Besten. Dem Bürger müsse klargemacht werden, dass es um eine Grundsatzentscheidung gehe: stabile Verhältnisse oder "Kuddelmuddel".

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