Gut so, schlecht so (13) Keine Experimente mit "Angie" Adenauer

Merkel auf den Spuren von Adenauer: Sie will nicht im Schlafwagen, sondern im historischen Zug zur Macht. Die Kolumne zum Medienwahlkampf.

Von H.-J. Jakobs

In diesen Tagen sind die Zeitungen voll mit Storys über die Sommerreise des SPD-Kanzlerkandidaten Frank-Walter Steinmeier. Wo aber ist seine Gegenspielerin, die Regierungschefin, Kanzlerin? Angela Merkel urlaubt.

Angela Merkel in ihrem Büro im Bundeskanzleramt im Jahre 2006. An der Wand hängt ein Gemälde Oskar Kokoschkas von Konrad Adenauer.

(Foto: Foto: Reuters)

Sie setzt auf den Kanzlerbonus - und auf eine Politik nach der alten Losung "keine Experimente". Die ist in Krisenzeiten betonfest und war schon zu Zeiten des seligen Konrad Adenauer erfolgreich. Der Politiker mit dem Häuptlingsgesicht stand wie Angela Merkel der Bundesregierung und der CDU vor, und gewann so viele Wahlen, dass er 14 Jahre im Amt blieb.

Rückgriff auf den Helden von vorgestern

Nur Helmut Kohl schaffte - mit 16 Jahren - bekanntlich mehr, aber der Pfälzer taugt für den Wahlkampf 2009 nicht recht. Er war vor gut zehn Jahren in die CDU-Parteispendenaffäre verstrickt und Merkel hat sich damals mit einem Artikel in der Frankfurter Allgemeinen demonstrativ von Kohl abgesetzt.

Nein, die Frau von heute nimmt lieber den Helden von vorgestern. An Adenauers goldene Zeiten will die CDU erinnern, wenn Angela Merkel gut erholt vom Urlaub wahlkämpfen wird - und suggerieren, eine ähnliche Regierungsqualität gebe es nur mit ihr.

Sichtbares Zeichen der Nostalgie-PR: Für den 15. September plant die Spitzenpolitikerin eine "Deutschlandreise" mit dem Rheingold-Express.

Die Fahrt beginnt in Adenauers rheinischen Wohnort Rhöndorf und führt über die frühere Bundeshauptstadt Bonn, in der sich Adenauer 1949 mit einer Stimme Mehrheit (seiner eigenen) wählen ließ, über die "Heldenstadt" Leipzig, wo vor 20 Jahren der Aufstand gegen die DDR-Oberen begann, in das neue Machtzentrum Berlin. Mit im historischen Sonderzug werden CDU-Granden, Mitglieder der Familie Adenauer und Journalisten fahren.

Mehr Symbolik kann man nicht auf die Schienen setzen. Das Unternehmen Zukunft der CDU ist simpel, aber schlagstark.

"Kanzlerbüro auf Schienen"

Auf den Zug der Zeit hatte es schon Konrad Adenauer, "Angies" großes Idol, vor mehr als 55 Jahren abgesehen. Der hochtalentierte Wahlkämpfer informierte sich in den USA, wie sich das Publikum mit modernen Mitteln wohl am leichtesten gewinnen ließe. Folglich setzte der CDU-Vorsitzende und Kanzler 1953 erstmals im Wahlkampf einen Zug ein, den im Übrigen Hermann Göring früher benutzt hatte.

In den Waggons plauderte Adenauer mit den durchweg faszinierten Vertretern der Presse, und am Zielort war regelmäßig großer Bahnhof. Alle hatten Stoff. So konnte Adenauer täglich mehrere Städte und viele Zeitungsseiten abdecken.

Mit diesem "Kanzlerbüro auf Schienen" erreichte der CDU-Politiker und frühe "Medienkanzler" gute Ergebnisse, 1957 sogar die absolute Mehrheit.

Von Adenauer lernen, heißt siegen lernen, denkt sich Angela Merkel, das Kind Ostdeutschlands. Nicht umsonst hat sie seit vier Jahren ein von Oskar Kokoschka gemaltes Porträt des Altkanzlers im Büro hängen. Nun fährt die Taktikerin der Macht einfach auf die alte PR-Masche ab.